Hieronymus Bosch und/oder Werkstatt. Die Kreuztragung Christi . etwa 1492-1516. Öl auf Holz. 150 × 94 cm. Madrid, Palacio Real.

Karfreitag – Der Plastikmensch entdeckt seine Tanzwut

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Atheistisch, akulturell, apathisch – der Plastikmensch glaubt ganz genau zu wissen, wieso er heute, am hohen Freitag der Christen, den Rebellen mimen darf. Er mag kein großer Tänzer sein, und auch sonst rollt er genervt mit den Augen, wenn die Lebensabschnittsgefährtin an jedem anderen Freitag die „Let‘s Dance“-Lobotomie auf RTL einläutet. Aber heute ist das anders! Heute ist Karfreitag, heute wird wieder einmal ein Rest christlich-abendländischer Tradition zelebriert, da gibt es für den Plastikmenschen also etwas zu besudeln, zu „dekonstruieren“ – etwas konstruieren kann dieser Strichcode-Mensch allenfalls noch mit Legosteinen –, also wird munter losgelegt.

https://twitter.com/AhaAchja/status/1643984817384751108

Jahr und Tag betet uns der Plastikmensch die Litanei über die böse katholische Kirche herunter. Er tut das, weil er das in den Medien gesehen hat, weil ihm das die Experten sagen, vor allem aber – und da sind wir wieder bei den Legosteinen – weil zerstören so viel leichter ist als aufzubauen oder gar zu erhalten. Er weiß Bescheid, der Plastikmensch, er lässt sich von einem Haufen Kleptomanen und Kinderschändern nichts vormachen, er ist aus der Kirche ausgetreten, verkündete er neulich stolz. Aus der Kirche ausgetreten? Wie mutig, Herr Plastikmensch, wie mutig! Keine Kirchensteuer mehr für die Kirche, soso. Wie hält er‘s mit der GEZ? Verweigert unser Herr Durchschnitt auch die Rundfunkgebühr? Auch das ist ja eine Glaubensfrage! Keine Antwort, welche Überraschung.


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Ich frage deswegen, weil es ja auch der Staatsfunk ist, der mir als rheinisch-katholischem Fundamentalisten alljährlich erklären will, was Ramadan ist. Die Stimme aus dem Radio und dem Bewegtbildgerät tut das mit derselben Beflissenheit, mit der mich auch der Plastikmensch in seine Sekte der legobauenden, serienschauenden, dauerreisenden, expertenhörigen Extremisten einführen möchte. Ramadan, oho, da wölben sich die Augenbrauen nach oben, da werden die Ohren gespitzt. Hier ist Religion auf einmal Sinnsuche und Kultur, hier wird plötzlich die Stimme gesenkt und Respekt bekundet.

Würde sich irgendjemand trauen, den Islamverbänden andauernd und beinahe ausschließlich strukturellen Kindesmissbrauch oder andere Abscheulichkeiten vorzuwerfen? Würde ein deutsches Satiremagazin die Anhänger des Propheten in ähnlich widerwärtiger Weise beleidigen, wie man das mit gläubigen Christen tagein, tagaus exerziert? Die Frage ist natürlich rein rhetorisch. Der Plastikmensch ist zwar doof, aber immerhin nicht so dumm, um nicht zu wissen, welcher Baum die Schellen verteilt.

Dieser kulturelle Autokannibalismus ist nicht allein auf die christliche Überlieferung beschränkt. Wer bei dem einen anfängt, der hört auch bei dem anderen nicht auf. Die Uni Münster zum Beispiel hat ihren simulierten Entscheidungsprozess nun abgeschlossen und wird den Namen des letzten deutschen Kaisers abstreifen. Der Plastikmensch in seiner Rolle als „Studierender“ kann nun aufatmen. Seine Indoktrinierung gelingt genauso gut in einem Institut, das statt eines Namens eine Nummer trägt.

Ich weiß, auch unter unserer Leserschaft gibt es viele, die sich von der Kirche abgewandt haben. Das ist eine Sache, die jeder mit sich selbst ausmachen muss. Aber ich gehe davon aus, dass selbst unseren atheistischen oder agnostischen Freunden bewusst ist, dass es das Abendland nur christlich – oder gar nicht – geben wird.

10 Comments

  1. Zustimmung auf ganzer Linie. Dabei tanzen die meisten Linken nun wirklich nicht und einen Tag aussetzen, sich darüber aufzuregen und jedes Jahr gefühlt noch mehr, ist doch wirklich lächerlich. Den stillen Feiertag mitnehmen, aber auf Clubbesuche, die man sowieso nicht tut, verzichten? Nicht mit dem Plastikmenschen. Auf einmal entdeckt er den Kampf für die Freiheit.
    Von Kultur will und kann er nichts mehr verstehen, von Religion schon zweimal nicht.

  2. In einer Fole der HeuteShow echauffierte sich Till Reiners neulich allen Ernstes über die Kirchensteuer. Nun der Austritt aus der Kirche kostet 30€ Verwaltungsgebühr, der Austritt aus dem ÖRR kann GEfängnis zur Konsequenz haben..
    Und wo kann man eigentlich bei von der Klimareligion austreten?

  3. Ich dachte immer, den Muslimen lässt man halt noch etwas Freigang, solange bei denen die Religionskritik in systematischer Weise und im Sinne der Aufklärung, etwa im Zeichen eines Ludwig Feuerbachs, noch auf sich warten lässt. Unsere christliche Kultur hat diese Aufklärung jedoch bereits durchschritten, also dürfen wir auch entsprechend kehren vor unserem Tor. Indes mag es sein, dass die Verbindung zur ehemaligen geistigen Größe (siehe u.a. Peter Watson) in Wahrheit an seidenem Faden hängt denn an starkem Strang.

  4. Naja, die Kirche hat sich ja selber vom christlichen Glauben verabschiedet. Daher ist ein Austritt aus der Kirche in meinem Augen ein christliches Bekenntnis hin zu Jesus.
    Meine Meinung als Christ.

  5. Es werden hier mehrere Dinge miteinander vermischt, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Glaube, Kultur und Religion/Kirche. Auf dieser schwammigen Basis diffamiert der Autor bösartig alle Menschen, die nicht in sein Narrativ passen. Glaube und Spiritualität kann aber nicht von oben nach unten vorgegeben werden sondern kommt von den Menschen. Es braucht keine starre Machtstruktur wie die kath. Kirche, die den Menschen das vorgibt. Die Kirche verkörpert mitnichten das Gute, sie ist ein Parasit der sich das Bedürfnis der Menschen nach einen höheren Sinn im Leben zu nutze gemacht hat. Zum Erhalt von Kultur trägt sie über dies auch nicht bei, sondern hat die abendländischen Werte längst verraten.

    • Falsch. Die Katholische Kirche ist diejenige, die von Jesus Christus selbst gestiftet wurde. Und Wahrheit nicht relativ, daher können schlecht alle recht haben und nach ihrer Facon machen, wie sie gerade mal “spirituell” denken.

  6. Abendland christlich oder gar nicht; steile These. Aber könnte stimmen. Das (unbewußt) atheistische Experiment dauert noch nicht lange genug um sich eine komplett areligiöse Gesellschaft vorzustellen.
    Die beiden großen Kirchen bieten mE keine Orientierung. Sind nur noch Selbstversorgungsvereine. In Deutschland jedenfalls.
    Etwas religiöse Power gibt es bei Evangelikalen; die sich ohne Staatshilfe finanzieren.
    Das war gut in Ahrweiler nach der Flut zu sehen.Von den Kirchen kam außer weniger warmer Worte nichts, die Evangelikalen packten an und waren für Seelsorge greifbar.

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