Wie stellt man sich einen Diplomaten vor? Nennen Sie mich altmodisch, aber in meiner Vorstellung sind Diplomaten kรผhle, distanzierte und sehr vorsichtige Menschen. Es geht im Spiel der Diplomatie doch darum, sein Gegenรผber von einer Kooperation zu รผberzeugen, oder gar ihm zu schmeicheln oder es zu umgarnen. Auf alle Fรคlle ist der Diplomat darauf bedacht, seine Kollegen als Vertreter anderer Nationen nicht vor den Kopf zu stoรen oder sie gar zu beleidigen. Tja, nun sind die Zeitalter der Kabinettskriege, in denen die Diplomaten tatsรคchlich so vorsichtig und hรถflich (das Wort bedeutet wรถrtlich: โnach der Umgangsart am Hofeโ), miteinander umgingen, lange vorbei; in den Weltenbrรคnden des 20. Jahrhunderts konnte der Umgangston in der Diplomatie schon mal sehr rau werden โ woran die Deutschen, so viel Selbstkritik muss sein, auch ihren Anteil hatten. Rau ist der Ton auch heute, in Zeiten des Ukrainekrieges, noch immer. Die Russen drohen dabei nicht nur gerne mal ihrem Kriegsgegner, sondern auch (offiziell) neutralen Staaten โ so machte im Februar 2023 Auรenminister Lawrow der Republik Moldau deutlich, dass sie dasselbe Schicksal wie die Ukraine erleide, sollte sie sich dem Westen annรคhern.
Doch auch die Ukrainer haben genug Scharfmacher in ihrem diplomatischen Corps. Der mit Abstand berรผhmteste unter ihnen ist Andrij Melnyk, der von 2015 bis zum Oktober 2022 ukrainischer Botschafter in der Bundesrepublik war und in dieser Zeit mit seinen, sagen mir mal, sehr direkten Forderungen sich einen Namen machte. Ob Flugzeuge, Panzer oder gar U-Boote, am besten hรคtte das alles, wรคre es nach ihm gegangen, der deutsche Staat (und damit der deutsche Steuerzahler) der Ukraine รผbergeben und finanzieren mรผssen. Aber nicht nur die Forderungen an sich, auch der Ton, in dem dieselben gestellt wurden, strotzte nur so vor Dreistigkeit. Kein Hauch von Feingefรผhl war zu spรผren, nur das Motto: โGebt her!โ Nach seinem Abtritt als Botschafter war es vergleichsweise ruhig um Melnyk in den deutschen Medien, bis er sich am Samstag einen Streit mit dem Politikwissenschaftler Carlo Masala lieferte. Was war passiert?
Masala, ein linksliberaler Politologe und fester Bestandteil des bundesrepublikanischen Establishments, ist eigentlich einer der grรถรten Unterstรผtzer der ukrainischen Sache im deutschen Sprachraum; er sprach sich stets fรผr einen harten Umgang mit den russischen Aggressoren aus. Doch Masala ist nicht blind und vermag zwischen dem russischen Staat und dem russischen Volk und dessen Kultur zu unterscheiden: Auf Twitter empfahl er die Novelle โWeiรe Nรคchteโ von Dostojewski, die er als โeines der schรถnsten, zรคrtlichsten, zerbrechยญlichsten und gleichยญzeitig kraftvollsten Werkeโ des russischen Autors bezeichnete. Fรผr Melnyk glich diese harmlose Literaturkritik jedoch schon Verrat; er tweetete Folgendes:
Jaja, man solle doch lieber die Schriftsteller der ukrainischen Republik lesen als die des russischen Imperiums. Nichts verdeutlicht den Wahnsinn des Andrij Melnyk mehr als dieser Tweet. Masala warf ihm das Versinken in der โnationalistischen Jauchegrubeโ vor und blockierte Melnyk daraufhin. Seitdem zickt der Diplomat umso stรคrker rum. Nun ja…

Kalifat BRD
Wir sind ein Printmagazin. Unsere Hefte, attraktive Abonnements, Bekleidung, Bรผcher und vieles mehr findest Du in unserem Netzladen!
Es bleibt fรผr mich ein Rรคtsel, wie dieser Mann รผberhaupt Diplomat werden konnte und warum man ihn in Berlin nicht gleich nach ein paar Tagen zurรผck an den Dnjepr geschickt hatte. Hรคtten wir eine selbstbewusste Regierung, es wรคre so geschehen. Man stelle sich vor: Da kommt ein Diplomat eines Landes daher, gegenรผber dem man keinerlei Bรผndnisverpflichtungen hat, und fordert im Ton eines vorlauten Halbstarken allerlei Kriegsgerรคt und logistische Unterstรผtzung ohne Gegenleistung. Was erlaubt sich der Kerl? Und wenn man nicht sofort positiv darauf reagiert, wird man auch noch beleidigt!
Aber nun ja, mit den Deutschen kann man es ja machen. Die sind eh nur der Kรถter zum Prรผgeln, der willige Geldgeber. Wenn er nicht spurt, kommt man ihm mit dem Maler aus Wien, und alles geht wieder seinen Gang. Es ist so ermรผdend. Dabei hรคtte man das unter vernรผnftigen Menschen so anders, so entspannter regeln kรถnnen. Wenn die Ukraine als ein nicht mit uns verbรผndeter Staat unbedingt Hilfe gegen die Invasoren braucht, hรคtte ich als ukrainischer Diplomat so etwas gesagt wie: โSchaut her, ihr wurdet schon mal vom Russen geplรผndert, jetzt sind wir dran, wir haben da schon eine gemeinsame Geschichte, nicht? Und wenn ihr uns helft, kรถnnen wir eventuell dafรผr sorgen, dass die deutsche Wirtschaft einige Vorteile bei uns genieรen wird.โ So oder so รคhnlich hรคtte ein Gentlemenโs Agreement aussehen kรถnnen, aber stattdessen fuhr man lieber die altbekannte Taktik. Die funktioniert schlieรlich auch.
Zu guter Letzt gilt es nicht zu vergessen, dass Melnyk gerade wegen seiner Attitรผde einen hervorragenden Reprรคsentanten des ukrainischen Staates abgibt. Die Regierung dort ist nรคmlich, รคhnlich wie in Russland, eine korrupte Oligarchie, voll von Rรคubern, die sich nach dem Zerfall der UdSSR alles Mรถgliche unter den Nagel gerissen hatten. Wer kรถnnte solch einen Staat besser vertreten als ein vulgรคrer Pรถbler wie unser Andrij Melnyk?
