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Winterkrieg bei Kupjansk

2. Januar 2024

Mechanisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln. Wegen des weißen Schnees brauche ich in der mondlosen Nacht weder eine Stirnlampe noch ein Nachtsichtgerät. Während ich auf dem Weg in die Stellung noch an den Ohren gefroren habe, stehen mir jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Der Maschinengranatwerfer Mk 19, den ich auf dem Rücken habe, wiegt immerhin 33 Kilo. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Ungetüm für ein paar Kilometer spazieren trage. Zum Glück habe ich nur eine Glock an der Splitterschutzweste. Ein Sturmgewehr wäre in dieser Lage bloß hinderlich. Die Front ist an diesem Abschnitt seit einigen Tagen verhältnismäßig ruhig. Hin und wieder rattert dennoch ein Maschinengewehr, sieht man die Leuchtspurmunition am schwarzen Himmel hinter der Böschung aufsteigen und drüben auf das von Putins Truppen gehaltene Stellungssystem niederprasseln. Ab und an blitzt es wie bei einem Gewitter. Ein oder zwei Sekunden später hört man den Knall. Das sind die 152-mm-Granaten der russischen Artillerie.

Von solch einer Artilleriegranate wurde wahrscheinlich der völlig zerstörte Humvee getroffen, an dem wir auf unserem Weg entlang eines Schienenstrangs in der Dunkelheit vorbeistapfen. Möglich natürlich, dass das Fahrzeug zunächst von einem Drohnenpiloten ins Visier genommen wurde. Die Vernichtung eines schlecht getarnten gegnerischen Artilleriegeschützes durch eine FPV-Drohne habe ich eine Woche zuvor im Hauptquartier live am Bildschirm mitverfolgen können. Persönlich habe ich vom Krieg an der nördlichen Ostfront um Kupjansk noch nicht viel mitbekommen. Nicht eine Nacht habe ich bisher im Schützengraben schlafen, nicht einen Schuss abgeben müssen. Diejenigen, die schon länger hier sind, können allerdings ein Lied singen von den Stellungskämpfen und dem Leben in der „Blindage“. So wird im Stellungsbau der Unterschlupf bezeichnet, in den sich die Soldaten bei Artilleriebeschuss zum Schutz vor Granatsplittern zurückziehen. Bei einem Volltreffer mit einer 152-mm-Granate bietet die Blindage indes keinen ausreichenden Schutz. Ein Volltreffer bedeutet so gut wie immer: Game over. In diesen mit Baumstämmen und Aushub überdachten Erdlöchern wird auch geschlafen. Schon nach wenigen Tagen sind die Gesichter der Soldaten rußgeschwärzt von den Hindenburglichtern, die zwar das Atmen erschweren, aber wenigstens ein bisschen Wärme spenden.

Von dieser Wärme werden allerdings auch Mäuse und Ratten angezogen. Da der Herbst sehr mild gewesen ist und es viel Futter auf brachliegenden Äckern gab, konnten sich die Mäuse stark vermehren. Es gehört weiter nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, von was sich die Ratten an der Front hauptsächlich ernähren. Immerhin fressen Ratten auch Aas, und Leichen gibt es hier reichlich. Dazu Rationen und Speiseabfälle. Kaum ein Soldat, der nicht schon ein paar Nager aus seinem Schlafsack geschüttelt hätte. Dabei sind die Tiere nicht nur lästig, sie übertragen auch Krankheiten. Gerade in der Region um Kupjansk östlich der Stadt Charkiw ist im Dezember des zweiten Kriegsjahres bei vielen russischen Einheiten eine Erkrankung mit dem Hantavirus festgestellt worden. Laut dem Robert-Koch-Institut werden die Viren von infizierten Nagetieren über Speichel, Urin und Kot ausgeschieden. Auf den Menschen kann die Übertragung der Krankheit über aufgewirbelten Staub oder durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel erfolgen.

Als wir das Ziel unseres Marsches endlich erreichen, gibt ein junger, aber gleichwohl erfahrener Weißrusse den Befehl noch zweihundert Meter weiterzumarschieren. Er hat vollkommen Recht, denn es ist gut möglich, dass die gegnerische Artillerie sich längst auf die Kreuzung eingeschossen hat. Also weiter. Ein Fuß vor den anderen. „Das waren jetzt bestimmt zweihundert Meter“, keuche ich. Der junge Mann, über dessen rechte Wange sich eine vertikale Narbe zieht, die dicht unter dem Auge endet, nickt. Die Narbe ist ein Andenken an eine Verwundung, die er in diesem Krieg erlitten hat. Ich nehme den Maschinengranatwerfer von meinem nassgeschwitzten Rücken und lasse mich neben ihn in den Schnee fallen. „Wie in Kindertagen“, denke ich, während ich Arme und Beine ein wenig hin- und herbewege. Fünf Minuten später ist der kanadische Rochel, ein gepanzerter Truppentransporter, da, um uns mitzunehmen. Der vorerst letzte Einsatz meiner Gruppe ist beendet. Bei der Internationalen Legion des ukrainischen Militärgeheimdienstes funktioniert es mit der Rotation. Jede Einheit wird nach einigen Monaten aus der Front herausgelöst, um sich zu erholen. Im Anschluss folgt die Einsatzvorbereitungsphase für das nächste Deployment.

Leider ist das längst nicht bei allen ukrainischen Einheiten der Fall. Manche Verbände stehen seit Beginn der ukrainischen Gegenoffensive Anfang Juni ununterbrochen im Kampf. Es mangelt der Ukraine an Soldaten, um ihre Einheiten angemessen rotieren zu können, obwohl das Land ohne Weiteres ein bis zwei Millionen neue Rekruten ausheben könnte, nicht nur die vom Generalstab geforderte halbe Million. Manchen Ukrainern geht mittlerweile das Bewusstsein dafür ab, dass dieser Krieg auch noch mit einer Niederlage enden könnte. Würden die Männer in der Industrie sukzessive durch Frauen ersetzt, die Universitäten, mit Ausnahme der medizinischen und technischen, vorübergehend geschlossen, damit jüngere Jahrgänge eingezogen werden können, und Frauen zu Logistik-, Sanitäts- und Sicherungsaufgaben herangezogen, nähme man dem Aggressor seinen einzigen Trumpf: die quantitative Überlegenheit. Freiheit hat einen Preis.

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.

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