Reden wir über Kapitalismus – Schlechtes Marketing

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Was ist „Faschismus“? Für diesen Begriff gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Definitionen, eine verwirrende Menge aus Zuschreibungen und Andichtungen. Ich wette, dass nicht mal ein Prozent der Menschen in der Lage ist, eine emotionslose und rein positivistische Definition dieser Begriffe vornehmen zu können. Man hört „Faschismus“ und assoziiert den Begriff instinktiv mit Bildern, die man über Jahre und Jahrzehnte vom polit-medialen Komplex einprogrammiert bekommen hat. Dasselbe gilt auch für „den Kapitalismus“: Der Begriff unterliegt in seiner Bedeutung keinem einheitlichen wissenschaftlichen Standpunkt. Stattdessen beherrschen hier ebenfalls die Bilder und Assoziationen das Denken, auf die wir konditioniert worden sind.

Genau wie „Faschismus“ ist „Kapitalismus“ ein allgegenwärtiger Begriff, der vollumfänglich von den Linken „gedeutet“ – also mit (negativen) Assoziationen verknüpft – wurde. Die Intention dahinter ist klar: Während sich der weltanschauliche Feind – der Rechte, das Bürgertum, die Familie, die Gesellschaft, die Nation, das Volk und so weiter – bei der Distanzierung von diesem Begriff und seiner Zuschreibung abmüht (wer will schon „Kapitalist“ sein?), stehen die Menschenexperimente der Linken nie unter Rechtfertigungszwang. Sie sind die gut gemeinte Alternative, die Hoffnung auf eine bessere Welt, die Befreiung von den Zwängen des Marktes, und so weiter und so fort. Scheitert irgendwo der Sozialismus, dann natürlich nur, weil er nicht richtig umgesetzt wurde. Was sind schon Millionen Tote, Verhungerte, Erschossene? Kann passieren, sorry. Aber immerhin ist man gegen den Faschismus. Es ist immer dieselbe Leier.

Leider, leider, leider tendiert ein Teil der Rechten dazu, in Bezug auf den Kapitalismus die linken Rabulistiken unhinterfragt zu übernehmen. Das hat zweierlei Gründe:

1.) Die Strahlkraft der linken Intelligenzija, die auf unnachahmliche Weise ihre Establishment-Existenz als immerwährende Revolte gegen „das System“ kaschiert. Linkssein ist vor allem ein Lebensstil. Es ist ein Sound, den die Wagenknechts und Pikettys zu spielen wissen, und welcher rechte Intellektuelle zeigt nicht gerne auf seinen Bücherschrank und die vielen bunten Klebezettel, mit denen er die Werke von Polanyi oder Lenin versehen hat. Antikapitalismus – das scheint die einzige tief hängende Frucht zu sein, für deren abpflücken sich der Rechte nicht rechtfertigen muss.

2.) Ökonomischer Analphabetismus: Vor vielen Jahren, die DDR stand noch und VW baute gute Autos, gehörte es in Westdeutschland zum guten Ton, verbildeten Linken „… dann geh doch nach drüben!“ oder „Geh mal richtig arbeiten!“ anzuempfehlen, wenn diese zur Agitation ansetzten. Das geht heute nicht mehr, denn 1990 ging die BRD in der DDR auf, und „richtig arbeiten“ tut hier ja sowieso kaum noch jemand. Der Sozialismus als moderne Ideologie sowie all seine Wurmfortsätze (Poststrukturalismus, Genderismus, Multikulturalismus und so weiter) wurden von Menschen ersonnen, die nie im Konkreten, schon gar nicht im konkret Ökonomischen verortet waren. Wie viele Linke studieren Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre? Wie viele Linke steigen in das Unternehmen ihrer Familie ein (nein, Aktivismus ist kein Unternehmen), gehen strukturierten Tätigkeiten in der Produktion, dem Handwerk, der Finanzverwaltung nach oder gründen unter Inkaufnahme aller damit verbundenen Risiken ein eigenes Unternehmen? Diese Frage stellt sich auch für Rechte…

Und da kommen wir zum springenden Punkt: Wieso wird beim Thema Kapitalismus immer, wirklich immer, nur auf Linke rekurriert? Was hindert Rechte daran, einen unverbindlichen Blick in das schnöde Wirtschaftslexikon zu werfen, eine VWL-Vorlesung zu besuchen oder sich mit Hayek, Mises und Konsorten zu befassen? Wieso wird nicht Smith oder Röpke “von rechts” gelesen, sondern ausgerechnet Marx? Woher kommt dieses tiefe Bedürfnis, den Kapitalismus als eine Art Weltverschwörung wahrzunehmen, die wahlweise überwunden oder entlarvt werden muss, wo doch der Kapitalismus beziehungsweise seine Bedingungen anthropologische Konstanten darstellen? Vor allem Konstanten, die dem rechten Denken, der rechten Sicht auf den Menschen in keinster Weise widersprechen?

Kann man so etwas wie den Kapitalismus begreifen, ihn als Zustand des menschlichen Zusammenlebens wertneutral definieren? Wie grenzt er sich gegenüber dem Sozialismus ab? Das lässt sich anhand von drei Annahmen nachvollziehen: Eigentum, Produktion und Preisbildung.

Kapitalismus/Marktwirtschaft:

1.) Privateigentum.

2.) Produktion durch private Initiative.

3.) Freie Preisbildung an Märkten.

Beispiel: Du besitzt Produktionsmittel/Fähigkeiten und kannst frei über diese verfügen. Du entscheidest dich mit diesen Produktionsmitteln/Fähigkeiten Güter oder Dienstleistungen zu produzieren. Der Preis für deine Güter oder Dienstleistungen bildet sich durch die Funktion von Angebot und Nachfrage am Markt.

Dem gegenüber steht der Sozialismus/die Planwirtschaft:

1.) Staatseigentum.

2.) Produktion durch staatliche Initiative.

3.) Preisfestsetzung durch den Staat.

Beispiel: Der Staat teilt dir seine Produktionsmittel (Fähigkeiten sind hier abstrakt: Etwa die Zuteilung von Ausbildungs- oder Studiengängen) zu. Mit diesen wirst du in eine staatlich delegierte Produktion integriert. Für die dort produzierten Güter und Dienstleistungen setzt der Staat Preise fest.

Natürlich spannen sich zwischen diesen drei Bedingungen eine ganze Reihe von Zuständen auf, die den Rückschluss nahe legen, dass es weder den perfekten Kapitalismus noch den perfekten Sozialismus gibt. Aber das, lieber Leser, schauen wir uns dann beim nächsten Mal genauer an.

1 Comment

  1. Ich hatte letztens wieder ein Gespräch mit einem der die DDR miterlebt hat.
    Er schimpft auf die jetzige BRD und die alles bestimmen wollende ReGIERung. Also hat das Problem erkannt. Er schlägt Sozialismus als Lösung vor.
    Ich sage ihm, dass das (sprich die aktuelle BRD) Sozialismus ist und dies das Problem sei. Genauso wie zu DDR Zeiten.
    Dann kommt der Standartsatz der auch mir so zum Hals raushängt: Die DDR war kein richtiger Sozialismus. Wenn man es nur richtig macht, klappt das schon.
    Meine Gegenfrage “Was war denn an der DDR kein richtiger Sozialismus?” blieb unbeantwortet und ich hab’s dann aufgegeben.
    Aber er findet die aktuelle BRD schlecht.

    Ich kann nur noch unverständlich mitm Kopf schütteln… ein Kampf gegen Windmühlen…

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