Zirkus Krone Raubtierdressur Gilbert Horike mit Königstigern

Manege frei! Beim Wanderzirkus

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Als ich das Gelände betrete, ist es zunächst der Schwager des Zirkusdirektors, dem ich über den Weg laufe. Die neun Monate alte Tochter neben sich im Kinderwagen, ist er gerade damit beschäftigt, einen Zirkuswagen zu streichen. Als ehemaliger Leichtmatrose gehe ich ihm ein wenig zur Hand. Schnell wird mir klar, dass unter Zirkusleuten ein ganz eigener Soziolekt gesprochen wird. Auf das Deklinieren von Substantiven wird durchweg verzichtet. Sie haben offenbar nur im Nominativ eine Existenzberechtigung. Allerdings wird der Numerus bei Wörtern im Plural durch die typischen Endungen markiert. Meine Frage, ob er ursprünglich aus Norddeutschland stamme, weil er häufig das Wörtchen „ne“ gebrauche, wo der Süddeutsche in der Regel „gell“ verwende, verneint er lachend: „Ich komme aus der Nähe von Stuttgart. ‚Ne‘, das isso bei die Zirkusleute. ‚Ne‘, das sagen wir alle.“ Ich bin verblüfft, dass trotz der Leonberger Heimat des 29-Jährigen keinerlei süddeutsche Sprachfärbung vorhanden ist, sondern die eigenwillige Grammatik der Zirkusleute mit einer sehr klaren, hochdeutschen Aussprache einhergeht. Manchmal wird zur Pluralbildung von Substantiven auch ein „s“ angehängt, wo laut Duden keines vorhanden ist. Beispiel: „Hast du schon Wasser bei die Hundes?“

Ich schlage mein Zelt im Schatten eines großen Wagens auf und warte auf das Eintreffen Harrys, des Zirkusdirektors. Der muskulöse Mann mit Stirnglatze ist nicht nur Familienoberhaupt und Zirkusdirektor, sondern auch selbst Artist. Nachdem er als junger Mann mehrere Stürze aus schwindelerregender Höhe vom Trapez nur knapp überlebte, hat er sich auf das Kunstreiten verlegt. Dabei springt er auf Pferde, die in vollem Galopp um die Manege preschen, und vollführt auf deren Rücken Saltos. Wer sich nun mit Blick auf das Tierwohl darüber echauffieren möchte, dem sei gesagt: Die Kaltblüter, mit denen diese Nummern aufgeführt werden, wiegen etwa eine Tonne. Bei einem durchschnittlichen Körpergewicht von 77 Kilogramm, bringt ein solcher Hengst also so viel auf die Wage wie 13 ausgewachsene Menschenkinder. Harry kann auf eine lange Familientradition zurückblicken. Der in die Jahre gekommene Artist gehört zum Zirkusadel der achten Generation. Er hat acht Brüder und zwei Schwestern, die – mit Ausnahme einer Schwester – alle selbst einem kleinen Wanderzirkus vorstehen. Seine Tochter hat bei den Jugendspielen des Internationalen Zirkusfestivals von Monte-Carlo als Akrobatin einen goldenen Clown abgestaubt.



Als Wiege des klassischen Zirkus gilt das industrialisierte England. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich dort die Reitkunst nach und nach vom höfischen oder militärischen Zeremoniell emanzipiert. Kunstreiter, die sich zu Gesellschaften zusammenschlossen, traten auf. Die Auftrittsorte waren bretterumzäunte Flächen unter freiem Himmel – Vorformen der späteren Manege. Bald hatte sich indes das überdachte Spielhaus etabliert. In den Pausen zwischen den Kunstreitern gab es Showeinlagen von Clowns und Akrobaten. Während der antike Assoziationen evozierende Begriff „Circus“ noch von den Dressurreitern der ersten Stunde abgelehnt wurde, setzte er sich im 19. Jahrhundert vollends durch. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt durch ein napoleonisches Theaterdekret befördert, das es untersagte, das Aufführen von Kuriositäten und Ähnlichem weiterhin als Theater zu bezeichnen. Fanden Zirkusaufführungen zunächst nur in festen Spielhäusern statt, revolutionierte eine Erfindung aus den Vereinigten Staaten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Zirkuswesen weltweit: das Zirkuszelt. Bereits 1830 hatte der Zirkusdirektor Aron Turner ein einmastiges Leinwandzelt mitgeführt. Das Zelt gestattete es dem Zirkus, auch in Städten aufzutreten, die zu klein waren, um über ein eigenes Spielhaus zu verfügen. Das goldene Zeitalter des Zirkus brach in Deutschland und Europa mit der Ausbreitung des Wanderzirkus an und hatte seinen Höhepunkt in den 1920er Jahren.

Nachdem wir die Pferde und Kamele getränkt und mit frischem Heu versorgt haben, trainieren Harry und ich zusammen im Zirkuszelt. Die erste Übung ist mir aus dem Fitnessstudio vertraut. Mit einer SZ-Stange wird der Bizeps aufgepumpt, allerdings nicht mit drei Sätzen zu je acht Wiederholungen, sondern mit sechs Sätzen zu je 60 Wiederholungen. Obwohl ich nach dem dritten Satz kaum noch die Hälfte der Wiederholungen packe, ist Harry sehr angetan von meinen Leistungen. Als wir die Sprungkraft trainieren, schmunzelt er, er würde mich sofort zum Artisten ausbilden, wenn die Zeiten besser wären. Ich hätte die besten Voraussetzungen. Aber die Zeiten sind schlecht. Weder Artisten noch Clowns haben etwas zu lachen, seit das Coronavirus von sich Reden macht. Zwei Jahre lang durften überhaupt keine Aufführungen stattfinden. Zwar heißt es mittlerweile wieder „Manege frei!“, aber die Besucherzahlen sind noch nicht auf dem Stand, auf dem sie vor der Pandemie waren. Die Lockdowns haben noch mehr Menschen als zuvor zu Netflix-Junkies werden lassen. Couch-Potatoes, die ihre Wohnung kaum noch verlassen.

Hinzu kommen die gestiegenen Spritpreise, die höheren Kosten für die Entsorgung von Müll, und das Problem der Futterbeschaffung. Nur noch die ganz Großen, etwa Zirkus Krone oder Charles Knie, können es sich deshalb leisten, durch die ganze Republik zu touren. Kleinere Wanderzirkusse ziehen nur noch in einer bestimmten Region umher, in der sie mit den Bauern und den Betreibern der Deponien seit Jahren auf gutem Fuß stehen. Das spart Kosten.

3 Comments

  1. Ich sehe nicht was diese infantile Nostalgie mit dem Zirkusgewerbe im Netflix-Zeitalter noch beizutragen hat wenn ich mir diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum und in HD ansehen kann anstatt als abgerichtete Kuriositäten.

  2. Frag einfach mal ein Kind, ob es mehr Freude dabei empfindet, ein Zebra live vor sich zu sehen und vielleicht sogar streicheln zu können oder dabei vor der Glotze zu hocken und sich ein paar Bilder in HD-Qualität reinzuziehen. Jeder, der Fleisch isst, aber dem Zirkus seine Tiere wegnehmen will, denen es weit besser geht als dem Schlachtvieh, ist in meinen Augen ein Heuchler. Etwas zu verbieten, auf das man selbst nicht angewiesen ist, ist wohlfeil.

  3. Aber was solls? Nachdem wir unsere Kinder zwei Jahre lang zum Maskentragen und Social-Distancing gezwungen haben, nehmen wir ihnen auch noch die Zirkusse und Streichelzoos weg. So können wir wenigstens etwas fürs Tierwohl tun. Die Hauptsache ist, dass wir nicht auf unser Wiener Schnitzel verzichten müssen. Das erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Vielflieger, die Grün wählen, um ihr Gewissen zu erleichtern.

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