Reisebericht – “Wieder Wasser unterm Arsch”

5 Min lesen

Ziemlich genau sechzig Minuten Fußmarsch sind es vom Bahnhof Gent-Dampoort bis zum Euro-Silo, wo gerade ein niederländisches Frachtschiff liegt, auf dem ich Heuer genommen habe. Auf diese Weise lerne ich auch die weniger schöne Seite dieser flandrischen Stadt kennen, die ich fünf Jahre zuvor mit einer englischen Kommilitonin besucht habe. Seither durfte Gent, dem im Mittelalter aufgrund des dort blühenden Tuchhandels eine überragende Bedeutung zukam, in keiner Aufzählung fehlen, wenn mich jemand nach meinen Lieblingsstädten fragte.

Bewaffnet mit einem vollgestopften Seesack, Knut Hamsuns Landstreicherromanen und einem Laptop geht es an Bord. Geladen wird gerade Rapssaat, die für den Hafen Spijk in der niederländischen Provinz Gelderland bestimmt ist. Aufgrund des für Flandern und die Niederlande gleichermaßen typischen Sauwetters muss der Ladevorgang kurzzeitig unterbrochen werden. Mithilfe eines hydraulischen Hebewagens werden die Lukendeckel in Position gebracht, um die Fracht vor dem einsetzenden Starkregen zu schützen.

Mitten im Stadtzentrum von Neuss werden Sonnenblumenkerne gelöscht.

Bei den Schiffseignern handelt es sich um eine Familie aus den Niederlanden. Man nennt solche Leute in der Binnenschifffahrt Partikuliere. Kennengelernt habe ich sie etwa ein Jahr zuvor in Mannheim auf dem Neckar. Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Schüttgutfrachter arbeite. Das 106 Meter lange und knapp zwölf Meter breite Schiff ist Mitte der 2000er Jahre vom Stapel gelaufen und damit auch das modernste, auf dem ich je gefahren bin. Man muss die Hauptmaschine nicht alle paar Stunden von Hand abschmieren, wie ich es von Schiffen älterer Bauart gewohnt bin. Und dass es an Bord WiFi gibt, kann ich erst gar nicht glauben. Aber es stimmt. Vor uns liegt ein rostbrauner Seelenverkäufer, auf dem es mit Sicherheit kein Internet gibt, an Backbord die Lowlands Mimosa. Wie ein Mimöschen sieht das bullige Monstrum von einem Schiff allerdings nicht gerade aus. Der Eisberg, den das Ding rammt, möchte ich jedenfalls nicht sein.



Die Wohnung auf dem Vorschiff teile ich mit Juwarto, einem indonesischen Matrosen. Er ist Moslem und möchte „Ju“ gerufen werden. Die Suppe, die Ju kocht, schmeckt ausgezeichnet. Die ersten Schleusen sind Salzwasserschleusen, dann geht es auf die Westerschelde. Sie ist der südlichste niederländische Meeresarm. Ein leichtes Unwetter: Das Schiff beginnt ein wenig zu schaukeln, nicht stark, nur ein kleines bisschen, aber es tut gut, wieder Wasser unterm Arsch zu haben.

Der Overall ist halbwegs dicht, die Stiefel sind es nicht.

Stundenlang warte ich abends auf den Befehl, den Anker fallen zu lassen, aber er kommt nicht. Auch hierfür liegt die Ursache in der modernen Bauart des Frachters, der über zwei sogenannte Ankerpfähle verfügt, die das Auswerfen oder Fallenlassen des eigentlichen Ankers obsolet machen. Das ist das Ende eines Prinzips, das mindestens seit der Bronzezeit bekannt war: Leine oder Kette in Kombination mit einem schweren Gegenstand. Auch das Schwojen, das einlullende Hin- und Herdrehen eines ankernden Schiffes im Wind, ist damit passé. Stattdessen fixieren die auch Stelzen genannten Ankerpfähle das Schiff an einer ganz bestimmten Stelle im Flussbett. Zweifellos ein Fortschritt und eine enorme Arbeitserleichterung. Was hat man sich nicht oft beim Lichten von Ankern abgemüht! Trotzdem will bei mir keine rechte Freude über diese Veränderung aufkommen.

Auf der Waal, einem Ausläufer des Rheins, gilt es tags darauf, das Deck zu schrubben. Wenigstens diese Arbeit treibt einem noch die Schweißperlen auf die Stirn. Sogar im Januar. Und wieder regnet es in Strömen. Nach kurzer Zeit sind meine Schuhe komplett durchnässt. Auch Jus Stiefel sind undicht. Wir lachen beide darüber.

Auf der Mosel erlebt Juwarto das erste Mal in seinem Leben Schnee.

Denn: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Vorher hat Ju mehrere Jahre auf Fischerbooten gearbeitet. Erst in Taiwan und später in Portugal. Hier sei es besser als auf den Fischerbooten. Als ich nachhake, grinst er und erklärt: „Many work, less sleep.“ Außerdem sei die Bezahlung schlechter. Ich bleibe nur vier Wochen an Bord, Ju ist für neun Monate unter Vertrag. Niemand weiß, wohin die Reise geht. Erst nachdem wir in Spijk die Rapssaat gelöscht haben, sickert das nächste Etappenziel durch: Duisburg. Ladung: Kruppstahl.

3 Comments

  1. Schöner lebensechter Bericht! Wüsche weiterhin eine gute Handbreit Wasser unterm Kiel, und gib Bescheid falls mal am Neckarhafen Ladung oder Landgang angesagt ist!

  2. Herzlichen Dank! Mit diesem Schiff wirds mit dem Neckarhafen leider nichts werden, aber ich war mal ein knappes Jahr lang fast jede Woche mit einem Containerschiff in Stuttgart. Meistens sogar zufällig am Wochenende. Die “Kleine Welt”, das griechische Restaurant und das “Wasenstüble” waren schon fast wie eine zweite Heimat für mich. 😉

    • Wangener Gemütlichkeit, gibts nach wie vor noch.
      Und der Neckarhafen ist zwar klein, aber grundsolide.
      Wofür das dort mit schwäbischer Bescheidenheit erwirtschaftete Geld in schwatzgründominierten Zeiten weiterverwendet wird ist allerdings nur bedingt lobenswert.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.