Ich habe es bereits in meiner letzten Kolumne angerissen und werde auch in Zukunft nicht müde, es zu thematisieren: Ersatzidentitäten. Für unsere Zeit und speziell unsere Generation ist dieser Wunsch nach einem Sinn, für den es sich wirklich zu kämpfen lohnt, absolut bezeichnend. Keine politische Richtung und kaum eine weltanschauliche Ausdifferenzierung kann sich dem entziehen. Die Verantwortung für dieses fatale Vakuum muss hierbei mehreren Akteuren angelastet werden. Zum Beispiel den Boomern und ihrem Hang zur bräsigen Selbstgefälligkeit, mit der sich vielleicht eine Behörde verwalten lässt, nicht aber ein Land. Auch und vor allem den Xoomern, die mit ihrem ätzenden Zynismus die letzten Reste an konservativen Gewissheiten abgeräumt haben und im Arbeitstakt einer Werbeagentur immer neue, immer absurdere Agenden produzieren, mit denen die restdeutsche Gesellschaft in den Wahnsinn getrieben wird. Und schließlich können auch wir, die Generationen Y und Z, uns nicht aus der Verantwortung stehlen, lassen wir uns doch durch die uns vor die Füße geworfenen Ersatzidentitäten gegeneinander aufwiegeln.
Konkret zeigte sich das Ganze eben erst anhand des 22-jährigen AfD-Funktionärs Tim Schramm, der einige Zeit in einer ukrainischen Einheit Dienst tat und mit seinem Bekenntnis zur Unterstützung der Ukraine eine Debatte anheizte, die unter Rechten bereits seit einiger Zeit schwelt, nämlich: Wie positioniert man sich im Ukrainekrieg?
Über viele Jahre galt Russland als der basierte Gegenentwurf zum dekadenten, vom Kulturmarxismus zerfressenen Westen. Angeheizt wurde diese Vorstellung nicht nur von altlinken Renegaten, sondern auch von einer geschickten Selbstinszenierung der Russischen Föderation. In der Tat hatte sich der globale Westen mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak und den sinnlosen, 20 Jahre (!) andauernden „Friedenseinsatz“ in Afghanistan desavouiert. Interventionen in Libyen und Syrien und schließlich die gezielte Destabilisierung der russlandfreundlichen Regierung in der Ukraine komplettierten den Eindruck, dass die USA, die NATO und auch die EU regelrecht bösartig wären.
Der unsägliche Schaden und das unermessliche Leid, das diese „wertegeleitete Interventionspolitik“ über viele Länder und Völker gebracht hat, kann nicht in Abrede gestellt werden. So zu tun, als seien Russland und seine Partner als Gegenspieler in dieser Wiederauflage des „Grand Game“ bloß erduldende Dritte, die sich ob der Unfairness des Westens verwundert die Augen reiben, ist hingegen ebenso naiv. Russland kann auf eine lange Tradition der geschickten Setzung von Narrativen zurückblicken. Nach außen hin signalisieren russische Diplomaten in regelrecht dümmlich-naiver Manier die eigene Friedfertigkeit, nach innen hin heizt eine irre Propagandamaschinerie die Fantasie über nukleare Erstschläge gegen NATO-Länder an. „Putinversteher“ und „Russlandfreunde“ (diffamierende Zuschreibungen, die aber auch gerne als Selbstbezeichnung angenommen werden) lavieren zwischen diesen beiden Positionen. Man sah das ganz anschaulich in den Tagen vor und nach der russischen Invasion: Galt ein Einmarsch zunächst als absolut ausgeschlossen und die gegenteilige Behauptung als russenfeindliche Kriegshetze, unterbot man sich in den Tagen nach dem 24. Februar mit Schätzungen zur Überlebensdauer des „Selenskyj-Regimes“.
Machen wir uns nichts vor, widersprüchlich ist natürlich auch „unsere“, die westliche Propaganda: Nach der geradezu jämmerlichen Leistung der russischen Armee prognostizierten NATO-Experten täglich den Zusammenbruch des „Putin-Regimes“. Bis heute warten wir auf den Moment, wo den Russen wahlweise die Munition, die Panzer oder die Kühlschränke ausgehen.
Die Frage, wie lange das alles noch weiterlaufen soll, die Vernichtung von Leben, die Verschwendung von Wirtschaftskraft, die Zerstörung von Lebens- und Kulturraum, bleibt berechtigt – für beide Seiten! So wie es aussieht, kann der Krieg noch jahrelang dauern, was im Angesicht der internationalen Dimension in erster Linie nicht gegen, sondern für die Potenz beider Seiten spricht. Schließlich wird eine Seite zusammenbrechen, wenn auch unklar ist, wer und wann genau.
Kommen wir zurück zu Schramm. Der teilte auf Twitter/X eine knappe Stellungnahme zu seinem Einsatz:
Diese blieb durch unseren Kolumnisten Shlomo Finkelstein nicht unkommentiert:
Hier tobt er jetzt also wieder von Neuem, der Konflikt, der bereits vor einiger Zeit für hitzige Debatten sorgte. Das grundlegende Problem ist hierbei die Zementierung der Fronten, die nicht zuletzt durch das persönliche Engagement beziehungsweise die Erfahrung einzelner Akteure betrieben wird. Schramm hätte nicht für die Ukraine gekämpft, wenn er nicht bedingungslos an den Wert der ukrainischen Sache glauben würde. Finkelstein hingegen ist Opfer eines Staates geworden, der auf wahnwitzige Art und Weise einerseits die Meinungsfreiheit im Inneren immer weiter einschränkt, aber andererseits „unsere Werte“ in der Ukraine verteidigt wissen will.
Beiden Seiten gemein ist die Erwartung einer zunehmenden Eskalation des Krieges: Schramm sieht in der Ukraine die vorderste Linie gegen ein verbrecherisches und darüber hinaus verlogenes Regime. Zudem verweist er nicht zu Unrecht auf die Tatsache, dass mit der Ukraine ein Volk und seine Nation einen alles entscheidenden Kampf um die eigene Existenz führt. Verliert sie, werde Russland weitere Länder und Völker unterwerfen. Finkelstein hingegen impliziert, dass die Ukraine in erster Linie einen Krieg für die „westlichen Werte“ führe. Da sie im Begriff ist, diesen Kampf zu verlieren, instrumentalisiere der Westen den ihm so widersprüchlichen Aspekt der „nationalen Selbstbehauptung“, um unter jungen Rechten die Bereitschaft zu stärken, in Zukunft in diesen Krieg zu ziehen.
Durch die ständigen Vorwürfe „Russenstusser“ oder „NATO-Cucks“ wird dieser innerdeutsche, innerrechte Konflikt nur noch angeheizt. Es ist nicht so, dass die Vorwürfe nicht unberechtigt wären: Wenn, dann sollten sie sich allerdings nicht gegen Finkelstein, Schramm oder irgendjemand anderen richten, der für seine Sache wirklich etwas geopfert hat. Man sollte sie gegen jene Akteure richten, die gemütlich am Rand stehen und im offensichtlichen Interesse zweier konkurrierender Blöcke idealistische junge Männer gegeneinander ausspielen. Man findet diese unsäglichen Gestalten, die ihre Profile bevorzugt mit fremden Flaggen schmücken, in den Redaktionen diverser Medien – regierungstreuen als auch dissidenten -, aber auch in sämtlichen Parteien, allen voran der AfD und SPD.
Lässt sich der Gegensatz zwischen Finkelstein und Schramm auflösen, vielleicht sogar mit dem Hinweis, das bei allen Fragen „Deutschland zuerst“ zu gelten habe? Wenn der Krieg in der Ukraine wahlweise ein Krieg für oder gegen unsere Interessen ist, dann wohl kaum.


„Russenstusser gegen NATO-Cucks“ was sind die Synonyme bei Israel vs Gaza/Iran?
Ebenso leidig…
Dieser Schrammi ist sehr wahrscheinlich selbst Opfer (einer Inszenierung bzw inszeniert es selbst) und wird missbraucht, um im rechten Lager Kämpfer, Idioten für Kanonenfutter zu angeln (und bekommt dafür vielleicht auch noch Geld).
Dieser Krieg ist eine Inszenierung der mächtigsten kriminellesten Organisation der Welt: der italienischen/ sizilianischen Mafia, mit ihrem großen Bruder in den USA: der CIA-Mafia (Stichwort false-flags, Irakkrieg). Die Mafia hat bereits in den neunziger Jahren Geschäfte mit der russischen Mafia gemacht und solche Verbindungen für Geschäfte verfliegen nicht, wenn es um Geld geht und in Russland die Volkswirtschaft und das Einkommen um ein Vielfaches niedriger liegt, ist es ein leichtes das kriminelle Netzwerk dort und damit die russische Politik und das Militär zu beeinflussen bzw zu bestechen bzw notfalls mit erkaufter Erpressung, so waren auch meine Erfahrungen und Beobachtungen in Russland.
Einen Teil meiner Geschichte habe ich bereits auf instagram und TikTok veröffentlicht: raffi_ajm
„Zudem verweist er nicht zu Unrecht auf die Tatsache, dass mit der Ukraine ein Volk und seine Nation einen alles entscheidenden Kampf um die eigene Existenz führt.“ Das ist Bullshit. Ach Leute, ist es wirklich zuviel verlangt mal ein Buch über Geopolitik zu lesen? Oder ein Geschichtsbuch? Natürlich keines von dem Propgandaschrott, der vor kurzem erschienen ist. Dann werdet ihr wissen: Die Ukraine muss sich nur zur Neutralität bekennen und der Krieg ist vorbei. Weder in den Ostgebieten oder auf der Krim muss irgendwer befreit werden, denn da leben ethnische Russen, die zu Russland gehören wollen. Das nationalistische Kernland um Lemberg bis Kiew bleibt unangetastet, da können sie weitherhin ihre wertvolle Kultur zelebrieren: Säbeltänze, Borscht essen und Fackelzüge zu Ehren Banderas abhalten. Mehr ist das nicht.
Die Beteiligung in Afghanistan und Syrien brachte Deutschland Messer-und Nikab-,,Fachkräfte“,die Unterstützung der Ukraine mehrere hundertausend Bürgergeldempfänger und Miliardenkosten jährlich.
,,…mit dem Hinweis, das bei allen Fragen „Deutschland zuerst“ zu gelten habe“
Der Konflikt könnte einen in Deutschland halt echt egal sein, wenn es nicht tatsächlich so wäre, dass Russland eine Strategie der „Sammlung russischer Erde“ verfolgt. Dafür eben auch bereit ist, wahnwitzige Vernichtungsfantasien gegenüber das Deutschland zu verbreiten.
Auf der anderen Seite dann die Regenbogenlobby, die ihrerseits einen gewissen Vernichtungswillen gegenüber Russland pflegt. Mutmaßlich, weil Putin sich weigert diverse Geschlechtsidentitäten zu erlauben.
Die Argumentation, dass diese Debatte in Deutschland so hochkocht, weil es uns am Eigenen fehlt, kann man nur teilen.
Beste Grüße