Wรคhrend andere gebannt dem Getรถse des Demokratietheaters lauschten und am Sonntagabend gegen sechs Uhr die ersten, ernรผchternden Hochrechnungen verfolgten โ ich gebe zu, auch ich war wรคhlen gegangen und hatte mein Kreuz natรผrlich bei den hรคsslich-hassenden Dienern des bundesrepublikanischen Satans gemacht โ, war ich mit metapolitischer Agitation beschรคftigt.
Gut, fair enough, ich war lediglich stickern, aber das ist immerhin besser als nichts. Verteilt habe ich die neuen Sticker des โAnbruchโ-Magazins, eines Kulturmagazins, welches von Freunden der KRAUTZONE herausgegeben wird und das ich an dieser Stelle nur wรคrmstens empfehlen kann.
Am liebsten, da am aufsehenerregendsten in meiner roten Stadt, habe ich den Sticker mit dem Aphorismus von Arne Kolb: โPatriarchat ist das feministische Wort fรผr Kultur.โ Beim Anbringen an einem Laternenpfahl wurde ich von jemandem beobachtet. Unbeirrt ging ich meiner Wege, da sah er sich den Sticker an und beschloss, mir zu folgen. Da ich beim รberqueren einer Straรe auf den Autoverkehr warten musste, konnte er mich einholen und sprach mich an.
โHey, was soll das denn hier?โ
Da stand er vor mir. Ein waschechter Linker, eine Zecke aus dem Bilderbuch. Ungepflegte Haare sowohl auf dem Kopf als auch im Gesicht, eine mit Spikes versehene Lederjacke und ein leicht strenger Geruch.
โWas denn?โ, fragte ich unbekรผmmert, als wรผsste ich von nichts.
โNa, dieser Spruch: โPatriarchat ist das feministische Wort fรผr Kultur.โโ
In diesem Moment dachte ich wirklich, dass ich mir gleich eine fangen wรผrde.
โJa, was ist damit?โ, mit leicht erhรถhtem Blutdruck.
โNaja, ich… ich verstehโ das nicht ganz.โ
Man kann sich immer wieder รผberraschen lassen in diesen merkwรผrdigen Zeiten.
โWeiรt duโ, fรคhrt er fort, โich komme gerade aus meiner Wohnung, sehe dich und lesโ den Spruch. Nur, was soll das?โ
โIst der Spruch nicht selbsterklรคrend?โ
โNaja, nein. Ich mein, Patriarchat ist doch schlecht.โ
โWer sagt das?โ
Er drehte seine Augen nach oben; aufrichtig versuchend, darรผber nachzudenken.
โNaja, ich weiร nicht. Erklรคrโs mir, Mann.โ
Ich รผberlegte kurz. Wo nur anfangen?
โAlso, schau her. Unsere ganze abendlรคndische Kultur beruht einerseits auf den patriarchalen Strukturen, die wir รผber die Jahrhunderte hatten. Andererseits meint der Feminismus, wenn er von โPatriarchatโ spricht, genau diese unsere Kultur. Er mรถchte sie zersetzen! Und auรerdem, welche groรe kulturelle Leistung hat denn der Feminismus je erreicht, im Vergleich zu den Errungenschaften der patriarchalen, abendlรคndischen Kultur? Schau dir die Herderkirche an oder einen gotischen Dom und vergleich das mit, ja womit denn? Mit mit Menstruationsblut gemalten Vulven?โ
Lรคngeres Schweigen bei ihm. Ich glaubte, das war etwas zu viel.
โAber, nun, im Mittelalter, da mussten die Frauen ja auch mit ran. Arbeiten und Handwerk machen.โ
โMag ja sein, aber was hat das mit dem Patriarchat zu tun? Falls du denkst, ich mรถchte die Frauen als Koch- und Gebรคrmaschinen benutzen, irrst du dich. Das ist ein Klischee รผber โdas Patriarchatโโ, antwortete ich.
โJa, das habe ich aber auch nicht gesagt.โ
โEs lรคuft aber meistens darauf hinaus.โ Eigentlich lรคuft es immer darauf hinaus.
โAch, okay.โ Eine lรคngere Pause. Seitdem ich wusste, dass er weder eine physische noch eine geistige Bedrohung sein wรผrde, lรคchelte ich ihn ununterbrochen an.
Dann sagte er: โSo ganz verstehe ich es noch nicht. Ich habe Freunde, die sich damit etwas besser auskennen. Ich frage die mal.โ
โTu das.โ
Sie wรผrden ihm meine These sicher wieder ausreden. Zum Schluss gab ich noch den Sticker, der dieses merkwรผrdige Gesprรคch ausgelรถst hatte, mit. Wir verabschiedeten uns, wรผnschten uns noch einen schรถnen Sonntag und gingen unserer Wege. Ein kleiner Teil in mir hofft seitdem, etwas in seinem roten Punkerhirn ausgelรถst zu haben.
