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Kiews Studenten auf der Flucht!

11. März 2022

Kiew wird belagert, und keiner weiß, wie lange die Schlacht um die ukrainische Hauptstadt letztlich andauert und wie entbehrungsreich sie sein wird. Orte, Plätze und Gebäude, die zuvor von Tausenden Menschen besucht worden sind, können durch den russischen Bomben- und Granatenhagel bereits morgen dem Erdboden gleichgemacht werden. So auch die Kiewer Universität, die noch bis zum 24. Februar, dem Tag der russischen Invasion, den europaweit renommiertesten Lehrstuhl für Afrikanistik innehatte.

Einen besonders authentischen Eindruck vermittelt der Bericht der „hessenschau“ – welcher Student kennt nicht das Problem, dass sowohl der Pass als auch der Studentenausweis sich ständig in Luft auflösen? Liegt vielleicht am hohen CO2-Gehalt, so etwas verträgt weder das Passpapier noch die Plastikkarte. Die Kiewer Studenten sind also auch Opfer des Klimawandels – also Opfer unseres Krieges gegen die gesamte Menschheit. Weniger authentisch, aber für Protestanten (wie ich annehme) typisch ist die gekonnt legere Kluft von Pfarrer Tim van de Griend. Da können sich die Katholiken echt etwas abgucken.

Überhaupt ist die Bande zwischen der Ukraine und dem Schwarzen Kontinent traditionell sehr stark – dass der Kosakenhetman Bohdan Chmelnyzkyj (1595-1657) ein PoC war – nein, Weiß ist keine Farbe –, wird uns sicherlich Netflix in Kürze nahelegen. Was können wir doch froh sein, dass die Unterhaltungsindustrie ihren Einfluss zur sinnvollen Aufklärung nutzt! Wussten Sie zum Beispiel, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Besetzung von traditionell als weiß gelesenen Historienrollen mit schwarzen Protagonisten…

… und dem „Blackfacing“, also der Verbreitung rassistischer Stereotype durch das Auftragen schwarzer Schminke? Ja, doch!

Aber genug zu den Inselaffen. Zurück nach Osteuropa: Ich könnte an dieser Stelle noch über die Schwarze Madonna aus dem polnischen Tschenstochau oder die als besonders fruchtbar geltende Schwarzerde referieren, aber ich denke, wir wissen alle, worauf ich hinauswill: Europa ist eben nicht ein eigenständiger Kontinent und schon gar keine Klammer für viele verschiedene Völker, Nationen und Kulturen, die ihrer eigenen Entwicklungsdynamik unterworfen waren und sind – nein, das ist Nazischeiße! –, Europa ist die nördliche Ausdehnung Afrikas. So einfach ist das.

Wenn jetzt also an deutschen Bahnhöfen keine blondbezopften Ukrainerinnen aus den Zügen steigen, sondern die Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden Afrikanistikstudenten aus Kiew, dann zeigt das einmal mehr, in welchen rassistischen Denkstrukturen wir verfangen sind. Statt also immer alles und jeden zu hinterfragen, helfen Sie lieber mit. Spenden Sie Geld. Wählen Sie linke Parteien. Und vergessen Sie bei alldem nicht die Millionen Fachkräfte, die Ärzte und Ingenieure, die nach wie vor direkt aus Afrika zu uns fliehen. Wegen der Kriege, die wir in Afrika begonnen haben. Und des Klimawandels. Und des Fischfangs. Und der subventionierten EU-Hühnchen. Stellen Sie keine Fragen. Vertrauen Sie den Medien. Schauen Sie mehr Netflix.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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