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1914 und seine Neuauflage

21. Mai 2022

Ich weiß nicht, irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein großer Teil meiner Zeitgenossen aus der bürgerlichen Wohlstandswelt ausbrechen möchte um ihre „Unlust an der Kultur“ auszuleben. „Die Babyboomer-Generation ist aufgewachsen mit der Angst vor der Apokalypse. Millenials dagegen fällt der Ruf nach Waffenlieferungen leicht – zum Glück“ Es ist wieder soweit. Das Kriegsgeheul hebt an. So wie der Schreiber dieses hier verlinkten Artikels, der zwischen den Zeilen auch noch seine Verachtung für diejenigen durchblicken lässt, die zu Besonnenheit und Mäßigung aufrufen, dürfen sich in den Qualitätsmedien jetzt viele austoben. Die erste Frage wäre, woher dieser Journalist seine Weisheiten nimmt. Meines Wissens gibt es noch keine gesicherten und differenzierten Erkenntnisse zur Einstellung zum Ukrainekrieg bezüglich der Alterskohorten. Lassen wir es trotzdem erst einmal so stehen.

Lange Zeiten der Ruhe führen dazu, dass uns wieder das Fell juckt. Wobei „uns“ eher die üblichen Verdächtigen aus Medien und Politik meint. Sind tatsächlich bereits wieder hinreichend junge Menschen nachgewachsen, bereit, es darauf ankommen zu lassen? Hatte man bisher eher den Eindruck, wir hätten es mit einer „Generation Jammerlappen“ zu tun, muss man nun feststellen, dass uns hier Helden nachgewachsen sind? Ich glaube es einfach nicht.

Ich halte die Erzählung der Propaganda-Medien für frei erfunden, die sich als „letzte Generation“ Bezeichnenden wären nun bereit für den finalen Endkampf zwischen Gut und Böse. Man kann sich nur wundern – Generation Y und Z (darf man Z eigentlich noch schreiben?): Angst vor Atomkraftwerken, vor Corona, vor dem Klimawandel, zum großen Teil auch Angst vor der Arbeit. Life-Time-Balance war bisher das Wichtigste in ihrem Leben, wenig Arbeit, viel Spaß, Anstrengungsbereitschaft hochgradig defizitär – nun plötzlich soll alles anders sein, die Angst wie weggeblasen? Atomkrieg? Ja, man muss ihn verhindern, aber wenn es denn gar nicht anders geht: „…das Leben kehrt irgendwann zurück, so wie in Hiroshima und Tschernobyl“, so noch einmal der oben Zitierte. Wie verbrannt und vernebelt kann ein Gehirn nur sein?

Ein kurzer Blick zurück kann helfen. Dazu Zitate aus dem Kapitel „Die ersten Stunden des Krieges von 1914“ aus Stefan Zweigs Buch „Die Welt von gestern“, geschrieben 1941:

„Und trotz allem Haß und Abscheu gegen den Krieg möchte ich die Erinnerung an diese ersten Tage in meinem Leben nicht missen: Wie nie fühlten die Tausende und Hunderttausende Menschen, was sie besser im Frieden hätten fühlen sollen: daß sie zusammengehörten. Eine Stadt von zwei Millionen, ein Land von fast fünfzig Millionen empfanden in dieser Stunde, daß sie Weltgeschichte, daß sie einen nie wiederkehrenden Augenblick miterlebten und daß jeder aufgerufen war, sein winziges Ich in diese glühende Masse zu schleudern, um sich dort von aller Eigensucht zu läutern. Alle Unterschiede der Stände, der Sprachen, der Klassen, der Religionen waren überflutet für diesen einen Augenblick von dem strömenden Gefühl der Brüderlichkeit. Fremde sprachen sich an auf der Straße, Menschen, die sich jahrelang auswichen, schüttelten einander die Hände, überall sah man belebte Gesichter.“

Und weiter:

„Die Generation von heute, die nur den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitangesehen, fragt sich vielleicht: warum haben wir das nicht erlebt? Warum loderten 1939 die Massen nicht mehr in gleicher Begeisterung auf wie 1914? Warum gehorchten sie dem Anruf nur ernst und entschlossen, schweigsam und fatalistisch? Galt es nicht dasselbe, ging es eigentlich nicht noch um mehr, um Heiligeres, um Höheres in diesem unseren gegenwärtigen Kriege, der ein Krieg der Ideen war und nicht bloß einer um Grenzen und Kolonien?“

Soweit die Einschätzungen eines Zeitzeugen. Einschub: Ein Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers. Kann doch ein Zeitzeuge, ähnlich einem Frosch auf der Wiese, bestenfalls nur die Spitzen der Grashalme erkennen – ein Adler sieht das ganze Bild, sieht alle Frösche, wie sie quakend und einander nicht sehend auf der Wiese verteilt sind. So jedenfalls die Lesart in der Historikerzunft. Mir selbst ist es immer erstaunlich, wenn 30jährige Historiker, Absolventen einer linken, westdeutschen Universität mir erklären, wie sich das Leben in Ostdeutschland zu Zeiten der Diktatur angefühlt haben muss. Es ist schon immer so gewesen, erst wenn der letzte Zeitzeuge gestorben ist, läuft die Historikerfraktion zu Höchstleistungen auf und erzählt der Welt die Lüge, auf die sie sich geeinigt haben. Sie nennen es dann Geschichte.

Mir kommt es so vor, als taumelten wir in Europa wieder in einen großen Krieg weil die Zeit des Friedens zu lang war – über 70 Jahre, ähnlich wie 1914. Die sogenannte Boomer-Generation, zu der ich mich selbst zähle und die der Anfangs verlinkte Schreiber so verächtlich macht, hat zwar den Krieg auch nicht erlebt, hat aber wenigstens noch eine schwache Vorstellung davon, wie es war. Einer meiner Großväter war in beiden Kriegen, der andere im Zweiten und in russischer Kriegsgefangenschaft.

Wieder werden wir in einen Krieg hineingelogen. Wieder spielen Zeitungen und Medien mit in der Einstimmung der Massen auf Entbehrungen. Stimmen, die zur Mäßigung, zum Innehalten aufrufen, werden nicht gehört. Intellektuelle unterschreiben die Forderung nach Waffen und weiterer Eskalation. Angeblich kann nur so Frieden herbeigeführt werden. Frieden schaffen mit noch mehr Waffen.

Udo Holm

Glücklicher Privatier und Hobbyschreiber mit grimmigem Humor und zunehmender Altersmilde. Geboren im grünen Herzen Deutschlands als Grün noch die Farbe der Blätter und nicht die Beschreibung eines Geisteszustandes war. Als guter Beobachter erkennt er seine Schweine am Gang und lässt sich nichts mehr vom Pferd erzählen. Lebt in Berlin und schreibt im "Spiegelsaal".


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