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Siegmund und die AfD – Wahl auf Messers Schneide

1. April 2026
in 3 min lesen

Nach mehr oder weniger zufriedenstellenden Wahlergebnissen der AfD in den westdeutschen Bundeslรคndern Baden-Wรผrttemberg und Rheinland-Pfalz stehen nun Ende des Jahres drei weitere Landtagswahlen im Osten bevor. Die Blicke richten sich insbesondere nach Sachsen-Anhalt, wo der Sympathietrรคger Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, nicht weniger als die absolute Mehrheit als Wahlziel ausgerufen hat. Klingt das nicht etwas รผberambitioniert? Gerade in der Vergangenheit fielen AfD-Politiker hรคufiger damit auf, vor der Wahl die Messlatte viel zu hoch zu setzen โ€“ nur um anschlieรŸend bei einem mittelmรครŸigen Ergebnis nicht mehr aus dem Klatschen herauszukommen. Insbesondere die Bundestagswahl 2025 ist noch einigen im Gedรคchtnis, bei der die AfD mit 20,8 Prozent weit hinter ihren vorherigen Umfragewerten zurรผckblieb, sich anschlieรŸend aber als Gewinner der Wahl feierte.

Auf den ersten Blick hat die AfD in den Umfragen in Sachsen-Anhalt schlechtere Karten als noch vor einigen Monaten. Die mittlerweile zum dritten Mal von NIUS beauftragten Umfrageergebnisse des INSA-Instituts attestieren der Partei einen leichten Verlust. Ende 2025 stand die AfD noch bei 40 Prozent und alle jubelten, im Januar ist sie auf 39 Prozent gefallen, mittlerweile steht sie bei 38 Prozent. In der aktuellen Umfragekonstellation Ende Mรคrz kรคmen also fรผnf Parteien in den Landtag: die AfD (38 %), die CDU (25 %), die Linke (13 %) sowie die SPD (6 %) und das BSW (5 %). In diesem Szenario brรคuchte die AfD fรผr die absolute Mehrheit 44 Prozent der Stimmen. Das ist, bei aller optimistischen Einschรคtzung, jedoch eher unwahrscheinlich.

Doch bevor die Defรคtisten auf den Plan kommen, muss betont werden: Die AfD steht aktuell besser da als je zuvor, denn ob 38, 39 oder 41 Prozent ist letzten Endes zweitrangig. Entscheidend ist, welche Parteien an der Fรผnf-Prozent-Hรผrde scheitern. Die neuesten Zahlen wurden kurz nach den Landtagswahlen in Baden-Wรผrttemberg und Rheinland-Pfalz erhoben, wo nicht nur die AfD ein starkes Wahlergebnis eingefahren hat, sondern vor allem die linken Parteien abgestraft wurden. SPD, Linke und BSW verzeichneten allesamt herbe Niederlagen, erstere scheiterte als ehemalige Volkspartei sogar fast an der 5-Prozent-Hรผrde. Der Talkshow-Unsympath Stegner sprach diesbezรผglich von der โ€žTodeszoneโ€œ. Die Signale kommen auch im Osten an: Die SPD sank von 8 auf 6 Prozent, das BSW von 6 auf 5 Prozent โ€“ demgegenรผber wuchsen โ€žSonstigeโ€œ, aber auch Grรผne, FDP und Linke legten zu. โ€žSonstigeโ€œ, Grรผne und FDP werden jedoch aller Voraussicht nach an der Fรผnf-Prozent-Hรผrde scheitern; es handelt sich also um einen verlorenen Stimmenzuwachs.

Folgt man diesem Trend vorsichtig weiter, ist es gar nicht einmal unwahrscheinlich, dass SPD und BSW in der Wรคhlergunst weiter fallen werden. Die SPD wird von Sozialdemokraten als rรผckgratlose Mehrheitsbeschafferin des โ€žneoliberalenโ€œ BlackRock-Merz gesehen. Das BSW, so sehr die Partei auch auf den Osten maรŸgeschneidert ist, kรถnnte ebenfalls ganz knapp unter die magische Grenze rutschen. Die Partei ist innerlich zerstritten, hat kein Geld mehr, das Zugpferd Wagenknecht ist lรคngst abgesprungen, und die katastrophalen Wahlergebnisse in den westdeutschen Bundeslรคndern kommen auch im Osten an.

Nehmen wir einmal an, dass das BSW knapp den Einzug verfehlen wird. Nehmen wir jetzt auรŸerdem an, dass die SPD noch exakt einen Prozentpunkt verlieren wird, wobei diese Wรคhler zu den Linken wechseln werden. Demnach wรคren nur noch drei Parteien im Landtag vertreten: die AfD mit 38 %, die CDU mit 25 % und die Linke dann mit 14 %. Ausgeschieden wรคren FDP, Grรผne, BSW und SPD. Es wรผrde fรผr die AfD knapp nicht reichen; CDU und Linke hรคtten ein Prozent mehr.

Ein Prozent mehr fรผr die AfD kรถnnte also die absolute Mehrheit bedeuten. Sicherlich: Das Szenario ist nicht das wahrscheinlichste โ€“ aber es ist auch nicht vollkommen unwahrscheinlich. Wichtig ist, dass viele linke Wรคhler eben nicht strategisch wรคhlen werden, sondern felsenfest an SPD und BSW festhalten, wodurch im Idealfall viele Stimmen einfach unter den Tisch fallen. Das weiรŸ auch die โ€žZivilgesellschaftโ€œ und wird vor der Landtagswahl Kampagnen fahren, die linke Wรคhler dazu ermutigen sollen, sich hinter der Partei โ€žDie Linkeโ€œ zu scharen, damit die Wetten auf das stรคrkste Pferd eingehen. Ob das klappen wird? Zumindest in Brandenburg schaffte man es, der AfD zu schaden, indem man in knappen Wahlkreisen im Berliner Einzugsgebiet dazu aufrief, SPD statt Grรผne zu wรคhlen.

Aber Sachsen-Anhalt ist nicht der Berliner Speckgรผrtel. Dass sich ostdeutsche รคltere Wรคhler von โ€žCampactโ€œ und Co. dazu bringen lassen, โ€žihrโ€œ BSW im Stich zu lassen, ist fraglich, aber natรผrlich mรถglich. Letzten Endes kรถnnte der sture, linke Ossi-Boomer den AfD-Gegnern einen Bรคrendienst erweisen.

Zwei Dinge mรผssen ebenfalls betont werden: Sicherlich handelt es sich hierbei um einen gewissen Grad an Kaffeesatzleserei โ€“ aber wir sprechen hier auch immer noch รผber Sachsen-Anhalt. In dem kleinen Bundesland mit der Hauptstadt Magdeburg leben nur rund 2,14 Mio. Einwohner, wahlberechtigt sind immerhin rund 1,7 Mio. Bei der letzten Landtagswahl waren es exakt 1.788.930. Die Wahlbeteiligung von 60,3 Prozent ist typisch fรผr eine Landtagswahl im Osten; alles in allem haben bei der letzten Landtagswahl 1.061.519 Menschen ihre Stimme einer Partei gegeben. Demnach entspricht ein Wahlprozent gerade einmal 10.615 Stimmen. Das ist wenig. Sehr wenig.

Ulrich Siegmunds Instagram-Account hat allein 350.000 Follower, manche Reels weisen bis zu eine Million Impressionen auf. 10.000 Wรคhler leben jeweils in der Stadt Zerbst, Gardelegen oder Haldensleben. Noch nie gehรถrt? Ich auch nicht. Aber das ist die GrรถรŸenordnung an Wรคhlern, die in dem Bundesland letzten Endes darรผber entscheiden, ob die AfD eine Alleinregierung stellen kann und ob Siegmund die Schulpflicht abschaffen und den Rundfunkstaatsvertrag aufkรผndigen kann.

6 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Bei all der Zahlenspielerei wurde wieder mal vergessen wo das grรถรŸte Gewinn-und-Verlust-Potential der AfD liegt: Bei den Nichtwรคhlern.

    In BaWรผ hat die AfD mit ihrem Kurs in erheblichem MaรŸe diese auf den letzten Metern vergrรคtzt, angefangen bei der Ersetzung beliebter Kandidaten durch linientreues Kรถniginnengefolge, der Zustimmung zur Palantir-Gotham-Beschaffung, mangelndem Einsatz bei Themen wie Coronoia-Aufarbeitung und Bargelderhalt, fehlendem Biss beim brennenden รœberfremdungsthema und generell unzureichende Anwesenheit dort wo die Bรผrger zu finden gewesen wรคren. Als Sahnehรคubchen obendrauf Wahlkampfsprรผche die teilweise ebensogut zur SPD gepasst hรคtten.

    Bleibt zu hoffen daรŸ die Kameraden in Mitteldeutschland diesbezรผglich deutlich stabiler aufgestellt bleiben.

    รœbrigens sollte die 5%-Hรผrde nicht รผberbewertet werden, denn auch Anwรคrter mit weniger Stimmenanteil sind nicht umsonst angetreten: Schon ab halbem Prozentanteil gibt es Wahlkampfkostenerstattung, und diese Anteile reduzieren nicht nur das Klingeln auf den Konten der Kartellkandidaten sondern sorgen zudem dafรผr daรŸ die von den Kleinkandidaten vertretenen Themen auch beim nรคchsten Antritt vorfinanziert sind und damit sichtbarer werden.

    • Nicht Wรคhler sind Nicht-Wรคhler.
      Potenzial ist da, aber diese groรŸe Masse hat verschiedene Grรผnde der Wahl fernzubleiben, von politischen Desinteresse รผber private Freizeitgestaltung bis Protest ist alles dabei.
      Mit einer gezielten Ansprache da rein was zu erreichen ist fraglich wie viel es nรผtzt.

    • @Abcschtze: Es geht konkret um den Teil der (Nicht-)Wรคhler die potentiell zugewandt, aber nicht รผberzeugt sind.

      Diejenigen die im Grunde von der etablierten Politik verdrossen sind und lรคngst nicht mehr die Propaganda von der ach-so-tollen „reprรคsentativen Demokratie“ (diese Bezeichnung trรคgt im Grunde schon den Widerspruch in sich!) glauben, dieser aber in Form der Alternative als nach wie vor (mangels Mรถglichkeit) machtmรครŸig jungfrรคulichen Kraft noch eine letzte Chance geben wollen (und sei es nur aus Protest) – oder eben auch nicht, wenn diese dann doch zu unmotiviert oder altparteienmรคuselnd daherkommt.
      In meinem Umfeld ist das die grรถรŸte Gruppe, und hier hat die Sรผdwest-Alternative erfolgreich auf den letzten Metern massiv Sympathien verspielt. Sicher nicht reprรคsentativ fรผr die Gesamtbevรถlkerung, aber das Ergebnis hรคtte mit deren vollen Unterstรผtzung doch deutlich schรถner ausgesehen – so wurde es halt nix mit den erhofften 20%.

  2. Bei 10.615 Stimmen pro Prozentpunkt hรคtte man mal alle AfD Mitglieder mobilisieren kรถnnen. Das wรคren bei 70.000 Mitgliedern ja schon 7%. Ist natรผrlich nicht realistisch, aber ich denke gerade bei den jรผngeren Leuten GD usw. hรคtte man da was reiรŸen kรถnnen.

    Es gab auch mal ein Wohnprojekt der IB in Halle an der Saale. Schade, dass davon nichts mehr zu sehen ist, obwohl dies wohl die wichtigste und aussichtsreichste seit 10 Jahren ist.

  3. Warten wir mal ab wie sich die Folgen des Iran-Kriegs auf die politische Stimmung niederschlagen. Die „Verwandten-Affรคre“ hat sich inzwischen tot gelaufen und hat in RLP und BW keine Auswirkungen auf die Partei gehabt.
    Es flieรŸt noch viel Wasser Saale und Elbe hinunter.

  4. Selbstverstรคndlich kenne ich die Stรคdte Zerbst, Gardelegen und Haldensleben.
    (Komme aus Sรผdsachsen)

    Bitte keine falschen Unterstellungen an die stets hochgebildete Leserschaft der Krautzone!!!

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