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Ist Kaffee rechts oder links?

1. Februar 2024
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Ich konsumiere in letzter Zeit abstruse Mengen Kaffee, so an einen halben Liter am Tag. Wรคhrend das bei mir eine einigermaรŸen neue Eskalation der Trinkgewohnheiten darstellt, trinkt der YouTube-Kollege Clownie nach eigener Aussage schon sein gesamtes Erwachsenenleben ein bis zwei Kannen (!) des schwarzen Bohnensafts tรคglich, und auch der jรผngst wieder aufgrund Schrรถdingers Einreiseverbot und seiner Zahnbรผrste in allen Schlagzeilen gelandete Martin Sellner gab vor einer Weile in einem Interview รผber das Leben als junger Vater gegenรผber dem โ€žThymosโ€œ-Magazin bekannt, dass seine Espresso-Eskapaden seit der Geburt seines Sohnes noch einmal deutlich ausgeartet sind. Und da das hier, spรคtestens seit meinem Fitnessbowl-Artikel, die Kolumne ist, in der wir jede denkbare Eigenheit unserer Ernรคhrung politisieren, kam mir heute die Frage in den Sinn: Ist das eigentlich links oder rechts?

Kaffee ist eine, wenn auch geringfรผgig, abhรคngig machende Droge, รผber deren gesundheitliche Auswirkungen man streiten kann. Jedoch keine enthemmende, zum Kontrollverlust einladende. Und auch wenn sie die Stimmung ein wenig zu heben vermag, drรคngt sie sich selbst bei exzessivem Konsum nicht zu einem Grad in dein Leben, an dem sie dessen Mittelpunkt wird und sonstigen Ambitionen im Weg steht. Wรคhrend von Koffein, so man es regelmรครŸig und in rauen Mengen konsumiert, schwer loszukommen sein kann, ist es schwer vorstellbar, dass jemand sich in einer Lebenskrise wie einer Scheidung hemmungslos dem Aufgussgetrรคnk hingibt und sich langsam in diesem verliert, wie man es etwa bei Alkohol hรคufig beobachtet. Im Gegenteil ist dieses fun-sized Aufputschmittel fรผr den GroรŸteil seiner Connaisseure etwas, das man wรคhrend durchaus sinnvoller Tรคtigkeiten genieรŸt, um eben seine Produktivitรคt zu steigern.

Auch ist es, zumindest fรผr mich, รผber den wachmachenden Effekt, den man sich von ihm verspricht, hinaus so etwas wie ein Ritual. Der Geschmack, der Geruch und schon die Zubereitung stimmen einen auf die kommende Arbeitszeit ein, versetzen einen in die richtige Geisteshaltung dafรผr. Nicht gegeben ist dieser Vorzug bei den kaugummiartig schmeckenden Energydrinks, die fรผr die meisten richtig harten Koffeinjunkies in meiner Erfahrung auch eher das Mittel der Wahl sind. Gehen wir nach den Ausfรผhrungen des renommierten Rechtsextremismus-Experten Andreas Kemper, entspringen jedoch sogar diese einer toxisch-maskulinen Denkschule, nach der man รผberhaupt Energie benรถtige, um produktiv zu sein.

Generell aber sind Rituale, insbesondere solche, die zu einem geregelten Tagesablauf beitragen, ja etwas, das von links tendenziell abgelehnt wird, oder auf jeden Fall wurde. Das hatte in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich auch damit zu tun, dass man alles einreiรŸen wollte, was der feindlichen althergebrachten Gesellschaftsordnung Stabilitรคt verlieh, wรคhrend man die eigene ja gerade erst zu Ende aufbaut. Das Ritual des Kaffeetrinkens bei den heutigen woken Journalismus-Studenten nimmt aber wohl hรคufiger als nicht eher Zรผge des einfachen Verzehrs von SรผรŸspeisen an, denen man aber irrefรผhrenderweise den Namen โ€žKaffeeโ€œ aufgedrรผckt hat โ€“ Starbucks lรคsst grรผรŸen.

Die historische Herkunft des Getrรคnks, dessen anregende Wirkung, wie man auf Wikipedia erfรคhrt, einer Legende nach von Mohammed, dem Religionsstifter des Islams, persรถnlich entdeckt worden sein soll, nachdem der Engel Gabriel ihm eine Tasse รผberreichte, will ich an dieser Stelle einmal ausklammern, da solch ein Essensherkunfts-Puritanismus etwas ist, das selbst ich, als jemand, der seit einem knappen Jahrzehnt im rechten Lager unterwegs ist, quasi ausschlieรŸlich als linke Unterstellung kenne, die etwa fรผr lustige Memes darรผber, dass wir in einem rechten Deutschland nur noch Sauerkrautpizza essen dรผrfen, als Grundlage herhรคlt.

Tja, Fazit? Kaffee ist eine Droge, und Drogen sind links. Nicht alle Drogen sind gleich links, je lethargischer, ungesรผnder, unproduktiver oder enthemmter sie dich machen, desto linker sind sie, und Kaffee tut meist das Gegenteil. Kaffee ist ein Produktivitรคtsritual, Produktivitรคt und Rituale โ€“ das ist zweimal rechts. Kaffee und Kuchen sind zudem Fluchtgrรผnde Nummer eins und zwei fรผr volljรคhrige, begleitete Schutzsuchende aus ร–sterreich. In der Summe sage ich also: Kaffee ist rechts.

ABOS

Bรผcher

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