Europa….? Und was ist damit gemeint? Tja, das ist die groรe Frage. Geographisch ist Europa ein Kontinent, der sich von der Atlantikkรผste bis zum Ural und von Spitzbergen bis Sizilien erstreckt, aber politisch โ ? Die Europรคische Union ist eine Staatengemeinschaft von 27 Lรคndern, doch zu Europa gehรถren auch Groรbritannien (aus der EU ausgetreten), Norwegen, die Schweiz, Island und Liechtenstein; die letzten vier bilden die Europรคische Freihandelsassoziation (EFTA) und sind auรer der Schweiz รผber den Europรคischen Wirtschaftsraum (EWR) eng mit dem EU-Binnenmarkt verbunden. Ebenfalls europรคische Staaten sind Ruรland, Belarus (Weiรruรland), die Moldau sowie der Beitrittskandidat Ukraine. Als potentielle Mitglieder hat die EU die Lรคnder des Westbalkans eingestuft: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien sowie Serbien. Auch die Zwergstaaten Andorra, Monaco, San Marino und die Vatikanstadt gehรถren zu Europa ebenso wie ein Teil der Tรผrkei, die mittlerweile ebenfalls ein Beitrittskandidat der EU ist.
Der Wappenspruch im Groรen Siegel, dem Hoheitszeichen der USA, lautet: โE pluribus unumโ, auf deutsch: โAus vielen einesโ. Der seit 1782 gรผltige Spruch bezieht sich auf die Vereinigung der ursprรผnglich dreizehn Kolonien zu einer Nation, die die Vereinigten Staaten von Amerika bilden. Im Jahr 2.000 wรคhlte die Europรคische Union mit der Sentenz โIn varietate concordiaโ (deutsch: โEinigkeit in Vielfaltโ) einen รคhnlichen Leitspruch. Doch das Motto โIn Vielfalt geeintโ hat es bis heute nicht geschafft, die Nationalismen zu รผberwinden und eine europรคische Identitรคt zu entwickeln.
Anfang Februar forderten die Vorsitzenden von vier europรคischen Bischofskonferenzen in einem gemeinsamen Appell die Christen auf, sich โfรผr ein geeintes, solidarisches und weltoffenes Europaโ einzusetzen. Unterzeichnet haben das Schreiben unter dem Titel โChristen fรผr Europaโ die Leiter der Bischofskonferenzen der drei EU-Grรผndungsstaaten Italien, Frankreich und Deutschland sowie Polens. In dem Aufruf heiรt es:
โEuropa muร seine Seele wiederfinden, um der Welt seinen unverzichtbaren Beitrag zum Gemeinwohl anbieten zu kรถnnen. Die Europรคer mรผssen sich darauf besinnen, was zur Grรผndung Europas beigetragen hat. Historisch gesehen ist das Christentum nach den hellenistischen und rรถmischen Zivilisationen eine der wichtigsten Grundlagen des Kontinents… Auch wenn das heutige Europa von Sprachenvielfalt, regionalen kulturellen Unterschieden und zahlreichen religiรถsen Strรถmungen geprรคgt ist, darf dies Christen nicht daran hindern, sich mit Mut und Ausdauer auf das zu besinnen, was ihre Hoffnung begrรผndet. Im Namen ihres Glaubens sind die Christen eingeladen, mit allen Bewohnern des europรคischen Kontinents ihre Hoffnung auf eine universelle Brรผderlichkeit zu teilen.โ
Der Zyniker wรผrde daran erinnern, daร diese Hoffnung seit 2.000 Jahren vergebens ist, der Realist wรผrde etwas vornehmer mit Goethe antworten: โDie Worte hรถr ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.โ Eine selbstbewuรte und trotzdem durchaus realistische Position hinsichtlich der Zukunft der EU vertritt der finnische Prรคsident Alexander Stubb. Selbst die รคuรerst unsichere Haltung der USA scheint ihm nichts anzuhaben, wie aus einem Interview mit der โSรผddeutschen Zeitungโ (14. Februar) hervorgeht:
โWenn die USA ihre Fรผhrungsrolle aufgeben, kann niemand das Vakuum allein fรผllen. Aber es gibt offensichtlich Mittelmรคchte wie Deutschland, Frankreich, Groรbritannien, Japan, Sรผdkorea, die hineingehen kรถnnen. Wir mรผssen auch den globalen Sรผden ansprechen, Lรคnder wie Indien, Brasilien, Sรผdafrika, Nigeria. Es geht um diese Wahl: Eine multipolare Welt, die auf Deals, Transaktionen und Einfluรsphรคren beruht. Das wollen im Moment wohl China und die USA. Oder eine multilaterale Welt, die auf Regeln, Normen, Institutionen und Kooperation beruht. Mir scheint, daร viele Mittelmรคchte auf der Welt diese Ordnung wollen.โ
Ob er schon Donald Trump gefragt habe, ob die USA bereit wรคren, das neue Nato-Mitglied Finnland im Fall eines russischen Angriffs zu verteidigen, antwortete Stubb:
โDas muร ich gar nicht. Wir haben eine der stรคrksten Armeen der Allianz. Wir haben mehr als eine Million Frauen und Mรคnner, die fรผr Militรคreinsรคtze unter arktischen Bedingungen ausgebildet sind. Wir haben Kampfjets vom Typ F-18, wir haben gerade 64 Jets vom Typ F-35 gekauft. Wir haben weitreichende Raketen und die grรถรten Artilleriestreitkrรคfte in Europa neben Polen. Wir sind ein Lieferant von Sicherheit, kein Konsument. Die USA brauchen uns: Die grรถรte Bedrohung fรผr die USA sind die russischen Nuklearwaffen auf der Kola-Halbinsel. Die USA brauchen Finnland, Schweden und Norwegen. Das wird in Washington sehr gut verstanden. Unsere gesamte militรคrische Strategie beruht darauf, daร wir uns gegen Ruรland verteidigen kรถnnen โ und zwar allein.โ
Das klingt natรผrlich ganz anders als die vier Punkte, die Friedrich Merz in seinem Wunschkonzert, das sich โProgramm fรผr die Freiheitโ nennt, auf der Mรผnchner Sicherheitskonferenz prรคsentierte. In dieser Rede wiederholte der Bundeskanzler seinen seit Wochen bekannten Sermon: Europa mรผsse stark sein, militรคrisch, wirtschaftlich und technologisch; Europa mรผsse wettbewerbsfรคhig sein und brauche neue Verbรผndete; Europa mรผsse dynamisch sein; Europa mรผsse sich selbst verteidigen kรถnnen. Solange dies alles nicht erreicht ist, brauchen die Europรคer die USA an ihrer Seite. Doch bereits auf ideologischer Ebene gibt es ein tiefes Zerwรผrfnis. Bereits vor einem Jahr kritisierte Vizeprรคsident Vance die Unterdrรผckung rechtspopulistischer Meinungsรคuรerungen in vielen EU-Staaten und die unkontrollierte Massenzuwanderung. Von โuniversellen Werten und Demokratieโ ist lรคngst nicht mehr die Rede. In seiner jรผngsten Rede konterte Merz:
โDer Kulturkampf der Maga-Bewegung ist nicht unserer. Die Freiheit des Wortes endet hier, wo sich dieses Wort gegen Menschenwรผrde und Grundgesetz wendet.โ
Und wie sieht es in der EU selbst aus? Frankreich dringt auf Eurobonds, Deutschland lehnt Gemeinschaftsschulden ab; Deutschland steht hinter dem Mercosur-Vertrag, Frankreich lehnt ihn ab. Bei Rรผstungsprojekten gibt es keine Kooperation. Frankreich bietet zwar einen gemeinsamen Atomschirm an, besteht aber auf seiner finalen Entscheidung bei einem Einsatz. Auch in der Ukraine-Politik ist alles offen: Im nรคchsten Jahr kรถnnte in Paris ein Rechtspopulist regieren โ daร er weiterhin Kiew, das korrupteste Regime in Europa, finanziell unterstรผtzen wird, dรผrfte wenig wahrscheinlich sein. Angesichts dieser differierenden Einstellungen kann es nicht verwundern, daร nach einer aktuellen Umfrage im Januar die von Brรผssel schon lange propagierte Idee eines โgemeinsamen Schutzes der EU-Auรengrenzeโ auf Ablehnung stรถรt: 71 Prozent der Europรคer fordern, die Kontrolle รผber nationale Grenzen wieder stรคrker in die Hรคnde der einzelnen Mitgliedsstaaten zu legen.


Ja, man kann bรผrokratische Verfahren durch andere bรผrokratische Verfahren und wenig Militรคr durch mehr Militรคr ersetzen. Ob die Kopfgeburt EU dadurch emotionale Bindung entfachen kann, sei mal dahingestellt. Der bischรถfliche Appell geht da schon tiefer. Ob dem absterbenden Kulturchristentum allerdings noch einmal letzte Zuckungen durch die „Hoffnung auf universelle Brรผderlichkeit“ entlockt werden kรถnnen, ist fraglich. Europรคische Hoffnungen scheinen sich eher auf gemeinsame Staatsanleihen und Zahlungen aus dem EU-Haushalt zu konzentrieren.