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Wie der Bierpreis den Konservatismus zerstört

31. Mai 2022

Seit ich 16 bin, gehört ein gemeinsames Bier am Wochenende mit den Kumpels dazu. „Säufsch, stirbsch – säufsch it, stirbsch au – also säufsch!“, sagt man bei uns im Schwabenland. Dieses Motto verbindet Generationen und bildet für die, die es vertragen und das richtige Maß kennen (das meistens über einem Liter liegt), die Grundlage des geselligen Bei- und Miteinanders. Nur selten trifft man im Süden auf Einzelne, die dem Alkohol aus persönlichen Gründen abgeschworen haben, und sieht in ihnen das andere Extrem des Dorfalkoholikers, der aus wahrscheinlich ähnlichen Gründen eine konträre Meinung zum Bierkonsum pflegt.

Als Süddeutscher lernte ich jedenfalls schnell die gesellige Wirkung des Biers zu schätzen und konnte die Aussagen des „Wintereinbruch Bierdurst“-Typs schnell auswendig (eine klare YouTube-Empfehlung von mir an dieser Stelle). Gleichzeitig musste ich auch die schlechten Seiten des Alkoholkonsums am eigenen Leib erfahren, der mich schließlich dazu brachte, den vernünftigen Umgang mit ihm zu pflegen. Wie man sich auch zum Alkohol verhält, er spielt eine wichtige gesellschaftliche Rolle – aber dazu muss ich ein wenig ausholen.

Die erste Station meines Studiums führte mich in die oberfränkische Stadt Bamberg. In Oberfranken kommen auf eine Million Einwohner mehr als 200 Braustätten, womit diese Gegend die größte Brauereidichte der Welt (!) besitzt. In Bamberg selbst gab es 1850 noch 62 eigenständige Brauereien, von denen zur Zeit meines Studiums immerhin noch neun traditionelle übrig waren. Trotz dieser gesunkenen Anzahl hat Bamberg immer noch die größte Brauereidichte der Welt und kann zu Recht als die Hauptstadt des Bieres betrachtet werden – wer schon mal ein Seidla (einen halben Liter) Rauchbier im „Spezial-Keller“ oder ein „U“ im „Mahrs Bräu“ getrunken hat, weiß, wovon ich rede.

Bamberg hat ebenfalls das drittgrößte zusammenhängende UNESCO-Weltkulturerbe zu bieten, gleich nach dem Vatikan und der Stadt Prag, und das vor allem auch deshalb, weil die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont blieb. Neben vielen anderen Kriegen führten die Bamberger jedoch einen, den sie bedingungslos gewannen und der mir besonders im Gedächtnis blieb. Grund für den „Bamberger Bierkrieg“ im Jahre 1907 war die Entscheidung der Bamberger Brauereien, den Preis der ausgeschenkten Seidla von elf auf zwölf Pfennig zu erhöhen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Bierpreis seit 110 Jahren (!) um keinen müden Taler erhöht worden. Mehrere Bamberger Wirte wehrten sich daraufhin gegen diesen unverschämten Akt der Teuerung und verkauften von nun an nur noch billigeres Bier aus der nahe gelegenen Stadt Forchheim. Die Bamberger Brauereien wurden schließlich dazu gezwungen, den Bierpreis wieder auf elf Pfennig zu reduzieren, und der „Bierkrieg“ wurde zugunsten der Biertrinker entschieden.

Ohne auf Reallohn und ähnliche Spielereien einzugehen, möchte ich auf ein aktuelleres Beispiel verweisen. Auf dem Oktoberfest zahlte man 1968 2,40 Deutsche Mark für eine Maß, 1972 waren es bereits 2,65 D-Mark. Als das Oktoberfest im Jahre 2019 zum letzten Mal stattfand, kostete ein Liter Bier zwischen 11,70 Euro und 15,90 Euro. Damit hat sich der Bierpreis seit 1871 stets erhöht.

Meine nächste Station führte nach Wien, wo ein Bier in jedem einzelnen Beisl (einer Wiener Kneipe) über vier Euro kostet, mit Trinkgeld meistens glatt fünf Euro. Das regelmäßige Besuchen eines dieser Etablissements würde mich einfach völlig verarmen (Wienerisch: ausbrennen) lassen, weshalb ich vor einigen Jahren von dieser Gewohnheit Abstand nehmen musste.

Die verbissenen Ideologen werden sich jetzt denken, dass das Biertrinken sowieso nichts Gutes darstellen kann. Doch seit der Entwicklung des Stammtischs in der Biedermeierzeit dient das gemeinsame Biertrinken in der Kneipe dem politischen Austausch, bei dem jeder teilnehmen kann und keine Parole von Anfang an aus dem Diskurs ausgeschlossen wird. Der Stammtisch sicherte genauso wie die Turnvereine den politisch freien Austausch und kann bis heute staatlich nicht verhindert werden – was am Stammtisch besprochen wird, bleibt am Stammtisch. Dieses für Eliten ärgerliche Phänomen führte zu dem Narrativ des ungebildeten Pöbels, der am Stammtisch Bier trinkend Parolen der stumpfsten Sorte um sich ruft.

Doch diese „Stammtischparolen“ werden aus gutem Grund stets als „rechts“ eingestuft. Immerhin treffen sich dort die normalen Bürger allerlei gesellschaftlicher Couleur, vom hart arbeitenden Landwirt bis zum Sparkassenvorstand. All jenen ist natürlich bewusst, dass sämtliche linksliberalen Forderungen an ihrer Realität vorbeigehen. Was sie verbindet, ist die Gemütlichkeit der Kneipe und ihres Tisches, der ihren Zusammenhalt stärkt und alle Unterschiede zwischen ihnen aufhebt. Die alters- und klassenlose Gesellschaft am Stammtisch will keine auferlegten Quoten, keine gegenderte Sprache und natürlich auch keine Massenmigration. So wie die Familie der Rückzugsort für den gesellschaftlichen Menschen ist, so ist es der Stammtisch für den politischen Menschen. Frei nach dem Subsidiaritätsprinzip ist der Stammtisch die kleinste Form der politischen Organisation, die sich gegen politischen Schwachsinn wehren will. Das Bier sorgt lediglich dafür, dass auch alle Meinungen formuliert werden können. Bereits die Germanen tranken vor wichtigen Entscheidungen bei ihren Things reichlich Met, damit sich getraut wurde, alle möglichen Einwände auch zu formulieren – erst am nächsten Tag wurde eine Entscheidung über einen Sachverhalt gefällt.

Politisch verbieten kann man den von Eliten kritisch-tendenziös beäugten Stammtisch nicht (oder höchstens zeitweilig aufgrund einer gewissen epidemischen Notlage). Was die Politik stattdessen machen kann, ist, die Erhöhung des Bierpreises Jahr für Jahr zuzulassen. Neben der politischen Ächtung von links führt das unweigerlich dazu, dass der Stammtisch, die Keimzelle des konservativen Widerstands, mehr und mehr an Bedeutung einbüßt. Für mich beantworte ich jedenfalls die Frage danach, was „Konservatismus“ bedeutet, mit dem Kampf der Bamberger gegen die erste Erhöhung des Bierpreises nach über 100 Jahren der Stabilität.

Ich weiß nicht, was zuerst da war – die Bierpreiserhöhung oder der Niedergang der Werte. Was ich weiß, ist allerdings, dass man nicht nur eines von beiden stoppen kann.

PhrasenDrescher

Der Phrasendrescher - wie könnte es anders sein - promoviert derzeit interdisziplinär in der Philosophie und der Politikwissenschaft. Als glühender Verehrer von Friedrich Nietzsche weiß er, dass man auch Untergänge akzeptieren muss und arbeitet bereits an der Heraufkunft neuer, stärkerer Werte.

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