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Ukrainische Agonie – Das zweite Kriegsjahr neigt sich dem Ende entgegen

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Awdijiwka ist eine Kleinstadt in der Oblast Donezk und liegt wenige Kilometer nördlich von der gleichnamigen Hauptstadt der ostukrainischen Provinz entfernt. Als 2014 der Bürgerkrieg ausbrach und die ukrainische Regierung Truppen in die beiden Provinzen Donezk und Luhansk entsendete, begann für die knapp 35.000 Einwohner von Awdijiwka die Hölle.

Einen Steinwurf von der südlichen Stadtgrenze entfernt wurde über Monate heftig um den Donezker Flughafen gerungen, der sich in der Folge in eine Trümmerwüste verwandelte und damit in gewisser Weise vielen anderen ukrainischen Städten einen Ausblick auf ihr kommendes Schicksal bot.

Infolge der Waffenstillstandsverhandlungen verfestigte sich die Frontlinie zwischen Awdijiwka und Donezk – Straßensperren wurden aufgeschichtet, Schützengräben ausgehoben und Minenfelder gelegt. Bis zum Ausbruch des Krieges am 24. Februar 2022 etablierte sich entlang der Front zwischen den beiden Separatistenrepubliken und der Ukraine die wohl am stärksten gesicherte Grenze in ganz Europa. Zwischen 2014 und 2022 wurden Hunderttausende ukrainische Wehrpflichtige einberufen und in den Donbas geschickt. Tausende harrten in den Gräben südlich von Awdijiwka aus, umgeben von einer durch andauernden Beschuss zerpflügten Mondlandschaft.

Als der latente Krieg vor knapp zwei Jahren konkret wurde, fand entlang der alten Frontlinie kaum Bewegung statt – beide Seiten waren sich über die Stärke und Tiefe der feindlichen Stellungen im Klaren. Stattdessen zerstörten Artillerie und Luftwaffe alles, was nicht niet- und nagelfest war. Awdijiwka wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, dass von den knapp 35.000 Einwohnern nach einem Jahr Krieg nicht einmal 3.000 in der Stadt blieben. Nachdem die Russen im Frühjahr letzten Jahres im monatelangen Belagerungskrieg das völlig verwüstete Bachmut eroberten, signalisierten sie damit zweierlei: Man war trotz der drohenden ukrainischen Sommeroffensive nicht willens, die Initiative abzugeben, und man war bereit, für die Überwindung der zementierten Frontlinie einen hohen Preis zu bezahlen.

Die ukrainische Sommeroffensive erbrachte nicht nur nicht den erhofften Erfolg für Kiew, sie hinderte die Russen auch nicht daran, ihren langsamen, aber brutalen Vormarsch zu stoppen. Awdijiwka ist angezählt, es ist nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht Wochen, bis die Stadt fällt. Die Ukraine verliert damit, wie schon mit Bachmut, eine weitere symbolträchtige Frontstadt. Und nicht nur das: Die Einnahme Awdijiwkas als „Tor zum Donbas“ bedeutet auch die Überwindung des über Jahre ausgebauten Stellungssystems.

Sowohl die politische als auch die militärische Führung der Ukraine befindet sich nun in einer Krise, die sich in personeller Sicht durch die Entlassung des populären Armeechefs Saluschnyj ausdrückt. Der hatte Ende letzten Jahres ausführlich dargelegt, warum die Ukraine in absehbarer Zeit keine Durchbrüche erringen könne. Seine Ablösung symbolisiert die Ratlosigkeit in der ukrainischen Spitze, die nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass der Krieg nur weitergeführt werden könne, wenn der Westen liefert.

Aber auch das steht zunehmend infrage: Der US-Senat hat ein 60-Milliarden-Dollar-Paket für die Ukraine blockiert und damit einen kleinen Ausblick gegeben auf das, was sich mit der erwartbaren Wiederwahl Trumps ändern wird. Das wiederum setzt die EU – allen voran Deutschland – noch stärker unter Druck. Was kann man an Geld und Material noch lockermachen? Wie dreht man die Kosten des Stellvertreterkriegs der eigenen Bevölkerung an, die wiederum durch die sozialistische Transformationspolitik schon völlig aufgekratzt ist?

Es ist ein Dilemma, das sich mit billigen Durchhalteparolen und Ersatzpatriotismus nicht mehr kaschieren lässt. Die Gewissheiten, die noch im ersten Kriegsjahr herrschten, sind beiseitegefegt. Das zeigt sich auch an der Reise des konservativen US-Medienmachers Tucker Carlson, der unter großem Aufsehen jüngst ein Interview mit Wladimir Putin veröffentlichte. Wichtig ist hierbei nicht das Gesagte – Show bleibt Show –, sondern die symbolische Wiederherstellung der Informationsverbindung zwischen dem Westen und Russland. Seit Kriegsbeginn war diese Informationsverbindung unterbrochen, jede Seite baute also ihr jeweiliges Narrativ mit Blick auf die eigene Einflusssphäre aus. Wir erinnern uns noch gut an die Erzählung unserer Medien: Putin am langen Tisch, seine Ratgeber weit von sich weisend, womöglich aus Angst vor Corona oder einem Anschlag – Russlands Diktator wahrscheinlich dem Wahnsinn verfallen, jedenfalls so gut wie erledigt. Diese Erzählung, für die westliche Bevölkerung Bild und Erklärung zugleich, ist durch Carlsons Interview nun zerstört worden.

Wie dem auch sei: Für die Ukraine wird es im anbrechenden dritten Kriegsjahr um alles gehen.