Nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist das Vertrauen der Bevรถlkerung in die Handlungsfรคhigkeit des Staates so tief gesunken: Nur noch 27 Prozent, so die jรคhrliche Befragung des Beamtenbundes, sind der Meinung, der Staat kรถnne seine Aufgaben erfรผllen; 69 Prozent halten ihn laut „Sรผddeutscher Zeitung“ vom 16. August fรผr รผberfordert โ besonders ausgeprรคgt sei dies in der Asyl- und Flรผchtlingsfrage.
Daร die Zuwanderung nebst der analog steigenden Kriminalitรคtsrate ein Dreh- und Angelpunkt der deutschen Misere ist, machte Sigmar Gabriel, frรผherer Auรenminister und SPD-Vorsitzender, in einem Gesprรคch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland („Mรคrkische Allgemeine Zeitung“ vom 17. August) deutlich:
โDas Gefรผhl, daร die Staaten Europas die Kontrolle darรผber verloren haben, wer zu uns kommen kann und wer nicht, ist eines der Beispiele fรผr den Verlust von staatlicher Handlungsfรคhigkeit.“
Gabriel weist auf zwei Kardinalfehler hin: Der Versuch, mit einem Individualrecht auf das moderne Phรคnomen von Massenflucht zu reagieren, fรผhre nicht zum Erfolg. โUnsere Regeln aus dem 20. Jahrhundert passen nicht zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.“ Fรผr alle Europรคer wachse daher die Gefahr, โdaร wir รผbergroรe Liberalitรคt nach auรen mit dem Verlust der Liberalitรคt im Inneren bezahlen“. Gabriels Resรผmee: Wer die Grenzen innerhalb Europas offenhalten wolle, mรผsse sie โnach auรen hart und kompromiรlos kontrollieren und darf nicht jeden Einsatz von Frontex als unmenschlich verurteilen“. รhnlich wie Gabriel argumentierte auch der CDU-Politiker Jens Spahn in einem Interview mit โBild am Sonntagโ.
Individualisierung und Liberalitรคt ins Extrem getrieben, so lรครt sich Gabriels Einsicht zusammenfassen, hat nicht nur den deutschen Staat an die Grenze der Handlungsfรคhigkeit gebracht, sondern gleichzeitig die Umfragewerte der AfD in die Hรถhe getrieben. Kein Wunder, daร der einstige SPD-Chef nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt eine Wende in der Flรผchtlingspolitik fordert:
โWir sollten jetzt parteiรผbergreifend nach neuen Wegen suchen, ohne durch Wahlkampfgetรถse das Geschรคft der AfD zu fรถrdern.“
Daร so etwas funktionieren kรถnne, hรคtten die in Dรคnemark regierenden Sozialdemokraten gezeigt. Unter Ministerprรคsidentin Mette Frederiksen sei 2019 ein restriktiver migrationspolitischer Kurs eingeschlagen worden. Bei den jรผngsten Wahlen sei der Stimmenanteil der Rechtspopulisten auf 2,6 Prozent zurรผckgegangen.
Freilich vergiรt Gabriel, daร diese Politik mit Ausnahme der AfD bei allen im Bundestag vertretenen Parteien, auch bei der SPD, bis heute auf scharfe Kritik stรถรt. In Wahrheit wird fรผr die als Staatsziel proklamierte โmoderne Einwanderungsgesellschaft“ das Gegenteil gefordert: Deutschland, so Monika Schnitzer, die Vorsitzende der fรผnf sogenannten Wirtschaftsweisen, mรผsse jรคhrlich 1,5 Millionen Zuwanderer aufnehmen. Das wรคren in zwei Jahrzehnten 30 Millionen. Mit den bereits im Land lebenden 25 Millionen wรผrden die Zuwanderer im Jahr 2043 mit rund 55 Millionen die Mehrheit der Bevรถlkerung stellen, wรคhrend die Autochthonen in die Rolle einer ethnischen Minderheit gerieten. Der Antifa-Wunsch โDeutschland, verrecke!“ kรถnnte dann bald in Erfรผllung gehen, und die angebliche Verschwรถrungstheorie vom โGroรen Austausch“ hรคtte sich bewahrheitet.
Die รkonomin Schnitzer plรคdiert sogar fรผr eine neue โWillkommenskultur“: Man solle nicht fรผr jeden Job fordern, daร die auslรคndischen โFachkrรคfte“ Deutsch kรถnnten, sondern mรผsse dafรผr sorgen, daร die Mitarbeiter der Auslรคnderbehรถrden Englisch kรถnnten. Auรer acht gelassen wird dabei, daร allein in diesem Juli die Zahl der einheimischen Arbeitslosen um 147.000 auf 2,6 Millionen gestiegen ist und jedes Jahr (so 2021) rund 47.000 Jugendliche ohne Abschluร die Hauptschule verlassen โ ein brachliegendes Arbeitsmarktpotential.
Der Hรถhenflug der AfD hat nicht nur Politiker, sondern den gesamten von Linken, Grรผnen und Liberalen โ im Westen seit fรผnfzig Jahren, im Osten seit der Wiedervereinigung โ beherrschten โtiefen Staat“ in Panik versetzt. Kein Tag vergeht, an dem nicht aus den Reihen der โZivilgesellschaft“ (notabene eine falsche รbersetzung der englischen civil society = Bรผrgergesellschaft), von einer der mit Steuergeld gefรผtterten Nichtregierungsorganisationen (sog. NGOs), einem privaten oder รถffentlich-rechtlichen Leitmedium, einem staatlich alimentierten Wissenschaftler oder von irgendwelchen โKulturschaffendenโ die Schatten der Vergangenheit beschworen werden.

โWehret den Anfรคngen!“ lautet die Parole, mit der an 1933, an Aufstieg und Machtรผbernahme der NSDAP erinnert wird โ an vorderster Front der Agitatoren: das Staatsoberhaupt, das stets โdas beste Deutschland, das wir je hatten“, preist. Beim Festakt zur Geburtsstunde des Grundgesetzes nahm Frank-Walter Steinmeier im Spiegelsaal von Herrenchiemsee das Volk quasi in Sippenhaft. Kein Wรคhler, so warnte er, kรถnne sich โauf mildernde Umstรคnde herausreden, wenn er sehenden Auges politische Krรคfte stรคrkt, die zur Verrohung unserer Gesellschaft und zur Aushรถhlung der freiheitlichen Demokratie beitragen“.
Auch Thomas Haldenwang, der Prรคsident des Bundesamts fรผr Verfassungsschutz, รผberschreitet stรคndig die ihm gesetzten Grenzen, wenn er glaubt, er mรผsse die รffentlichkeit vor der Gefahr der AfD โwachrรผtteln“. In einem Interview mit dem ZDF erklรคrte er sogar, daร nicht nur sein Amt โdie Aufgabe habe, die Umfragewerte der AfD zu schrumpfen“. Der Verfassungsrechtler Franz Josef Lindner von der Universitรคt Augsburg mahnt, bei รถffentlichen รuรerungen mรผsse Haldenwang das beamtenrechtliche Gebot der politischen Neutralitรคt beachten („SZ“ vom 11. August). Haldenwangs Behauptung wiederum, jenseits des im Grundgesetz verankerten Staatsvolks existiere kein ethnisches deutsches Volk, widerspricht eindeutig der Verfassung.
Der immer verzweifelter wirkende Abwehrkampf gegen den Aufstieg der AfD wird natรผrlich auch im Ausland mit Interesse verfolgt. Ein Parteiverbot, so das britische Online-Magazin „Spiked“, โwรคre ein brutaler Angriff auf die Demokratie“. Das Magazin belehrt deutsche Politiker, daร seinerzeit nicht Hitler, wie Steinmeier behauptet, die Mรถglichkeiten der Demokratie miรbraucht habe; vielmehr hรคtten die Eliten des Landes Hitler zur Machtรผbernahme eingeladen (โinvited“), um ihre eigenen Positionen zu bewahren. In der Gegenwart sieht „Spiked“ eine Parallele: Auch jetzt zeige sich wieder die autoritรคre, undemokratische geistige Grundhaltung der fรผhrenden politischen deutschen Eliten, die an Stelle der Wรคhler entscheiden wollten, wem die Macht zufalle.
Ein markantes Beispiel, worum es fรผr die Eliten nicht nur Deutschlands geht, ist die Auseinandersetzung รผber die Zukunft der EU. Wรคhrend Brรผssel im Gleichklang mit den selbsternannten demokratischen Parteien in Berlin โ also unter Einschluร auch der Unionsparteien โ fรผr einen europรคischen Bundesstaat plรคdiert, tritt die AfD fรผr einen Bund gleichberechtigter Nationalstaaten ein. Am 5. August stellte die „SZ“ die beiden kontroversen Thesen in einem Grundsatzartikel dar und wรคhlte als Unterzeile die absurde Frage: โDroht ein Europa der Vaterlรคnder?โ Absurd โ weil dies die auf den damaligen Prรคsidenten Charles de Gaulle zurรผckgehende Grundidee eines vereinigten Europas war, die den Beifall aller national gesinnten Parteien fand.
Doch mittlerweile bestimmen nicht nur in Brรผssel linksliberale und grรผne Globalisten und Internationalisten die politische Agenda. Durch den zunehmenden Erfolg rechtspopulistischer Parteien sieht die „SZ“ Schreckliches auf Europa zukommen:
โAus der antinationalistischen, kosmopolitischen, strukturell progressiven EU kรถnnte eine nationalistische, rรผckwรคrtsgewandte, auf wenige Punkte beschrรคnkte Zusammenarbeit von Regierungen werden.“
Der auf Kant zurรผckgehende Traum von einer ersten Etappe auf dem Weg zu einer staaten- und klassenlosen, hierarchiefreien Welt wรคre geplatzt. Zahlmeister dieser Utopie wรคre Deutschland, das schon jetzt mit Milliardenbetrรคgen Hauptglรคubiger der lรคngst zur Schuldenunion mutierten EU geworden ist.

