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Zurück in die 90er – Scheidungen auf vorläufigem Rekordtief

4. Juni 2020
in 3 min lesen

Der Konservative beschwert sich bekanntlich immer darüber, dass alles den Bach runtergeht. Alle wollen zurück: Teile der Konservativen zu 1870, Teile zu 1848. Wieder andere beziehen sich auf die entspannten 50er Jahre und die Minimalisten sind schon mit den 90ern zu Frieden, als wir einigermaßen wohlhabend uns noch nicht vom Eurowahn und offenen Grenzen gängeln ließen.

Aber, alles Schnee von gestern, oder? Ausgeträumt der Traum von der Rückkehr zu alten Werten? Nicht ganz. Zumindest die 90er-Jahre-minimalistischen Konservativen (Minikons) haben Grund zur Freude. Aber natürlich sind wieder alle am Lamentieren, regen sich über Merkel, Genderwahn und Multikulti auf, ohne bemerkt zu haben, dass etwas geht, dass etwas möglich ist, dass etwas passiert.

Familie und stabile Partnerschaft sind das Salz in der Suppe eines jeden Konservativen und Libertären – aus den verschiedensten Gründen. Ehe und Familie genießen unschätzbare Vorteile. Und das haben auch die Menschen wieder gemerkt. Klammheimlich ist die Scheidungsquote eklatant gesunken. Während die Boomer-Konservativen noch darüber schimpfen, dass ja heute jeder mit jedem, und niemand eine Familie gründen will, scheinen die neueren Ehen überraschend oft zu halten.

1960 ließen sich 11 Prozent der Ehen scheiden, danach explodierte die Zahl förmlich bis zum vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2000 mit knapp 52 Prozent. Sage und schreibe mehr als die Hälfte aller Ehen gingen in die Binsen. Doch dann kam die Trendwende. Jedes Jahr ließen sich weniger Ehen scheiden und 2018 kam es zum vorläufigen Tiefpunkt: 33 Prozent der Ehen wurden durch Scheidung beendet. Damit ist man fast wieder auf dem Niveau von 1990. Und der Trend geht weiter. Was beachtet werden muss: Die durchschnittliche Ehe dauert ca. 15 Jahre, weshalb jetzt die Ehen seltener geschieden werden, die vor 15 Jahren getraut wurden. Auf dem Scheidungshöhepunkt 2005 handelte es sich also – im statistischen Mittel versteht sich – um die Ehen von 1990.

Liebe Kritiker: Für diese starken Änderungen sind nicht nur unsere Gäste verantwortlich. Die haben zwar auch ihren Teil dazu beigetragen, sind mengenmäßig aber noch nicht dazu in der Lage, die Zahlen derart stark zu beeinflussen.

Die Scheidungsrate ist bekanntlich nur eine Kennzahl: Vielleicht haben sich einfach generell weniger Paare getraut, weshalb nur die wirklich sicheren Beziehungen “Ja” gesagt haben? Die Antwort darauf ist eindeutig: Nein. Auch die Zahl der gesamten Ehen ist seit dem Tiefpunkt 2007 wieder stark am Steigen. Innerhalb der letzten 13 Jahre wuchs die Zahl der Trauungen von 368.000 auf 449.000 (+18 Prozent). Und auch dafür ist nicht nur die Homo-Ehe verantwortlich, die ist seit 2018 legalisiert wurde. Schon vorher gab es mehr Hochzeiten. Wir befinden uns aktuell wieder auf dem Stand von 1992, als 452.000 Ehen geschlossen wurden.

Was ist also passiert? Hat nach dem Höhepunkt der partnerschaftlichen Verwahrlosung (freie Entfaltung der Sexualität) ein Katzenjammer eingesetzt? Hat die Romantisierungswelle eingesetzt? Gewinnen alte Werte wieder an Gewicht? Möglicherweise. Meine Sicht darauf ist eine andere: Ich bin kein Konservativer – wie eigentlich die meiste Konservativen – die der Tradition oder der alten Werte wegen etwas befürworten. Ich bin Konservativer, weil es funktioniert! Und das seit tausenden von Jahren. Die letzten 10-20 Jahre haben das ökonomische Schlaraffenland des späten 20. Jahrhunderts abgelöst. Eine Phase in der alles ging, in der das Geld auf Bäumen wuchs, in der man innerhalb von Monaten wohlhabend werden konnte, eigentlich jeder sichere Arbeit fand – und das langfristig. Sollte das nicht der Fall sein, gab es das alte Arbeitslosengeld – bemessen am ehemaligen Lohn – weshalb man gut und gerne auch ohne Arbeit leben konnte.

Diese Zeit ist vorbei. Wir befinden uns am Vorabend der größten Rezession seit den 20ern. Fiat-Geld, gedruckt von der EZB, die stetige Unsicherheit, die Vermögenswertinflation – also die unfassbare Teuerung von Haus, Hof und Grundstück – erschweren es, alleine klarzukommen. Und das spüren die Menschen. Die Unsicherheit wächst, ein Gewitter zieht herauf. Das größte Armutsrisiko neben dem Jobverlust, hat einen Namen: Alleinstehend. Jeder dritte Alleinstehende (über 30 Prozent) ist von Armut betroffen – das ist ein schlechterer Wert als eine Familie mit drei oder mehr Kindern (25 Prozent sind arm). Armut wird hier bemessen an 60 Prozent des mittleren Einkommens für die Bezugsgruppe.

Scheidung und “Individualismus” (Scheidung ist kein echter Individualismus, sondern streng genommen ein Vertragsbruch, der staatlich ermöglich wird) verlieren an Attraktivität, da sie Chaos und eben auch Armut bedeuten. In einer wechselhaften Zeit ist eine Scheidung ein Risiko. Man überlegt sich zweimal, sich zu trennen, stattdessen arbeitet man an seiner Beziehung – und das scheint oft genug zu funktionieren, wie die Zahlen nahelegen.

Aber spricht da nicht wieder der kalt berechnende Libertäre, der denkt, dass solche Vorgänge im Kopf der Leute – direkt oder indirekt stattfinden? Tatsächlich ist an diesem Vorwurf etwas dran. Kann es denn nicht einfach sein, dass der Wind aus einer anderen Richtung bläst und die Leute von sich heraus wieder konservativ werden? Auch das ist interessanterweise gut möglich: Denn es gibt noch eine weitere Zahl, die wirtschaftlich nicht erklärt werden kann. Jugendliche haben immer später Sex – mit immer weniger Partnern. Und Jugendliche machen sich keinerlei Gedanken um Kinderbetreuung und Altersvorsorge, sondern handeln eher nach Gefühl. Alte Werte also doch auf dem Vormarsch?

Stefan Nguyen

Endlich ein Ausländer im Team und wir müssen uns die Rassistenvorwürfe nicht mehr anhören. Nguyen ist leider nur Viertelvietnamese, hat aber vieles von der asiatischen Mentalität geerbt. Jeden Tag 14 Stunden arbeiten. Schlafen ist für Verlierer. Stefan hat einen Bachelor in International Economics und arbeitet derzeit im Ausland. Wenn er überhaupt einmal Zeit hat, schreibt er in der Print.

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