0

Schicksalstage eines Kanzlerkandidaten

5. Februar 2025
in 3 min lesen

Hat Friedrich Merz bereits versagt, bevor er รผberhaupt die Chance hatte, zu scheitern? Diesen Eindruck hinterlieรŸen zumindest die Ereignisse der letzten Woche. Das โ€žPolitical Cinematic Universeโ€œ, wie Co-Autor Lambda unsere politische Theaterbรผhne gerne zu nennen pflegt, ging auf jeden Fall in eine heiรŸe Phase. Das Schauspiel begann mit dem Attentat von Aschaffenburg, bei dem ein Afghane ein Kleinkind sowie einen Erwachsenen mit einem Messer abschlachtete. Die Reaktionen des linken Establishments waren โ€žgrenzwertigโ€œ, um es mal freundlich auszudrรผcken, doch auch Merz und seine Partei mussten, jetzt, da Wahlkampf ist, darauf reagieren.

Und das taten sie: Letzten Mittwoch, am 29. Januar, reichte die Unionsfraktion einen Antrag im Deutschen Bundestag ein, der rein gar keine Auswirkungen auf die aktuelle Gesetzeslage hatte, sondern eher einem Vorschlag glich: So sollen zum Beispiel ausreisepflichtige Auslรคnder auch tatsรคchlich abgeschoben werden โ€“ eine radikale Forderung! Die offiziell linken Parteien im Bundestag wollten diesen โ€“ wie gesagt, vรถllig unverbindlichen โ€“ Antrag nicht mittragen und verweigerten der Union ihre Stimmen. Und so kam eine andere Mehrheit im Bundestag zum Tragen: nรคmlich eine aus Union, FDP und AfD. Der Antrag ging durch, und die Komรถdie nahm ihren Lauf.

Die linken Fraktionen reagierten empรถrt. Sie fuhren alle Geschรผtze auf: Die Brandmauer sei gefallen, Friedrich Merz werde zu einem neuen Hindenburg (wobei er dann doch die Rolle des Franz von Papen einnehmen mรผsste?) und zum Steigbรผgelhalter des neuen Faschismus. Innerhalb weniger Tage, ja Stunden, sammelten sich Tausende linke Demonstranten auf den StraรŸen der deutschen GroรŸstรคdte, und so manche CDU-Parteizentrale bekam etwas unfreundlicheren Besuch. In Berlin wurde das Konrad-Adenauer-Haus regelrecht belagert; โ€žam spรคten Nachmittag [des 30.01.2025] wurden Mitarbeiter der CDU-Zentrale in Berlin sogar aufgefordert, das Konrad-Adenauer-Haus zu verlassenโ€œ, schrieb man in der entsetzten โ€žBildโ€œ.

Die linke Drohmaschinerie zog alle ihr verfรผgbaren Hebel โ€“ zumindest die, die noch keine offene Gewalt zugelassen hรคtten โ€“, und fรผr ein paar Tage durchlebten CDUler mal eine Situation, die AfD-Politiker schon seit Jahren ertragen mรผssen. Doch nicht nur auf der StraรŸe, auch im Bundestag machten die linken Krรคfte mobil: Katharina Drรถge von den Grรผnen sprach von einem โ€žschwarzen Tag fรผr unsere Demokratieโ€œ โ€“ wenn es doch nur ein schwarzer Tag fรผr โ€žeure Demokratieโ„ขโ€œ wรคre โ€“, und die Spitzenkandidatin der Linken fรผr die kommende Wahl, Heidi Reichinnek, โ€žhรคtte [sich] niemals vorstellen kรถnnen, dass eine christlich-demokratische Partei diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiertโ€œ.

Am Freitag, dem 31.01., stellte die Union einen Gesetzentwurf zur Debatte, der ebenfalls die Begrenzung der Migration zum Ziel hatte: Der Familiennachzug sollte ausgesetzt und die Bundespolizei mit mehr Kompetenzen ausgestattet werden. Das ist, wie so typisch fรผr die Union, nur ein Tropfen auf dem heiรŸen Stein, reichte aber aus, um den Furor der Linken weiterhin zu erregen. Es kam zu einer Sitzungsunterbrechung, beantragt von der Union selber, die erst fรผr 30 Minuten gedacht war, sich dann aber auf รผber drei Stunden ausweitete. Hastig wurde sich zwischen und innerhalb der einzelnen Fraktionen beraten. Man wollte eine Mehrheit ohne AfD erringen, notfalls den Entwurf noch einmal in den Innenausschuss bringen, um mit den anderen Parteien auf einen Kompromiss zu kommen. Doch es half alles nichts. Der Gesetzentwurf scheiterte letzten Endes an fehlenden Stimmen aus FDP- und Unionsfraktion (!); Merzโ€™ eigene Parteifreunde waren ihm in den Rรผcken gefallen โ€“ und das alles nur, weil man den Druck der Linken nicht mehr aushielt.

Und nun? Merz gibt sich reumรผtig, wie die โ€žTagesschauโ€œ berichtet: โ€žโ€šEs gibt keine Zusammenarbeit, es gibt keine Duldung, es gibt keine Minderheitsregierung, gar nichtsโ€˜, versprach der Parteichef auf dem CDU-Wahlparteitag.โ€œ Damit wird seine harte Tour doch etwas aufgeweicht. So war das sicher nicht geplant. Die Strategie des Friedrich Merz war ja gar nicht so schlecht: Vor der Wahl den harten Mann spielen, der fรผr Recht und Ordnung einsteht, um dann, nach der Wahl, eine Regierung mit der SPD und/oder den Grรผnen zu bilden. Dass die Stimmung so eskalieren wรผrde, war ihm wohl nicht bewusst โ€“ und es war vielleicht auch unklug.

Diese รœberreaktion des politisch-medialen Komplexes wird wohl einen schwachen Merz hinterlassen, der konservativere Wรคhler, die zwischen CDU und AfD schwanken, eher zur Letzteren tendieren lรคsst. Und die AfD kann, sofern sie sich jetzt keinen Fehler mehr erlaubt, daraus nur profitieren: Nachdem sie die Union so in die Ecke gedrรคngt hatte, stellte sich diese als die falsche, schwache Partei heraus, die sie nun mal ist. Fรผr uns hรคtte die Woche nicht besser laufen kรถnnen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Bislang hieรŸ es „Wer sich distanziert verliert“.
    Aber daรŸ sich die C-Partei von ihren eigenen Versprechen und Vorschlรคgen distanziert kann man nur noch als Harakiri bezeichnen. Unverstรคndlich daรŸ dieser Vorgauklerklamotte รผberhaupt noch so viele Leute ihre Zustimmung geben wollen, so umfangreich ist der Kreis der NutznieรŸer des schwarzen Filzes dann doch nicht.

  2. Dieses Schmierentheater hat aber offenbar gar keinen Einfluss auf den Wรคhler. Die Union ist gegenwรคrtig stabil und fรผr die AfD gab es keinen Auftrieb. Erstaunlich, da stellt sich mir direkt die Frage, wie zuverlรคssig diese Umfragen sind. Angeblich hat das Washington DC Democracy Institute durch eine Umfrage die CDU bei 27% und die AfD bei 25% ermittelt.

Comments are closed.

ABOS

Bรผcher

SPIELE