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Max Reinhardt über seinen Einsatz (1): „Ein bisschen Abenteuerlust war dabei.“

21. August 2021

Unser Autor Max Reinhardt ist Afghanistan-Veteran. Als Kabul fiel, schickte ihm Friedrich Fechter einen ganzen Fragenkatalog. Reinhardt nahm sich also etwas Zeit. Sämtliche Bilder stammen aus seiner Einsatzzeit.

Der 11. September 2001 gilt als Zäsur. Die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon waren der Auslöser für den „Krieg gegen den Terror“. Wie hast Du die Anschläge wahrgenommen?     

Ich kann mich an die Anschläge vom 11. September noch ziemlich konkret erinnern. Da muss ich 13 gewesen sein und weiß noch genau, wie ich in der Septembersonne auf der Straße vor dem Elternhaus mit ein paar Kumpels mit dem Skateboard rumgeeiert habe und ein Mieter aus dem Haus auf die Straße kam und uns dann sagte: „Da sind gerade Flugzeuge ins World Trade Center geflogen!“ Wir haben uns als Teenager erstmal gefragt, was das jetzt eigentlich bedeutet. Und dann haben wir uns darüber informiert und darüber geredet, aber dann war das auch wieder schnell vergessen, weil in dem Alter hast Du andere Sachen im Kopf.          

 

Wann bist Du in die Bundeswehr eingetreten und wieso?

Ich bin mit 17 in die Bundeswehr eingetreten. Ich habe meinen Schulabschluss in Hannover gemacht und mein Schulweg hat am „Zentrum für Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr“ vorbeigeführt. Ich war ein Problemschüler und habe immer viel Scheiße gebaut und natürlich, wenn Du so ein Problemschüler bist, machst Du dir Gedanken über deinen Schulabschluss und so. Ich hatte mich dann auch bei der Bundeswehr beworben, ganz naiv aus ökonomischen bzw. karrieretechnischen Gründen und das hat dann alles ziemlich gut geklappt. Die haben mir nach dem Einstellungstest einen Achtjahresvertrag angeboten mit einer zusätzlichen Berufsausbildung. Ich musste dann noch meine Eltern davon überzeugen, das war nicht ganz so einfach – mein Vater war schnell dabei, meine Mutter nicht – aber schließlich habe ich deren Unterschriften bekommen. Ich brauchte die ja, weil ich noch 17 war. 2005 habe ich den Vertrag unterschrieben, im April 2006 dann meine Grundausbildung angefangen. Ich hatte keine ideologischen Gründe, aber ein bisschen Abenteuerlust war dabei.           

 

Hast Du von Beginn an einen Auslandseinsatz angestrebt? Was war deine Motivation?

Einen Auslandseinsatz habe ich nicht von Anbeginn angestrebt. Ich wusste aber, dass das womöglich passieren kann. Das wurde einem aber auch von Anfang an gesagt, das musste man auch unterschreiben, dass man sich diesem „Risiko“ bewusst ist und dass man dazu bereit wäre. Hätte man nicht unterschrieben, hätte man kein Zeitsoldat werden können. Mir war das also auf einer theoretischen Ebene klar, ich wusste aber nicht, ob es mich mal treffen wird, und ich habe es auch nicht angestrebt. Es war mir egal, ehrlich gesagt.   

Ich war dann schon ein paar Jahre dabei und bin reingewachsen in das ganze System. Es war dann so: Ich hatte von meiner damaligen Einheit aus einen LKW-Führerschein gemacht. Als ich dann frisch mit dem Führerschein vom Lehrgang kam, gab es dann halt eine Abfrage – es wurden Leute gesucht als Dingo-Fahrer für den Afghanistan-Einsatz, ein halbes Jahr Kundus. Ich habe mich ziemlich schnell nach kurzer Überlegung freiwillig gemeldet, vor allem deswegen, weil ich aus meiner damaligen Einheit wegwollte, um mehr zu erleben. Mir war es da sehr langweilig und ich fand vieles bescheuert. Ich habe es da einfach als ziemlich sinnlos und tranig empfunden… Ich wollte es wissen! Ich wollte halt, dass es mal ernster wird, dass ich mal gefordert werde. Also Abenteuerlust und der Wille, gefordert zu werden, das war meine Motivation. Das Geld fand ich auch nett, aber das war nur ein Nebenaspekt. Ich hätte das auch gemacht, wenn ich nur die Hälfte des Geldes bekommen hätte.

 

Wie kann man sich die Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz vorstellen?   

Die Vorbereitung auf den Einsatz war wirklich katastrophal, selbst aus meiner damals verhältnismäßig naiven Perspektive. Ich habe damals auch eine Eingabe an den Wehrbeauftragten geschrieben und mich darüber beschwert. Da habe ich dann nach langer, langer Zeit auch eine sehr ausführliche und fundierte und meiner Erinnerung nach faire und kritische Antwort bekommen, wo dann eben auch der Wehrbeauftragte mit der Bundeswehr hart ins Gericht gegangen ist.  

Also das war wirklich katastrophal und sehr unzureichend. Ich war viel unterwegs, viel auf Lehrgängen, aber da ist viel Zeit verbrannt worden, denn die Ausbildung war in vielen Aspekten unzureichend und oberflächlich. Wir waren uns da in der Masse einig: Wenn wir mal in ein ernstes Feuergefecht geraten, dann wäre es das – wenn wir nicht ganz viel Glück haben würden – für uns gewesen. Wir hatten überhaupt nicht die Chance uns als Einheit einzuspielen und uns in der Extremsituation kennenzulernen. Das zieht sich aber wie ein roter Faden da durch, das habe ich von so vielen anderen Leuten auch gehört, das war bei mir kein Einzelfall. Die Bundeswehr hatte damals auch schon keine Kohle für Basics wie Übungsmunition und so.

 

Wann erfolgte dein Einsatz?

Mein Einsatz war vom Januar bis Juli 2010. Ich meine, wir sind am 4. Januar 2010 vom Militärflughafen Köln aus abgeflogen und Ende Juli in Hannover wieder gelandet. Als wir angekommen sind war tiefster, bitterster, kältester Winter und als wir geflogen sind war es extremer Sommer. Die Wetterextreme sind dort viel krasser als hier.

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Welcher Einheit hast Du angehört, was war deine Aufgabe?

Ich war in einem Operational Mentoring and Liaison Team (OMLT), und zwar dem OMLT CSS Kundus. CSS steht für Combat Support Service. So ein OMLT besteht aus etwa 30 Soldaten, davon die meisten Offiziere oder Feldwebeldienstgrade, die dann Counterparts bei der afghanischen Nationalarmee haben, die sie halt „mentoren“ sollen.

Mentoring ist keine Ausbildung in dem Sinne, dass ich dir zeige, wie man eine Kalaschnikow abfeuert oder wie man ein Verbandspäckchen benutzt, sondern: Wie organisiere ich eine Ausbildung, wie plane ich eine Mission, wie mache ich Materialbuchführung – was auch immer. Es kommt halt darauf an, was für ein Fachbereich das war. Der Versorgungsfeldwebel hat den afghanischen Versorgungsfeldwebel mentored, der S3-Offizier hat den afghanischen S3-Offizier mentored, und so weiter. Und dann war da eben noch ein Haufen Unterstützer dabei, wie meine Wenigkeit, die halt eben nicht selber mentoren sollten, sondern die eben die Offiziere und Feldwebeldienstgrade beschützt und durch die Gegend gefahren haben.

Ich war also die meiste Zeit Dingo-Fahrer, manchmal auch Bordschütze, also Maschinengewehrbediener auf dem Dingo. Soweit die Theorie, in der Praxis war es dann so, dass wir auch die Sachen gemischt haben. Ich habe dann auch mal selber eine Ausbildung gehalten für afghanische Unteroffiziere. Es gibt ja auch bei denen Unteroffiziere, ich war ein Unteroffizier, ich habe dann also manchmal auch mit denen was gemacht.

Das war eben so der Alltag gewesen, aber dann kamen da auch immer wieder Besonderheiten hinzu. Wir haben dann auch mal weitere Missionen gefahren, wo wir dann hunderte von Kilometern durch Afghanistan getuckert sind. Einmal mussten wir zum Beispiel einen Panzerwagen aus dem Nirvana abholen, beziehungsweise den Bergetrupp begleiten und beschützen, der den da abgeholt hat. Aber im Wesentlichen war es das Herumkutschieren von Offizieren und Feldwebeln zu afghanischen Camps.

 

Lesen Sie im nächsten Teil, was Max Reinhardt im Einsatz erlebt hat!


Max Reinhardt

Max Reinhardt arbeitet in Hyperborea an einem geheimen Forschungsprojekt zur Entwicklung einer Zeitmaschine, um die Geburt von Karl Marx, Karl Lauterbach und weiterer Sozialisten zu verhindern. Nebenbei schreibt und trainiert er und ruft entgegen behördlichen Anordnungen zu gemeinschaftlichen Wanderungen auf.


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