Ein tragischer Dreifachmord spaltet die USA. Dabei ist der Täter schnell gefunden. US-Bundesstaat Massachusetts, 24. Januar 2023: Lindsay Clancy (36 Jahre) schickt ihren Ehemann Patrick am Nachmittag los, Besorgungen zu erledigen. Es schien einer ihrer besten Tage seit Langem zu sein. „Sie lächelte und war glücklich“, sollte Patrick später vor Gericht aussagen. Dabei hatte sich seine Frau noch zu Beginn des Monats freiwillig selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und wurde fünf Tage stationär behandelt. Grund dafür waren Angstzustände, Depressionen und Schlaflosigkeit, die Lindsay zwar schon länger beschäftigten, aber nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes Callan vor acht Monaten deutlich zugenommen hatten.
Patrick dürfte erleichtert gewesen sein, dass es seiner Frau besser zu gehen schien. Noch einen Monat zuvor hatte sie ihm davon berichtet, dass sie Selbstmordgedanken plagen. Außerdem äußerte sie, dass sie ungewollte Gedanken habe, ihren Kindern etwas anzutun. Die aufgesuchten Ärzte vertrösteten das Paar. Solange sie keinen konkreten Plan habe und sie die Gedanken verstören würden, seien es wohl nur Gedanken. Zur Behandlung wurden ihr von mehreren Ärzten insgesamt über zwölf verschiedene Medikamente verschrieben.
Aus dem vermeintlich besten Tag sollte jedoch der wohl schlimmste Tag der Familie werden. Als Patrick vom Einkauf nach Hause kommt, findet er seine Frau im Garten liegend mit Verletzungen an Hals und Armen. „Ich habe versucht, mich umzubringen“, sagt sie ihm. Während er den Notarzt ruft, fragt er nach den Kindern. „Im Keller.“ Doch jede Hilfe kommt zu spät. Bevor Lindsay sich selbst in Arme und Hals schnitt und in einem Selbstmordversuch aus dem ersten Stock sprang, hatte sie Cora (5 Jahre), Dawson (3 Jahre) und Callan (8 Monate) mit Sportbändern im Keller erwürgt.
Somit stand nicht zur Debatte, wer die gemeinsamen drei Kinder des Paares getötet hatte. Die Frage, mit der sich die Geschworenen seit Juli diesen Jahres auseinandersetzen mussten, war: Ist Lindsay die Tat vorzuwerfen oder befand sie sich in einem psychischen Zustand, der ihre Schuld ausschließt? Immerhin hatte sie bereits Monate zuvor über postpartale Depression geklagt und zur Behandlung mehrere Ärzte sowie eine Klinik aufgesucht. Dabei sei unentdeckt geblieben, dass sie zusätzlich an postpartaler Psychose litt; eine seltene Krankheit – auch „Wochenbettpsychose“ genannt –, die sich bei etwa 0,1 Prozent bis 0,2 Prozent der Mütter kurz nach der Geburt eines Kindes entwickeln kann.
Die Erkrankung kann mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen, depressiven oder manischen Episoden und einem Verlust des Realitätsbezugs einhergehen. So gab auch Lindsay an, eine Stimme gehört zu haben, die ihr befahl, die Kinder zu töten. Ein Psychiater bestätigte vor Gericht, dass sich Lindsay bei der Tat seiner Ansicht nach in einem psychotischen Zustand befunden habe und „fast wie eine Puppe“ gesteuert worden sei. Die Staatsanwaltschaft hielt dagegen. So sei die Angeklagte über einen längeren Zeitraum planvoll vorgegangen. Ein weiterer Psychiater bestätigte diese Annahme und führte aus, nach seiner Einschätzung habe Lindsay die Möglichkeit gehabt, Richtig von Falsch zu unterscheiden.
Nach Wochen der Beweisaufnahme scheiterte der Fall nun in einem ersten Versuch vor Gericht. Auch am siebten Tag nach Abschluss der Verhandlung kamen die Geschworenen nicht zu einem Urteil. Das ist möglich, weil das amerikanische Rechtssystem vorsieht, dass im Fall einer Mordanklage zwölf Geschworene über den Fall entscheiden. Dabei müssen sie zu einem einstimmigen Ergebnis kommen. Beruft sich die Angeklagte wie vorliegend auf einen psychischen Ausnahmezustand, liegt es an der Staatsanwaltschaft, zu beweisen, dass die Angeklagte strafrechtlich verantwortlich ist. Davon war laut Medienberichten zumindest ein Geschworener überzeugt und plädierte bis zuletzt gegen einen Freispruch.
Abseits des Falls ein eher ungewöhnliches Verhalten. So ist bekannt, dass Menschen dazu tendieren, sich in Gruppensituationen an der Mehrheit zu orientieren statt an ihren eigenen Überzeugungen. Im Asch-Experiment saß eine Versuchsperson mit sechs bis neun eingeweihten Personen im Raum. Die Aufgabe war, unter drei deutlich verschieden langen Linien die längste Linie zu benennen. In einzelnen Runden waren die eingeweihten Personen angewiesen, einstimmig eine falsche Antwort zu geben. Das Ergebnis: Nur ein Viertel der Versuchspersonen ließ sich auch in den manipulierten Runden nicht vom (eindeutig) richtigen Ergebnis abbringen.
Mit dem Scheitern der Gerichtsverhandlung ist Lindsay Clancy – die seit dem Sprung aus dem Fenster querschnittsgelähmt ist – jedoch nicht freigesprochen. Sehen sich die Geschworenen nicht in der Lage, ein einstimmiges Urteil zu fällen, obliegt es der Staatsanwaltschaft, die Klage fallen zu lassen, einen Vergleich zu schließen oder den Fall erneut vor Gericht zu bringen. Letzteres ist vorliegend zu vermuten. Grund dafür dürfte auch die gespaltene Öffentlichkeit sein. So standen sich vor dem Gericht während der Verhandlung immer wieder Protestgruppen gegenüber, die entweder den Freispruch oder die Verurteilung wegen Mordes forderten.
Kritiker sehen in dem Berufen auf postpartale Psychose einen möglichen Freibrief für Kindsmord. So tötete eine Mutter – die den Fall von Lindsay Clancy mit Interesse verfolgte – eines ihrer Kinder und beruft sich nun auf eine Psychose. In Irland kam es exakt drei Jahre vor Lindsays Tat zu einem gleichen Fall. Die Täterin – Geburtshelferin wie Lindsay – wurde damals freigesprochen.
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