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Vom römischen Murad und anderen „Erfolgen“ unseres Bildungssystems

8. Dezember 2021

„Luise, was hat unser Klassenrat mit der Demokratie im antiken Griechenland zu tun?“, fragt mich einer meiner Nachmittagsschüler, bei denen ich privat die Folgen des Bildungszeitgeists versuche auszubügeln. Wer die moderne Ausführung dieses „Rates“ einmal live erlebt hat, dem mag es schwerfallen, zu dieser Frage angemessene Parallelen zu erörtern.

Und so sitze ich selbst ratlos vor dem Lehrbuch für Gesellschaftswissenschaften und weiß nicht so recht, ob ich lachen oder weinen soll. Überfliegt man das Inhaltsverzeichnis, reist man in wenigen Lehrbuchseiten vom alten Rom über das Thema „Kloaken und Toiletten“ zu Murad und seinem Zuhause in Berlin.

Flüchtling, Flüchtender, Menschen mit Fluchthintergrund

An den Untergang des Römischen Weltreiches schließt sich thematisch „Menschen suchen eine neue Heimat – Migration heute“ an. Danach wird passend über „bunte (Schul)klassen“ gesprochen. Die Germanen lassen sich wunderbar mit der heutigen Vielfalt Europas verbinden und der moderne Klassenrat wird der attischen Demokratie gegenübergestellt. Von der Agrarwirtschaft der Jungsteinzeit sind es exakt 8 Seiten zur heutigen Milchwirtschaft im Allgäu. Wenn das mal kein gelungener Ritt durch die Geschichte ist!

Das Fach Geschichte wird immer häufiger in den unteren Klassenstufen zu dem Konglomerat „Gesellschaftswissenschaften“ mit den Fächern Geographie und Politik zusammengefasst. Dieser fächerübergreifende Unterricht führt allzu oft dazu, dass historische Inhalte zwangsmodernisiert und in den passenden ideologischen Kontext gestellt werden. Die Inhalte verkommen zu einem Flickenteppich ohne durchgängigen Faden. Hinzu kommt die zunehmende kulturelle und bildungskanonische Entwurzelung und gewollte Planlosigkeit.

Alles Historische muss krampfhaft in die Gegenwart gezerrt werden und einen dubiosen „Lebensweltbezug“ haben, auch wenn der Schüler dann Murads Lebensumstände mit denen eines antiken Römers verwechselt. Da könnte man fast ironisch anmerken: Ziel erreicht! Das Resultat dieser Beschäftigungstherapie mit Inhaltskonfigurationen ohne Sinn und Verstand (aber umso mehr Kalkül!) ist eine Art Pseudobildung. Die groben Inhalte ähneln noch entfernt dem alten Bildungskanon doch gleichzeitig wird der kulturell entwurzelte homo „Ich hab da mal gehört, wie es früher war, aber heute sind wir bunt und vielfältig“ herangezogen.

Erziehung zur Identitätslosigkeit

Was wir mit einem solchen Unterricht produzieren sind historisch und kulturell entwurzelte Menschen. Es fehlt u.a. ein wissensbasiertes Grundgerüst, an das Informationen andocken könnten. Ein kontinuierliches Geschichtsbild zu entwickeln und Jahreszahlen zu kennen sei unnötig und nicht zielführend.

Doch wie sollen die Schüler ein Bild von Geschichte und unserer Zivilisationshistorie entwickeln? Indem wir dank irgendwelcher Quer- und Längsschnitte die Geschichte in eine fragwürdige moderne Ideologie kleiden und dabei essentielle historische Zusammenhänge ignorieren? Wie Dietrich Schwanitz in seinem Buch „Bildung“ schreibt, „ist den Schülern und Studenten der Sinn für die Geschichte als Abfolge der Epochen weitgehend verlorengegangen.“ Kinder lernen somit nicht, Ereignisse einzuordnen oder sie zu vergleichen. Sind diese Themen plötzlich so trivialisierbar, dass man jetzt nur drei Seiten für eine Hochkultur braucht, wo es früher 20 Seiten im Schulbuch gab?

Die übliche Antwort der Bildungsexperten auf einen kulturhistorischen Bildungskanon lautet dann: Weg damit! Er sei verstaubt, veraltet und nicht mehr zeitgemäß. Da ordnet man die Ereignisse lieber gleich ideologisch richtig ein. Doch meiner Meinung ist dies genau der falsche Weg. Es fehlt das Eingeständnis, dass man es versäumt (hat), den jungen Menschen ein grundständiges Geschichts- und Kulturbild zu vermitteln. Dies beginnt selbstverständlich im Elternhaus. Doch es ist die Aufgabe der Schule, dies eventuell nachzuholen, aufzugreifen und zu systematisieren. Gerade dies ist nicht gewollt!

Der Verfall des geschichtlich-kulturellen Rahmens im Bildungsbereich ist auch noch aus anderen Gründen bedenklich. Das fehlende Grundgerüst wirkt sich auf das Verständnis anderer kultureller Errungenschaften wie der Literatur, Kunst und Musik aus. Von einer fast gar nicht vorhandenen philosophischen Grundbildung ganz zu schweigen. Wie sollen die Schüler ohne ein grundlegendes Verständnis der deutschen und europäischen Geistesgeschichte die Klassiker der Literatur verstehen?

Fack ju Göhte

Es ist selbstverständlich, dass auf dieser Basis die Schüler kaum Klassiker mehr lesen geschweige denn sie verstehen. Das Problem ist gerade nicht deren Antiquiertheit, sondern die fehlende Vorbereitung und Einordnung durch das Elternhaus und die Lehrer. Viele von ihnen möchten sich ja am liebsten nicht mehr als Deutsche begreifen, lieber schon als Europäer oder auf der höchsten Kompetenzstufe gleich als Weltbürger ohne Heimat und Identität. Wozu dann noch die Beschäftigung mit kulturellen Klassikern und nicht mit afrikanische Stammesmythen? Hinzu kommt die sich im Sinkflug befindende Begeisterung vieler für kulturell-klassische Bildungsinhalte.

Bildung sollte dazu führen, dass junge Menschen Respekt vor den geistigen Errungenschaften und deren Schöpfern in ihrer angestammten Kultur entwickeln. Vor ihren Augen sollte sich ein Bild ihrer Kultur zusammensetzen, aus denen sie sich Vorbilder und Mythen für ihr eigenes Leben ableiten können. Erst das vertiefte Wissen über die eigene Kultur führt zu einer ideengeschichtlichen Festigung und mit der Zeit zu Reflektionsfähigkeit und einem fundierten Vergleichen und Bewerten. Dem wird von der derzeitigen Bildungslandschaft jedoch offen oder teils auch unbewusst entgegengearbeitet. Das Bild, das etwaige Lehrbücher von Geschichte vermitteln, wird einem solchen Respekt und einer Enkulturation nicht ansatzweise gerecht.

Nach Alain de Benoist handelt ein Volk gut, wenn es sich seiner kulturellen und geschichtlichen Wurzeln bewusst bleibt. Sobald eine Entfremdung von dieser Grundlagen sich vollzieht, verliert das Volk seinen Wesenskern. Ein fehlendes Geschichtsbewusstsein verhindert ein historisch reflektiertes Handeln und das Wirgefühl einer Nation verschwindet im Dunst der Beliebigkeit. Was wir, aber besonders die jungen Menschen brauchen, ist eine Antwort auf die Frage: Was bedeutet es, Deutscher/ Europäer zu sein?

Das geht selbstverständlich nicht nur über Fakten, sondern auch über Erzählungen und die dadurch ausgelösten Emotionen. Doch gerade diese Emotionen werden durch eine moderne ideologische Einkleidung umgedeutet und fehlgeleitet. Wenn wir Kinder dieser Pseudobildung überlassen, dürfen wir uns nicht über die zu erntenden Früchte wundern. Ein eindrucksvolles, nachhaltiges Bild von Geschichte und Kultur werden sie jedenfalls nicht entwickeln!

Luise Witt

Nach ihrem Lehramtsstudium entschied sich Luise Witt für eine Laufbahn abseits des pädagogischen Mainstreams. Wenn ihre Gedanken gerade nicht um die Schule kreisen, findet man sie umgeben von neurechten, dystopischen und philosophischen Bücherbergen, am Klavier oder in der Küche. Sie ist ein vehementer Verfechter toxischer Weiblichkeit, weshalb sie progressive Stadtbewohner und Demokratiepädagogen gern durch das Tragen von langen Röcken und Flechtfrisuren triggert.


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