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KRAUTZONE-Gespräch mit Felix Dirsch: Die Stimmen der Opfer

18. Oktober 2021

Der Politologe Felix Dirsch im KRAUTZONE-Gespräch über das gemeinsam mit Konrad Löw veröffentlichte Zitatelexikon „Die Stimmen der Opfer“
Krautzone: Heute ist ein historischer Blick ins Dritte Reich und auf die Judenverfolgung relativ einfach: Die Kollektivschuldthese ist in der öffentlichen Diskussion meist dominant. Sie werfen mit ihrem Buch ein Blick auf die Aussagen der Juden selbst, die zu dieser Zeit gelebt haben. Ist deren Meinung nicht ebenso eindeutig?

Felix Dirsch: Es gibt kein homogenes Gesamtbild „der Stimmen der Opfer“, wohl aber viele „Stimmen der Opfer“. Dieser Chor ist durchaus aussagekräftig, jedenfalls in der Grundtendenz. Die verschiedenen Stellungnahmen lassen zumindest eine Richtung erkennen. Gewiss gibt es immer Meinungen, die nicht ins Gesamtbild passen, aber dabei handelt es sich um Außenseiter-Ansichten, die gleichwohl zu beachten sind.

Und dann ist natürlich nicht nur die Sammlung von Textstellen nötig, sondern auch auf deren Einordnung und Wertung muss geachtet werden. Die Notwendigkeit eines Buches wie das unsere leuchtet fast ohne nähere Begründung ein, wenn man auf die Einseitigkeiten mancher bisherigen Auswertungen blickt. Exemplarisch ist auf die berühmte Publikation des Romanisten Viktor Klemperer („Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten“) zu verweisen, dessen Tagebücher von 1933 bis 1945 in besonderer Weise Aufmerksamkeit erregten. Nur wenigen von den zahlreichen Rezensenten fiel auf, dass viele Aussagen des Gelehrten jüdischer Herkunft gar nicht dem politisch korrekten Narrativ entsprachen. Er nimmt seine Umgebung in Schutz, wofür es zahlreiche Belegstellen gibt. Sie wurden jedoch selten gesammelt, im Kontext publiziert und korrekt interpretiert. Das hängt mit der Unfähigkeit vieler Interpreten zusammen, etwas anderes erkennen zu wollen als die eigenen Vorurteile, selbst wenn die Hinweise klar sind.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für die fehlerhafte Einordnung jüdischer Zeitzeugenberichte?

Die immerhin eine Zeitlang von der offiziösen Bundeszentrale für politische Bildung in Lizenzausgabe vertriebene Abhandlung des Historikers Robert Gellately („Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk“) führt neben anderen auch Klemperer an. Er wird als Gewährsmann für die These von der deutschen Kollektivschuld herangezogen. An einer Stelle in Gellatelys Buch wird Klemperer zitiert, unter dem Tagebuchdatum vom 25.04.1933 – und zwar mit den Worten, dass „er (Klemperer) die Deutschen insgesamt nicht für besonders antisemitisch halte“. Bei genauer Prüfung ergibt sich, dass der „Chronist des Dritten Reiches“, wie er gelegentlich genannt wird, an diesem Tag etwas ganz anderes vermerkt hat. Doch selbst wenn dieser Satz dort gestanden hätte, er ist nun wahrlich kein Beleg für Gellatelys Hauptthese, die lautet: Es habe von Anfang bis Ende der NS-Herrschaft eine breite Zustimmung in der Bevölkerung für die Vernichtungsintentionen der Führung gegeben. An einer Stelle notiert der kanadische Historiker Folgendes: Die Nationalsozialisten hätten die Polizei gar nicht zu säubern brauchen, da sich die meisten Beamten von selbst angepasst hätten. Belege finden sich dafür keine. Einzelne konformistische Repräsentanten hat es gegeben. Das überrascht ja auch keineswegs. Für die Mehrheit der Polizisten ist diese Behauptung hingegen nicht bewiesen. Es gibt zahlreiche Beispiele in dieser Richtung.

Also argumentieren Sie, dass es keine „Kollektivschuld“ der Deutschen an den Verbrechen des 3. Reiches gab?

Der Vorwurf der Kollektivschuld ist in mehrfacher Hinsicht ungeeignet und unbegründbar. Schon früh hat man gegen derartige Polemik ins Feld geführt, dass Schuld nur von einzelnen Tätern begangen werden könne. Manchmal wird im Kontext einer solchen Behauptung auch auf etwaige indirekte Mittäterschaft verwiesen. Natürlich sind bei groß angelegten Vernichtungsaktionen viele Menschen direkt wie indirekt beteiligt. Man kann sich streiten, wieviel Schuld Fahrer der Reichsbahn auf sich geladen haben, die Opfer in Lager transportiert haben, in denen sie umgekommen sind, auch über die Schuld derer, die keine Hilfe geleistet haben, obwohl sie vom Leid der Mitmenschen wussten. Mitläufer kann man negativ werten, aber als Beleg der erwähnten These dient ihr Verhalten nicht.

Ich bin nicht davon überzeugt, dass solche indirekten Formen von „Täterschaft“ als Beleg für die Kollektivschuld-These dienen können. Dazu ist die Beurteilung mancher Umstände häufig zu schwierig und nicht mehr nachvollziehbar. Bekanntlich werden von der Kollektivschuld-These auch überzeugte Gegner der Diktatur. Insofern ist Kollektiv dann doch kein ausnahmsloses Kollektiv aller Deutschen, sondern höchstens ein partielles.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es immerhin noch Deutsche, die solche pauschale Verleumdungen mit dem schlichten Hinweis konterten, dass in einer solchen Diffamierung alte Vorurteile der Nationalsozialisten zum Vorschein kämen. Schließlich gehörten für Hitler und seine Gefolgsleute alle Juden ausnahmslos zum Tätervolk. In den Jahren unmittelbar nach 1945 wechselte lediglich das angegriffene Subjekt. Nunmehr wurden von manchen ausländischen aber natürlich auch inländischen Kritikern „die Deutschen“ auf die Anklagebank gesetzt. Mittlerweile jubeln die deutschen Nachkommen, wenn davon die Rede ist, dass ihre Vorfahren alle, mehr oder weniger jedenfalls, Mörder gewesen seien.

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Volk der Täter“. Er ist entweder trivial oder falsch – beides macht ihn unbrauchbar.

Der US-Historiker Daniel Goldhagen hat sich an die Spitze der anti-deutschen Geschichtsinterpretation gesetzt. Bestenfalls seien die Deutschen damals naiv und ignorant, schlimmstenfalls gar „willige Vollstrecker“ gewesen. In Ihrem Buch widersprechen Sie vehement einer solchen Einordnung. Können Sie dies vielleicht an einem Beispiel zeigen?

Zunächst ist zu erwähnen, dass Goldhagens Buch deshalb in manchen vergangenheitskritischen Kreisen – was immer damit gemeint ist – vor einem runden Vierteljahrhundert Beifallsstürme hervorgerufen hat, weil es voll im Trend der pauschalen Diskreditierung der Deutschen liegt. Über die Qualität dieser Abhandlung ist damit nichts gesagt, im Gegenteil: Seriöse Historiker, zu denen man trotz verschiedener Einwände den mittlerweile verstorbenen Gelehrten Hans Mommsen rechnen muss, haben besonders in methodischer Hinsicht widersprochen. Goldhagen hat aus den „ganz normalen Männern“, die dem Reserve-Polizeibataillon 101 angehörten und von dem Historiker Christopher R. Browning vorher schon eingehend untersucht wurden, ganz „normale Deutsche“ gemacht. Dass die Mitglieder dieses Verbandes, der an Aktionen der „Endlösung“ beteiligt war, keine außergewöhnliche Sozialisation erfahren haben, regte zu weitreichenden Schlussfolgerungen an. Die biographische Normalität dieser Personen, oft Familienväter, sagt aber nichts über deren ethische Dispositionen, über das Verhältnis zur Gewalt und so fort aus. Außerdem sind einzelne Hintergründe der Rekrutierung zu beachten und die Veränderung des Verhaltens im Umfeld des Einzelnen. Erschreckend bleiben diese Massenmorde auf jeden Fall.

Über das Verhalten der Mehrheitsbevölkerung sagen solche Verhaltensweisen aber wenig. Schlussfolgerungen à la Goldhagen vom Teil auf das Ganze helfen wenig weiter. Sie lassen sich auf der Basis der Quellen nicht verifizieren. Die überwiegende Mehrheit der
Durchschnittsbevölkerung – also diejenigen, die keine Leitungskompetenz in Staat und Partei hatten – hätten gar keine Möglichkeit gehabt, irgendetwas zu vollstrecken. Passive Duldung trotz Wissen um die Vorgänge gab es sicherlich in Teilen der Bevölkerung. Man muckte nicht auf, um keine Nachteile zu haben. Solche Verhaltensmuster sind aber wohl für alle Zeiten und Völker gültig. Um „willige Vollstrecker“ handelte sich dabei aber keineswegs.

Welches ist für Sie persönlich die beeindruckendste Beurteilung der Deutschen, die Sie bei der Recherche für Ihr Buch gefunden haben?

Die bekannten jüdischen (oder mit Juden eng verbundenen) Zeitzeugen, die ihren nichtjüdischen Mitbewohnern ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt haben, sind an dieser Stelle nochmals zu nennen. Der erwähnten Klemperer vermerkte in einem berühmten Tagebucheintrag von 1940/41: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“. Dieser Satz wird anhand vieler Beispiele aus dem Alltag belegt. So zählt er auf, welche Nahrungsmittelspenden, die Juden eigentlich vorenthalten werden sollten, er von Mitbürgern erhalten hat. Der protestantische Lieddichter und Journalist Jochen Klepper, der mit seiner jüdischen Frau den Freitod wählte, vertraute nach der Reichspogromnacht seinem Tagebuch an: „Das Volk ist ein Trost“. Er zählte auf, welche Unterstützung er von „Ariern“ erfahren hat, die sich nicht mit der Entrechtung ihrer Mitbürger abfinden wollten. An anderer Stelle seines voluminösen Tagebuches heißt es über die Verfolgungsmaßnahmen: „Das deutsche Volk steht nicht dahinter“.

Natürlich gibt es auch viele niedergeschriebene Erfahrungen von weniger bekannten Beobachtern des Geschehens: Die frühere Journalistin Inge Deutschkron, die als einer der wenigen damals bereits volljährigen Zeitzeugen noch lebt und das gesamte Dritte Reich in verschiedenen Verstecken in Deutschland überlebte, hält in ihren Erinnerungen fest „Die jüdische Bevölkerung Berlins hatte fast ausnahmslos alles, was ihr nach den Lebensmittelkarten versagt bleiben sollte. Berliner Mitbürger sorgten dafür. Da waren zunächst die Inhaber der Lebensmittelgeschäfte, die ihren alten Stammkunden die ‚Extras‘ zusteckten“.

Spätestens seit dem Deutschen Kaiserreich – manche beginnen sogar bereits mit der Charakterisierung der deutschen Stämme durch den römischen Geschichtsschreiber Tacitus, gibt es die Erzählung des „typischen Deutschen“. Wie sieht er aus? Oder gibt es ihn am Ende gar nicht?

Sie wissen, dass ein Versuch der Beantwortung dieser Frage Klischees bedienen müsste. Dieses Geschäft überlassen ich lieber Essayistinnen wie Béatrice Durant („Die Legende vom typisch Deutschen“) oder anspruchsvolleren Autoren wie Thea Dorn und Richard Wagner („Die deutsche Seele“), die bei der Beantwortung der Frage weit über die NS-Zeit hinausgehen.

Wir sind in der Studie nicht der Frage nach dem „typischen Deutschen“ nachgegangen. Wohl aber wird thematisiert, ob die Deutschen in ihren mehrheitlichen Überzeugungen und Verhaltensweisen, insbesondere gegenüber Juden, vor führenden Nationalsozialisten und deren Vorstellungen vom „typischen Deutschen“ bestehen konnten. NS-Größen beklagten, dass ihre antisemitische Agitation zwar hier und da Früchte erkennen lasse, aber der große Erfolg sei ausgeblieben. Joseph Goebbels bedauerte beispielsweise, dass die Solidarität mit den Juden außerhalb der Partei und ihrer Gliederungen noch verbreitet sei. Er notierte im November 1938, vornehmlich das Bürgertum müsse noch penetrant bearbeitet werden, weil Widerstände gegen die Indoktrination von dieser Seite nicht zu übersehen seien. Diese wurden nach offiziöser Auffassung auch in der Schlussphase der NS-Herrschaft nicht gebrochen. In seiner berüchtigten „Posener Rede“ vom Oktober 1943 vor SS-Männern ging Heinrich Himmler auf Gesuche von Parteigenossen an ihn und an andere Stellen der Partei ein. In solchen Schreiben werde auf „anständige Juden“ verwiesen, denen man nichts tun dürfe. Die Zahl solcher Gesuche, so der „Reichsführer-SS“ ironisch, sei höher als die Menge der in Deutschland lebenden Juden. Himmler traute das angebliche Werk der Vorsehung, die Vernichtung des Judentums, nur einer kleinen Elite zu. Die Deutschen insgesamt seien zu schwach, so sein Urteil. Auch andere Nationalsozialisten kamen zum gleichen Schluss: Der Antisemitismus der Deutschen war aus ihrer Sicht keineswegs so ausgeprägt, wie die Stellen der Partei es gerne gesehen hätten. Viele jüdische Zeitzeugen stimmen mit diesen Tatsachenbeobachtungen überein, werten sie aber natürlich positiv.

Sie betreten ein politisch vermintes und unpopuläres Feld. Schnell macht man sich der „Relativierung“ verdächtig. Warum machen Sie es trotzdem?

Es ist natürlich leichter, die verbreiteten Vorurteile zu pflegen, als sich mit den entsprechenden Texten auseinanderzusetzen. Deren Untersuchung ist gewiss zeitaufwendig, aber lohnend. Mein Mitherausgeber Konrad Löw ließ sich besonders von einer Aufforderung der verfolgten Jüdin Françoise Frenkel inspirieren, die in der Zwischenkriegszeit mit ihrem Mann eine französische Buchhandlung in Berlin betrieb. Sie notierte 1943 an den Ufern des Vierwaldstätter Sees, kurz nach ihrer Rettung: „Es ist Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden“.

Natürlich bleiben bei derartigen Projekten unqualifizierte Zwischenrufe nicht aus. „Relativierung“ ist einer der platten Vorwürfe, und in gewisser Hinsicht ist er eigentlich richtig: Vorurteile werden in der Tat in die Schranken gewiesen. Keinesfalls wird die grundsätzliche Schuld der Täter in Frage gestellt oder verharmlost. Dies wäre unmoralisch, aber ebenso unmoralisch ist es, Menschen in Geisel- und Kollektivhaft zu nehmen, denen unter Umständen von verfolgten Zeitgenossen ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt wird. Nicht wenige haben sich unter äußerst schwierigen Umständen couragiert verhalten.

Abschließende Frage: Wäre dieses Buch nichts für den Geschichtsunterricht?

Grundsätzlich kann man diese Frage guten Gewissens bejahen. Aber diejenigen, die die Lehrpläne ausarbeiten und Lektüreempfehlungen geben, sehen bei einer verbreiteten vorurteilsbeladenen Sicht auf die Vergangenheit keinen Grund, alternative Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Sie verspüren keinen Druck zur Änderung ihres Bildes der jüngeren Zeitgeschichte. Aus machtpolitischer Perspektive ist ein solches Handeln durchaus begreiflich. Die historische Wahrheit, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann, bleibt dabei aber auf der Strecke.

Konrad Löw/Felix Dirsch: Die Stimmen der Opfer: Zitatelexikon der deutschsprachigen jüdischen Zeitzeugen zum Thema: Die Deutschen und Hitlers Judenpolitik

https://www.kopp-verlag.de/a/die-stimmen-der-opfer

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