Zum 78. Todestag von Heinrich Graf von Lehndorff

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„Schlaglöcher rechts und links“, verlautbart meine Beifahrerin lautstark, um auf der masurische Alleenstraße unser Fortkommen zu sichern. Als wir uns unserem Ziel nähern, kommt die Sonne zum Vorschein und lässt den Mauersee in Steinort (Sztynort) im damaligen Ostpreußen zum Glänzen bringen. Gleich angrenzend befindet sich das ehemalige Schloss der Familie Graf von Lehndorff. Wenn man sich heute den vom Verfall gezeichneten Palast ansieht, mag man kaum erahnen, welche menschlichen Schicksale sich hier abspielten, welch wunderschöne Liebesgeschichte hier ihre ersten Schritte machte und welch historische Ironiegeschichte dort geschrieben wurde. Doch beginnen wir bei den Anfängen.

Heinrich Graf von Lehndorff, Sohn eines bekannten preußischen Adelsgeschlechts und einer der Mitverschwörer des 20. Juli, verbrachte auf diesem malerischen Gut seine Kindheit. Umgeben von einer Gruppe Gleichaltriger genoss er in endlosen Sommern die Ausritte in der wunderschönen Seen- und Waldlandschaft. So scheint es nicht verwunderlich, dass in der Einschätzung des Klassenlehrers Heinrichs der Klosterschule Roßlau steht: „Er ist ein Landkind, liebt das Land, die Tiere und das Reiten. Trotz durchaus genügender Begabungen hat er keine höheren Interessen.“ Zumindest bei Letzterem sollte der Klassenlehrer unrecht behalten, aber er sah damals noch den Heinrich vor Augen, der in seinem Zimmer Mäusewettrennen veranstaltete.

Wohl kaum wird sich der Graf in Anbetracht seiner späteren Taten an seinen im Jahr 1930 verfassten Abituraufsatz im Fach Deutsch zum Thema „Notlüge“ erinnert haben. In diesem Aufsatz schrieb er: „Jede Notlüge ist nach meiner Ansicht erlaubt, wenn ihr Beweggrund nur Nächstenliebe ist.“ 12 weitere Schüler des Internats sollten später in den Kreis der Verschwörer eintreten. Nach dem Abitur stand es für Heinrich von Lehndorff als begnadeter Reiter und Pferdeliebhaber außer Frage, das Gut Steinort in der masurischen Landschaft, die er so sehr liebte, weiterzuführen. Während der Olympischen Spiele 1936 lernte Heinrich seine zukünftige Frau Gottliebe Gräfin Kalnein kennen und brachte sie auf das Gut. Doch das Leben des jungen Paares sollte nicht lange in ruhigen Bahnen verlaufen.

Spätestens als der nahegelegene Ort Rastenburg als geeignet für die Errichtung des Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“ auserkoren wurde, bekamen die Lehndorffs einen unliebsamen Dauergast aufgebrummt. Reichsaußenminister Ribbentrop, der lieber seinem Hobby der Jagd frönte, als im Teehaus der Wolfsschanze Hitlers nächtlichen Gesprächsrunden beizuwohnen, richtete sich 1941 im Anwesen der Lehndorffs den linken Flügel als Feldquartier ein. Mit 30 Bediensteten und weiteren Annehmlichkeiten machte sich Ribbentrop mit seiner selbst gewählten Briefanschrift „Im Felde“ ziemlich lächerlich.

Ungefähr zeitgleich fällt Heinrich Graf von Lehndorff nach grausamen Erlebnissen an der Ostfront die Entscheidung, der Widerstandsgruppe beizutreten. Mit seinem Entschluss zum Widerstand gegen Hitler sah sich die Familie angesichts der bizarren Wohngemeinschaft gezwungen, ein ideologisches Doppelleben zu führen. Man zog sich in den rechten Flügel des Gebäudes zurück und zeigte ein freundliches Lächeln in Richtung Ribbentrop und seinen Komparsen, während Heinrich gleichzeitig auf Kutschfahrten oder kurzen Spaziergängen an alten Eichen Verschwörungspläne schmiedete. Dabei waren Ribbentrop und sein Stab immer in der Nähe. Heinrich knüpfte in den folgenden Jahren weitreichende Widerstandsnetze bis in die Reihen der SS hinein.

Das Jahr 1944 sollte zu einer psychischen Zerreißprobe für die Familie werden. Bangend kehrte Heinrich am 20. Juli mit der Nachricht nach Hause, dass Hitler noch leben würde. Gerade als die Ehefrau ihn von Fluchtplänen überzeugen wollte, fuhr vor dem Haus ein Verhaftungskommando vor. Aber Lehndorff war schon durch das Fenster im ersten Stock gesprungen und in Richtung Wald geflüchtet. Ihm gelang die Flucht – zunächst. Doch Heinrich wurde gefasst und nach ersten Verhören in Königsberg nach Berlin überführt. Als der Transporter im Dunkeln das Gefängnis erreichte und sich die Türen öffneten, hatte Heinrich Graf von Lehndorff nur einen Wunsch: Freiheit. Und so rannte er um sein Leben und ihm gelingt die Flucht ein weiteres Mal. In seinem Abschiedsbrief an seine Frau beschreibt er die Tage der Flucht folgendermaßen: „ Jedenfalls hatte ich vier Tage der Freiheit, bin nachts gewandert, habe den Tag in den Wäldern geschlafen, von Beeren, Milch und rohem Gemüse gelebt.“ Nach den 4 Tagen waren seine Füße blutig, doch er lief weiter bis er von einem Förster gesichtet wurde. Heinrich stellte dem Förster frei, ob er ihn ziehen lässt oder der Polizei meldet. Der Förster rief die Polizei und Heinrich ergab sich seinem Schicksal. Er ist mürbe, doch das Schlimmste steht ihm erst noch bevor…



Ich lasse mich vor dem maroden Schloss auf einer Decke neben einer der alten Eichen nieder, um die letzten Seiten des Buchs „Menschen, Pferde, weites Land“ von Hans Graf von Lehndorff, einem Vetter Heinrichs, zu lesen. Am Ende wird die Geschichte einer alten Eiche vor dem Gut Steinort erzählt: Die alte Eiche sollte gefällt werden. Doch schon als die Eiche augenscheinlich mit der Axt durchgehakt war, blieb sie weiterhin aufrecht stehen. Erst der Förster konnte sie zu Fall bringen.

Heinrich von Lehndorff deutete dieses Ereignis als Sinnbild für den damaligen Zustand des Deutschen Reiches. „Von allen Bindungen gelöst, die einmal die Voraussetzung seiner Existenz gewesen waren, blieb er dennoch stehen und ließ nicht erkennen, daß er dem Untergang schon preisgegeben war.“ Die Vögel in den Baumspitzen bemerkten die Vorgänge am Baumstamm nicht und sangen weiter ihr Liedchen, bis die Blätter bald anfangen würden zu welken. Doch da war das Schicksal der Eiche längst besiegelt.

Auch Heinrich Graf von Lehndorffs Schicksal wurde besiegelt, als er am 04. September 1944 in Plötzensee nach zweimaliger (!) Flucht und anschließender Folter gehängt wurde. Am Abend davor schrieb er gefesselt noch einen Abschiedsbrief an seine Frau und seine 4 Kinder. 10 Seiten, die für ein ganzen Leben reichen mussten. Lehndorff hat die Einblicke, die er ins System bekam, nicht schweigend hingenommen, sondern ist aktiv geworden. Es ist ein Schicksal, doch eines das zeigt, was es bedeutet, für seine Ideale und Meinungen bis zur letzten Konsequenz einzustehen. Lehndorff hat wie viele andere Verschwörer unter schwerster Folter und vermutlich auch unter Einfluss anderer Substanzen geschwiegen. Er belastete sich selbst und sagte umfassend über seine Motive für den Widerstand aus. Zum Abschluss dazu Albert Haushofer: „Es gibt wohl Zeiten, die der Irrsinn lenkt, dann sind’s die besten Köpfe die man henkt.“

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