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Rubinroter Dschungel

18. Mai 2022

Als ich während eines Landgangs in Stuttgart/Untertürkheim Rita Mae Browns teils autobiografischen Roman Rubinroter Dschungel aus einem öffentlichen Bücherregal zog und einsteckte, ahnte ich noch nicht, wie sehr ich mich mit der lesbischen Protagonistin Molly Bolt würde identifizieren können. Auf dem Buchrücken fanden sich anstelle eines Klappentexts nur zwei Zitate. Eines aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das einen pikaresken Leckerbissen versprach, das andere von der New York Times: „Der anfeuerndste Roman, der bislang aus der Frauenbewegung gekommen ist.“ Da diese Bewegung in den letzten Jahren nicht viel Positives zuwege gebracht hat, um es diplomatisch auszudrücken, waren meine Erwartungen an das Buch eher gering, als ich es in einer ruhigen Minute zur Hand nahm und darin zu lesen begann.

Molly Bolt wächst in den Fünfzigerjahren zunächst im ländlichen, von deutschen Einwanderern geprägten Pennsylvania und später in Florida auf. Sie ist intelligent und ehrgeizig und erreicht in der Regel die selbst gesteckten Ziele. Auch bevorzugt sie es, sich mit den Jungs durchs Dickicht zu schlagen anstatt mit Puppen zu spielen, und schraubt als Teenagerin lieber an Motorrädern herum, als mit ihren Altersgenossinnen um das beste Make-up zu wetteifern. Im Zorn wirft ihre Adoptivmutter ihr an den Kopf, sie sei ein Bastard und gar nicht ihr eigenes Kind, nachdem sie ein paar Münzen damit verdient hatte, den schrumpeligen Penis eines Klassenkameraden anderen Kindern vorzuführen und mit dem Besitzer des Gemächts halbe-halbe zu machen. Respekt vor Regeln, deren Sinnhaftigkeit ihr nicht unmittelbar einleuchtet, hat sie nicht. Früh entdeckt sie ihre Neigung zum eigenen Geschlecht, macht neben hetero- erste homosexuelle Erfahrungen mit Klassenkameradinnen und führt schließlich im College eine regelrechte Liebesbeziehung mit ihrer Zimmergenossin Faye. Diese Liebesbeziehung wird der exzellenten Jurastudentin und Vollstipendiatin im Sunshine State zum Verhängnis.

Die Schlüsselszene, in der sich Molly Bolt offen zu ihrem Anderssein bekennt – wohlgemerkt, in einer Zeit, in der das „Coming out“ noch Mut erforderte und statt der heute automatisch mitgelieferten Vorteile ausschließlich Nachteile mit sich brachte – möchte ich hier im Wortlaut wiedergeben:

„Erst im Februar bemerkte ich, daß manche Leute aus unserem Heim nicht mehr mit uns sprachen. Gespräche brachen ab, wenn eine von uns die braunen Flure hinunterschlenderte. Faye kam zu dem Schluß, daß sie alle an chronischer Kehlkopfentzündung litten und wollte für Heilung sorgen. Sie legte eine Mickey Mouse-Club-Schallplatte in dem häßlichen Campus-Glockenturm auf, stellte das Gerät ein und verkündete unseren Wohnheim-Nachbarinnen, daß um 15 Uhr 30 über den Glockenturm die wahre Natur der Universität enthüllt werde.

Sobald die Schallplatte quer über den Campus tönte, kamen Dot und Karen von nebenan rübergerannt, um Fayes Erfolg zu bekichern. So schnell, wie sie auf dem Absatz kehrtmachten, um hinauszueilen, fragte Faye sie geradeheraus: ‚Wie kommt es, daß ihr beide nicht mehr mit uns redet?‘

Schrecken überzog Dots Gesicht, und sie erzählte eine Halbwahrheit. ‚Weil ihr die ganze Zeit in eurem Zimmer bleibt.‘

‚Quatsch‘, konterte Faye. ‚Es muß einen anderen Grund geben‘, fügte ich hinzu, Karen, verärgert über unsere schlechten Manieren, so direkt zu sein, zischte uns anmutig an: ‚Ihr seid so viel zusammen, daß es aussieht, als wärt ihr Lesbierinnen.‘

Ich dachte, Faye würde ihr Chemie-Buch nach Karen werfen, so rot war ihr weißes Gesicht. Ich sah Karen direkt ins Gesicht und sagte ruhig: ‚Wir sind es.‘“

Wenig später zur Dekanin zitiert, der gegenüber sie sich uneinsichtig zeigt, muss Molly ein paar Tage in der Klapsmühle des Universitätskrankenhauses verbringen. Als sie in ihr Wohnheim zurückkehren darf, findet sie dort neben einem Abschiedsbrief Fayes einen Brief von ihrer Studentenverbindung vor. Der Inhalt: Sie werde aus der Verbindung ausgeschlossen, wofür sie sicherlich Verständnis habe, und alle Mitglieder wünschten ihr eine baldige Besserung. Einen Tag später steckt ein ähnliches Schreiben in ihrem Briefkasten. Dieses Mal vom für das Stipendium zuständigen Ausschuss der Universität. Darin wird Molly eröffnet, ihr Stipendium könne aus moralischen Gründen nicht erneuert werden, obwohl ihre akademischen Leistungen „glänzend“ seien.

Wer in seinem Leben jemals rechts der CDU politisch engagiert gewesen ist, ahnt bereits, worauf ich mit meiner Nacherzählung des Lesbenromans hinausmöchte: Die Mechanismen der gesellschaftlichen Ausgrenzung sind heute für „Rechte“ ziemlich genau die gleichen wie für Homosexuelle Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Im Folgenden werde ich diese These anhand kleinerer Beispiele aus meiner eigenen Lebenswirklichkeit untermauern. Auf Hausverbote und tätliche Angriffe auf meine Person werde ich der gebotenen Kürze wegen nicht eingehen.

Nach meiner Gärtnerlehre wurde ich aus politischen Gründen nicht übernommen. Die Antifa hatte zuvor mit ein wenig Vandalismus nachgeholfen. Da auf Wunsch deutscher Behörden eine Untersuchung in den US-Streitkräften gegen mich angestrengt wurde, durfte ich meine Einheit nicht in den Afghanistan-Einsatz begleiten. Wo auch immer ich mich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zu Ausbildungs- oder Studienzwecken aufgehalten habe, ob in Deutschland, den Niederlanden oder in Rumänien, immer trat irgendwann der oben beschriebene Fall ein, dass man mich von einem Tag auf den anderen behandelte wie einen Aussätzigen.

Auf meine eigene Abifahrt musste ich als Jahrgangszweitbester „freiwillig verzichten“, sonst hätte sie gar nicht stattgefunden (ich ging stattdessen auf dem Bodensee segeln, aber ich würde heute mit Freuden jede Minute auf dem Segelboot eintauschen, um meinen freiwilligen Verzicht auf die Abifahrt rückgängig machen zu können). Plakate mit meinem Konterfei und den verleumderischen Worten „Achtung! Faschist!“ hingen nicht nur in meiner Straße, sondern auch in der Universitätsbibliothek in Mannheim. Als ich unlängst eine Heidelberger Professorin um ein Empfehlungsschreiben für Oxford bat, verweigerte sie es mit einer fadenscheinigen Begründung, obwohl ich ihr Fach Klassische Archäologie mit 1,0 abgeschlossen hatte.

Meinen Nebenjob als Rettungsschwimmer bei den Stadtwerken Heidelberg verlor ich nach einem lügengespickten Antifa-Artikel, dessen verleumderische Unterstellungen von der Rhein-Neckar-Zeitung kolportiert worden waren. Kurz darauf bekam ich von der in Mannheim ansässigen Turnerschaft Fridericiana eine WhatsApp-Nachricht, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich mich nicht weiter bei ihnen einpauken dürfe. Ich sei fortan auch nicht mehr auf ihrem Haus willkommen. Man sieht: Geändert haben sich allenfalls die Mitteilungsmodalitäten. Während man früher als Schwuler noch auf einen Brief hoffen konnte, genügt für den Rechten oder auch nur vermeintlich Rechten des 21. Jahrhunderts eine WhatsApp-Nachricht.

Eine WhatsApp-Nachricht bekam ich auch von einer Bekannten, die demselben unpolitischen Freundeskreis angehört wie ich. Er nennt sich nach der Pforzheimer Genossenschaftsstraße, in der in der Vergangenheit die ein oder andere wilde Hausparty veranstaltet wurde, schlicht „Genossenschaft“. Nun aber zum Inhalt der Nachricht. Es ging um eine Grillfeier am 1. Mai, zu der ich zunächst auch eingeladen war:

„Hey Jonathan sei mir nicht böse aber da des mittlerweile ne private Feier ist bei mir zu Hause und da auch Leute von mir kommen kann ich dich leider nicht einladen, ist garnicht böse gemeint in der Genossenschaft ist des kein Thema aber da kommen auch Leute von mir und K. und des würde leider denke ich zu Problemen führen die ich nicht haben möchte.“

Abgesehen davon, dass dieser Text einem Epigraphiker zu Ausbildungszwecken dienen könnte, weil er gleich antiken Inschriften auf Interpunktion verzichtet, ist er eine Ungeheuerlichkeit. Das Schlimme ist, dass den Menschen, die solche Zeilen schreiben und sich auf der Seite der Guten wähnen, die Ironie ihrer Aussagen meist verborgen bleibt.

Damit es nicht heißt, ich sei ein Schreiberling mit einer Profilneurose, der immer nur von sich berichten müsse, seien abschließend noch zwei Beispiele von Freunden angeführt: Einer musste unlängst in seiner Meisterschule politisch Farbe bekennen, und der Umstand, dass er keinen Hehl daraus machte, die AfD gewählt zu haben, wurde zum Skandal aufgeblasen. Ein anderer wurde in Berlin nebst weiblicher Begleitung aus einem Wellness-Hotel geworfen, weil man in ihm einen früheren IB-Aktivisten erkannt haben wollte.

Ich hoffe weiters, der Abschnitt, in dem ich von ähnlichen Erfahrungen wie Molly Bolt berichte, klingt nicht wie Mimimi. Ich erwarte kein Mitleid und bin froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Wäre ich nach der Lehre übernommen worden, hätte ich womöglich nie das Abitur nachgeholt. Wäre ich mit der Eagle Troop des 2. Kavallerieregiments nach Afghanistan gegangen, hätte ich mindestens eine Verwundung erlitten, weil der Radpanzer meiner Gruppe auf ein IED gefahren ist. Hätte ich in der US-Armee Karriere machen können, hätte ich wahrscheinlich nie in Heidelberg, Rumänien, Mannheim und den Niederlanden studiert. Wäre ich nicht so oft „geoutet“ worden, wäre ich heute vermutlich weniger resilient, denn „der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“ (Camus). Wäre mir nicht bei den Stadtwerken Heidelberg gekündigt worden, wäre mir ein lukrativer Auftrag als Übersetzer entgangen. Hätte ich mich bei den Fridericianern weiter einpauken können, hätte mein Kontrahent bei der ersten Mensur vielleicht Hackepeter aus meiner Visage gemacht. Wäre ich auf der Grillfeier am 1. Mai erwünscht gewesen, hätte ich keine Zeit gehabt, meinen Laptop und mein Zimmer aufzuräumen. Ein Hoch auf die kognitive Dissonanzreduktion! Sie ist der beste Freund des „Rechten“. Was immer es kosten möge, wir sind nicht dazu bereit, in den Chor derer einzustimmen, die behaupten, der Himmel sei grün. Und das muss doch auch etwas wert sein.

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.


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