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Russenstusser gegen NATO-Cucks

27. Juni 2025
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Ich habe es bereits in meiner letzten Kolumne angerissen und werde auch in Zukunft nicht mรผde, es zu thematisieren: Ersatzidentitรคten. Fรผr unsere Zeit und speziell unsere Generation ist dieser Wunsch nach einem Sinn, fรผr den es sich wirklich zu kรคmpfen lohnt, absolut bezeichnend. Keine politische Richtung und kaum eine weltanschauliche Ausdifferenzierung kann sich dem entziehen. Die Verantwortung fรผr dieses fatale Vakuum muss hierbei mehreren Akteuren angelastet werden. Zum Beispiel den Boomern und ihrem Hang zur brรคsigen Selbstgefรคlligkeit, mit der sich vielleicht eine Behรถrde verwalten lรคsst, nicht aber ein Land. Auch und vor allem den Xoomern, die mit ihrem รคtzenden Zynismus die letzten Reste an konservativen Gewissheiten abgerรคumt haben und im Arbeitstakt einer Werbeagentur immer neue, immer absurdere Agenden produzieren, mit denen die restdeutsche Gesellschaft in den Wahnsinn getrieben wird. Und schlieรŸlich kรถnnen auch wir, die Generationen Y und Z, uns nicht aus der Verantwortung stehlen, lassen wir uns doch durch die uns vor die FรผรŸe geworfenen Ersatzidentitรคten gegeneinander aufwiegeln.

Konkret zeigte sich das Ganze eben erst anhand des 22-jรคhrigen AfD-Funktionรคrs Tim Schramm, der einige Zeit in einer ukrainischen Einheit Dienst tat und mit seinem Bekenntnis zur Unterstรผtzung der Ukraine eine Debatte anheizte, die unter Rechten bereits seit einiger Zeit schwelt, nรคmlich: Wie positioniert man sich im Ukrainekrieg?

รœber viele Jahre galt Russland als der basierte Gegenentwurf zum dekadenten, vom Kulturmarxismus zerfressenen Westen. Angeheizt wurde diese Vorstellung nicht nur von altlinken Renegaten, sondern auch von einer geschickten Selbstinszenierung der Russischen Fรถderation. In der Tat hatte sich der globale Westen mit dem vรถlkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak und den sinnlosen, 20 Jahre (!) andauernden โ€žFriedenseinsatzโ€œ in Afghanistan desavouiert. Interventionen in Libyen und Syrien und schlieรŸlich die gezielte Destabilisierung der russlandfreundlichen Regierung in der Ukraine komplettierten den Eindruck, dass die USA, die NATO und auch die EU regelrecht bรถsartig wรคren.

Der unsรคgliche Schaden und das unermessliche Leid, das diese โ€žwertegeleitete Interventionspolitikโ€œ รผber viele Lรคnder und Vรถlker gebracht hat, kann nicht in Abrede gestellt werden. So zu tun, als seien Russland und seine Partner als Gegenspieler in dieser Wiederauflage des โ€žGrand Gameโ€œ bloรŸ erduldende Dritte, die sich ob der Unfairness des Westens verwundert die Augen reiben, ist hingegen ebenso naiv. Russland kann auf eine lange Tradition der geschickten Setzung von Narrativen zurรผckblicken. Nach auรŸen hin signalisieren russische Diplomaten in regelrecht dรผmmlich-naiver Manier die eigene Friedfertigkeit, nach innen hin heizt eine irre Propagandamaschinerie die Fantasie รผber nukleare Erstschlรคge gegen NATO-Lรคnder an. โ€žPutinversteherโ€œ und โ€žRusslandfreundeโ€œ (diffamierende Zuschreibungen, die aber auch gerne als Selbstbezeichnung angenommen werden) lavieren zwischen diesen beiden Positionen. Man sah das ganz anschaulich in den Tagen vor und nach der russischen Invasion: Galt ein Einmarsch zunรคchst als absolut ausgeschlossen und die gegenteilige Behauptung als russenfeindliche Kriegshetze, unterbot man sich in den Tagen nach dem 24. Februar mit Schรคtzungen zur รœberlebensdauer des โ€žSelenskyj-Regimesโ€œ.

Machen wir uns nichts vor, widersprรผchlich ist natรผrlich auch โ€žunsereโ€œ, die westliche Propaganda: Nach der geradezu jรคmmerlichen Leistung der russischen Armee prognostizierten NATO-Experten tรคglich den Zusammenbruch des โ€žPutin-Regimesโ€œ. Bis heute warten wir auf den Moment, wo den Russen wahlweise die Munition, die Panzer oder die Kรผhlschrรคnke ausgehen.

Die Frage, wie lange das alles noch weiterlaufen soll, die Vernichtung von Leben, die Verschwendung von Wirtschaftskraft, die Zerstรถrung von Lebens- und Kulturraum, bleibt berechtigt โ€“ fรผr beide Seiten! So wie es aussieht, kann der Krieg noch jahrelang dauern, was im Angesicht der internationalen Dimension in erster Linie nicht gegen, sondern fรผr die Potenz beider Seiten spricht. SchlieรŸlich wird eine Seite zusammenbrechen, wenn auch unklar ist, wer und wann genau.

Kommen wir zurรผck zu Schramm. Der teilte auf Twitter/X eine knappe Stellungnahme zu seinem Einsatz:

https://twitter.com/ogschrammi/status/1935776179803296199

Diese blieb durch unseren Kolumnisten Shlomo Finkelstein nicht unkommentiert:

Hier tobt er jetzt also wieder von Neuem, der Konflikt, der bereits vor einiger Zeit fรผr hitzige Debatten sorgte. Das grundlegende Problem ist hierbei die Zementierung der Fronten, die nicht zuletzt durch das persรถnliche Engagement beziehungsweise die Erfahrung einzelner Akteure betrieben wird. Schramm hรคtte nicht fรผr die Ukraine gekรคmpft, wenn er nicht bedingungslos an den Wert der ukrainischen Sache glauben wรผrde. Finkelstein hingegen ist Opfer eines Staates geworden, der auf wahnwitzige Art und Weise einerseits die Meinungsfreiheit im Inneren immer weiter einschrรคnkt, aber andererseits โ€žunsere Werteโ€œ in der Ukraine verteidigt wissen will.

Beiden Seiten gemein ist die Erwartung einer zunehmenden Eskalation des Krieges: Schramm sieht in der Ukraine die vorderste Linie gegen ein verbrecherisches und darรผber hinaus verlogenes Regime. Zudem verweist er nicht zu Unrecht auf die Tatsache, dass mit der Ukraine ein Volk und seine Nation einen alles entscheidenden Kampf um die eigene Existenz fรผhrt. Verliert sie, werde Russland weitere Lรคnder und Vรถlker unterwerfen. Finkelstein hingegen impliziert, dass die Ukraine in erster Linie einen Krieg fรผr die โ€žwestlichen Werteโ€œ fรผhre. Da sie im Begriff ist, diesen Kampf zu verlieren, instrumentalisiere der Westen den ihm so widersprรผchlichen Aspekt der โ€žnationalen Selbstbehauptungโ€œ, um unter jungen Rechten die Bereitschaft zu stรคrken, in Zukunft in diesen Krieg zu ziehen.

Durch die stรคndigen Vorwรผrfe โ€žRussenstusserโ€œ oder โ€žNATO-Cucksโ€œ wird dieser innerdeutsche, innerrechte Konflikt nur noch angeheizt. Es ist nicht so, dass die Vorwรผrfe nicht unberechtigt wรคren: Wenn, dann sollten sie sich allerdings nicht gegen Finkelstein, Schramm oder irgendjemand anderen richten, der fรผr seine Sache wirklich etwas geopfert hat. Man sollte sie gegen jene Akteure richten, die gemรผtlich am Rand stehen und im offensichtlichen Interesse zweier konkurrierender Blรถcke idealistische junge Mรคnner gegeneinander ausspielen. Man findet diese unsรคglichen Gestalten, die ihre Profile bevorzugt mit fremden Flaggen schmรผcken, in den Redaktionen diverser Medien – regierungstreuen als auch dissidenten -, aber auch in sรคmtlichen Parteien, allen voran der AfD und SPD.

Lรคsst sich der Gegensatz zwischen Finkelstein und Schramm auflรถsen, vielleicht sogar mit dem Hinweis, das bei allen Fragen โ€žDeutschland zuerstโ€œ zu gelten habe? Wenn der Krieg in der Ukraine wahlweise ein Krieg fรผr oder gegen unsere Interessen ist, dann wohl kaum.

5 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Dieser Schrammi ist sehr wahrscheinlich selbst Opfer (einer Inszenierung bzw inszeniert es selbst) und wird missbraucht, um im rechten Lager Kรคmpfer, Idioten fรผr Kanonenfutter zu angeln (und bekommt dafรผr vielleicht auch noch Geld).
    Dieser Krieg ist eine Inszenierung der mรคchtigsten kriminellesten Organisation der Welt: der italienischen/ sizilianischen Mafia, mit ihrem groรŸen Bruder in den USA: der CIA-Mafia (Stichwort false-flags, Irakkrieg). Die Mafia hat bereits in den neunziger Jahren Geschรคfte mit der russischen Mafia gemacht und solche Verbindungen fรผr Geschรคfte verfliegen nicht, wenn es um Geld geht und in Russland die Volkswirtschaft und das Einkommen um ein Vielfaches niedriger liegt, ist es ein leichtes das kriminelle Netzwerk dort und damit die russische Politik und das Militรคr zu beeinflussen bzw zu bestechen bzw notfalls mit erkaufter Erpressung, so waren auch meine Erfahrungen und Beobachtungen in Russland.
    Einen Teil meiner Geschichte habe ich bereits auf instagram und TikTok verรถffentlicht: raffi_ajm

  2. โ€žZudem verweist er nicht zu Unrecht auf die Tatsache, dass mit der Ukraine ein Volk und seine Nation einen alles entscheidenden Kampf um die eigene Existenz fรผhrt.โ€œ Das ist Bullshit. Ach Leute, ist es wirklich zuviel verlangt mal ein Buch รผber Geopolitik zu lesen? Oder ein Geschichtsbuch? Natรผrlich keines von dem Propgandaschrott, der vor kurzem erschienen ist. Dann werdet ihr wissen: Die Ukraine muss sich nur zur Neutralitรคt bekennen und der Krieg ist vorbei. Weder in den Ostgebieten oder auf der Krim muss irgendwer befreit werden, denn da leben ethnische Russen, die zu Russland gehรถren wollen. Das nationalistische Kernland um Lemberg bis Kiew bleibt unangetastet, da kรถnnen sie weitherhin ihre wertvolle Kultur zelebrieren: Sรคbeltรคnze, Borscht essen und Fackelzรผge zu Ehren Banderas abhalten. Mehr ist das nicht.

  3. Die Beteiligung in Afghanistan und Syrien brachte Deutschland Messer-und Nikab-,,Fachkrรคfte“,die Unterstรผtzung der Ukraine mehrere hundertausend Bรผrgergeldempfรคnger und Miliardenkosten jรคhrlich.

    ,,…mit dem Hinweis, das bei allen Fragen โ€žDeutschland zuerstโ€œ zu gelten habe“

  4. Der Konflikt kรถnnte einen in Deutschland halt echt egal sein, wenn es nicht tatsรคchlich so wรคre, dass Russland eine Strategie der „Sammlung russischer Erde“ verfolgt. Dafรผr eben auch bereit ist, wahnwitzige Vernichtungsfantasien gegenรผber das Deutschland zu verbreiten.

    Auf der anderen Seite dann die Regenbogenlobby, die ihrerseits einen gewissen Vernichtungswillen gegenรผber Russland pflegt. MutmaรŸlich, weil Putin sich weigert diverse Geschlechtsidentitรคten zu erlauben.

    Die Argumentation, dass diese Debatte in Deutschland so hochkocht, weil es uns am Eigenen fehlt, kann man nur teilen.

    Beste GrรผรŸe

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