Kaum ein Ereignis in den letzten Jahren โ sei es die EZB-Politik, die daraus folgende Inflation, die Migrationskrise 2015, die Energiewende oder die Corona-Politik seit 2020 โ scheint so viele Boomer so sehr radikalisiert zu haben wie das Auftreten von Annalena Baerbock. Ich selbst bin ja froh, dass sie unsere Auรenministerin geworden ist โ niemand kรถnnte den Zustand der Bundesrepublik besser reprรคsentieren als diese dynamische, tapfere Frau!
In der Funktion als Auรenminister hat Baerbock neulich die Regierung Scholz bei einem Treffen mit ihrem russischen Amtskollegen Lawrow vertreten und sich dabei tapfer geschlagen โ also, zumindest in den Augen der Mainstreampresse. Sie habe unsere Werte gegenรผber den russischen Aggressoren verteidigt, heiรt es sinngemรคร โ Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Fressefreiheit (hihi) โ, die unter Putin mit Fรผรen getreten werden. Aber wen interessiert das bitte ernsthaft?
Davon mal abgesehen, dass die allermeisten Werte des modernen Westens eh schlecht sind, kann doch niemand mehr wirklich glauben, dass die westlichen Eliten diese Werte ernst nehmen. Wer Telegram zensieren will, wie es die Innenministerin Nancy Faeser vorhat, soll mir nichts von Pressefreiheit erzรคhlen. Es wรคre ja schรถn, wenn sie wenigstens mit offenen Karten spielten, anstatt dauernd den Moralapostel zu mimen.
Um von der eigenen Niedertrรคchtigkeit abzulenken, suchen sich die westlichen Eliten einen รคuรeren Feind: Russland. Bei all der Rhetorik, die in den letzten Tagen von westlichen Politikern an den Tag gelegt wurde, hat man fast den Eindruck, wir seien im Kalten Krieg.
Die Argumente der โFalkenโ von den linksliberalen Grรผnen bis zu den neokonservativen CDUlern sollten bekannt sein: Putin sei ein bรถser Antidemokrat, er bedrohe die Freiheit der Ukrainer und anderer russischer Anrainerstaaten, deshalb mรผsse man ihn stoppen. Die einzigen โRusslandversteherโ im Mainstream stehen der Linkspartei nahe und sind zumeist Sowjetnostalgiker. Doch auch im rechten Lager herrscht Uneinigkeit darรผber, wie man mit Russland umgehen sollte; gerade bei den โGeistesboomernโ herrscht noch der Kalte Krieg in den Kรถpfen.
In der AfD gibt es Leute wie Georg Pazderski, der unbedingt zusammen mit den USA auf Konfrontationskurs mit den Russen gehen mรถchte und innerparteilichen Streit mit einem Markus Frohnmaier sucht, der wohl am liebsten die Seiten wechseln und Putin zur Seite stehen wรผrde. Tatsรคchlich gibt es nicht wenige aus der Boomer-Generation, die Putin als einen Befreier sehen, als starken Mann gegen die bรถsen Amerikaner. Erst mit einem echten Friedensvertrag mit Russland kรถnne Deutschland wieder frei sein, und Putin, dieser starke Mann, der den Amis zeigt, wie es geht, kรถnne uns dabei helfen.
Doch kann man Putin vertrauen? Was fรผr eine absurde Frage. Wรผrden Sie einem KGB-Agenten vertrauen? Wie viele der Putin-Verehrer wissen wohl von seiner Vergangenheit im russischen Geheimdienst? Es ist ja nicht so, als sei die Sowjetelite nach 1990 einfach im Erdboden verschwunden. Viele der russischen Oligarchen sind ehemalige Parteisoldaten, die sich wie die Ratten vom sinkenden Schiff gerettet haben.
Russland hat viele wirtschaftliche Probleme, die sich nicht allein auf die Sanktionen des Westens zurรผckfรผhren lassen: Seine รkonomie ist durch ein Geflecht aus den Oligarchen und dem Staat geprรคgt, die schwรคchelnde Wirtschaft hat ihre Ursache unter anderem genau darin.
Viel gravierender aber ist die Verschwรถrungstheorie der sowjetischen Langzeitstrategie: Laut ihr haben die Sowjets schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs Institutionen im Westen unterwandert, um die westlichen Lรคnder zu unterminieren. Viele gesellschaftliche Verwerfungen sollen auf die Intervention sowjetischer Agenten in westlichen Staatsgebilden zurรผckzufรผhren sein; die Auflรถsung der UdSSR war eine Farce, um den Westen glauben zu machen, die Gefahr sei vorรผber. Welch Zufall, dass ausgerechnet ein ehemaliger KGB-Agent den Nachfolgestaat der Sowjetunion anfรผhrt, nicht?
Wie viel an der Verschwรถrungstheorie dran ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber: Jemand wie Putin, der in vielen Reden dem Sowjetimperium nachtrauert, kann nicht unser Freund sein. Er verfolgt seine eigenen Interessen, die denen der deutschen Rechten radikal widersprechen. Unter russischer Vorherrschaft wird Deutschland auch nicht frei sein, weshalb also sollte man seine Hoffnungen in Putin setzen?
