Von Edmund Piper
Kaum ein Begriff ist so omnipräsent und zugleich so schwer zu fassen wie der der Kultur. Gerne wird er auf Hochkultur verengt, während er zugleich, sofern opportun, Identitätsdebatten befeuert und als Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte und Ängste dient – meist dann, wenn es um Forderungen migrantischer Minderheiten gegen die autochthone deutsche Mehrheitsgesellschaft geht. Sobald jedoch die Interessen deutscher Kultur selbst berührt sind, wird seitens der links-liberalen Hegemonie gerne so getan, als wisse man gar nicht, was das überhaupt sein solle – oder man bestreitet, dass es jenseits der Sprache eine spezifisch deutsche Kultur überhaupt gebe.
Dabei ist die Annahme, Gesellschaften ließen sich allein durch das Aushandeln von Interessen und die formale Prozedur des Rechtsstaates im Gleichgewicht halten, bestenfalls weltfremd. Denn was den sozialen Körper tatsächlich zusammenhält, ist kein Verfassungsparagraf, sondern etwas Elementareres: die Kultur selbst.
Jenseits populärer Assoziation an Museen und Sinfonieorchester zeigt sich bei näherer Betrachtung eine fundamentale Dimension der Kultur: Sie ist kein schmückendes Ornament, sondern das eigentliche Betriebssystem des Menschen und der menschlichen Gesellschaft. Betrachtet man die biologischen Grundanlagen des Neugeborenen als eine Art präinstalliertes BIOS, wird der Mensch erst durch das Aufspielen des Betriebssystems Kultur zum gesellschaftsfähigen Subjekt. Kultur ist die transgenerationale Erzählung, die das isolierte Einzelwesen in einen sozialen Organismus einbettet und damit das Fundament bildet, auf dem politische, ökonomische und soziale Programme überhaupt erst laufen können. Sie speichert nicht nur Bedeutungen, sondern trägt Gesellschaften über Krisen hinweg, indem sie Handlungsmuster, Loyalitäten und kollektive Erinnerung bewahrt, die selbst dann Orientierung geben, wenn politische oder ökonomische Ordnungen ins Wanken geraten. Genau darin liegt ihre Resilienzfunktion.
Als komplexe Software umfasst Kultur weit mehr als Sprache: Sie ist das feingliedrige Regelwerk des sozialen Zusammenlebens – von den nonverbalen Codes der Nähe und Distanz über Tischsitten und Kleiderordnungen bis hin zu impliziten Hierarchien. Wie tief diese frühkindliche Prägung wirkt, zeigt sich am Beispiel der Grimmschen Märchen. Sie sind mehr als bloße Unterhaltung: Sie transportieren narrative Chiffren, die moralische Konzepte in das kindliche Bewusstsein einpflanzen und so den Code initialisieren, der die Beziehung zu Gut und Böse, zu Heldentum und Opferbereitschaft herstellt. Diese Prägung erweist sich als erstaunlich persistent; selbst im hohen Alter oder in Extremsituationen gibt sie dem Menschen Halt. Man kann sich ihr zeitlebens nicht vollständig entledigen, denn sie bildet den unhintergehbaren Kern der Identität – gewissermaßen das „Volk“ im Individuum.
Damit ein solches Betriebssystem stabil bleibt, muss es möglichst vollständig und fehlerfrei auf seinen Trägern installiert sein – weshalb kulturelle Homogenität das Fundament jeder Gesellschaft mit hoher innerer Stabilität bildet. Dabei handelt es sich keineswegs um einen starren Zustand, sondern um einen lebendigen, in Ritualen stetig erneuerten Prozess kollektiver Selbstvergewisserung, den Carl Schmitt als den „substantiellen Kern“ einer politischen Einheit bezeichnete.
Doch Kultur kann ebenso trennend wirken wie einend. Nimmt eine Gesellschaft eine kritische Masse an Kulturträgern fremder, mit dem bestehenden System inkompatibler Prägung auf, kann dies zur Herausbildung von Parallelkulturen führen, im schlimmsten Fall bis hin zu blutigen Disruptionen. Werden deren Folgen im öffentlichen Raum sichtbar, beschränkt sich das politisch-mediale Establishment meist auf ritualisierte Beileidsbekundungen und formelhafte Beschwörungen einer „weltoffenen Gesellschaft“, anstatt anzuerkennen, dass die Erosion der inneren Sicherheit die Folge einer Politik ist, die den kulturellen Rahmen einer High-Trust-Society zugunsten eines ungesteuerten Universalismus aufgegeben hat. Solche Parallelstrukturen sind daher, in Anlehnung an Antonio Gramscis Analyse kultureller Hegemonie, keineswegs immer bloß multikulturelle Bereicherung, sondern mitunter eigenständige Machtblöcke, die schrittweise Teile des sozialen Raums besetzen. Doch auch einheimische Milieus neigen zur Ausdifferenzierung unterschiedlicher Habitusformen mit ganz eigenen Codes, was die Integrationskraft des Betriebssystems zusätzlich herausfordert.
Das macht Kultur zu einem eminent politischen Gegenstand, wie sich exemplarisch an den Deutschland nach 1945 von den Alliierten aufgezwungenen Re-Education-Maßnahmen zeigt: dem Versuch, das kulturelle Betriebssystem des besiegten Landes umzuprogrammieren, dessen Folgen bis heute nachwirken. Denn wer die Erzählung kontrolliert, kontrolliert das Selbstverständnis eines Volkes. Kulturpolitik ist deshalb kein nachgeordnetes Ressort der Subventionsverteilung, sondern die Pflege jener Systemarchitektur, die soziale Resilienz überhaupt erst generiert. Ihre vordringlichste Aufgabe besteht darin, die Souveränität des eigenen kulturellen Codes zu bewahren und gegen innere wie äußere Zersetzung zu verteidigen – nicht durch nostalgische Restauration, sondern durch ein funktionales Update.
Das bedeutet auch, sich der Debatte um eine deutsche Leitkultur zu stellen, ohne in die lähmende Selbstwahrnehmung zu verfallen, die aus der von der Frankfurter Schule geprägten Nachkriegshegemonie erwachsen ist. Gefordert ist stattdessen die affirmative Bejahung des eigenen Erbes – nicht aus dumpfen Nationalismus, sondern aus dem nüchternen Wissen um die Notwendigkeit eines starken Fundaments für jedes prosperierende Gemeinwesen. Denn ein Volk, das seine eigene Geschichte nicht mehr erzählt, wird sich seine Zukunft früher oder später von fremden Mächten diktieren lassen müssen.
Kultur ist also kein Luxus. Sie ist die Software, die den Menschen zum sozialen Wesen macht, die Sprache, in der eine Nation mit sich selbst spricht. Wer an diesem Betriebssystem rührt, greift den Kern des gesellschaftlichen Seins an – und es ist an der Zeit, diese Wahrheit wieder ins Zentrum des politischen Handelns zu rücken.
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