Ein bisschen Demokratiebildung gefällig?

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Da die neue Ampel-Koalition nun beschlossen hat, sich ganz selbstlos noch intensiver um die Demokratiebildung ihrer Bevölkerung zu kümmern, folgt hier ein kleiner Vorgeschmack aus dem Demokratiebildungsseminar in meinem Lehramtstudium: „Hätten wir heute nicht über den Klassenrat sprechen sollen?“

Ich schaue verwundert von meiner philosophischen Lektüre auf. „Nein, heute ist Rechtsextremismus auf dem Programm, die Dozentin hat den Plan geändert.“ Na klasse, der Tag ist gekommen. Es war schon immer mein Traum, mit langem Rock und Flechtfrisur in dieser Veranstaltung zu sitzen.

“Servus, wir sind die Sellners!“

Nach stilsicher gegenderter Begrüßung öffnet die Dozentin ein Video des bekannten Wiener Aktivisten. Er steht symbolisch für das, was wir heute als bösen Rechtsextremismus und Antidemokratismus im Kopf behalten sollen. Daraufhin erklärt die Dozentin in feierlicher Stimme, dass sie davon ausgehe, sich hier unter angehenden Lehrern in einem demokratischen und „offenen“ Umfeld wiederzufinden, die solche Inhalte nicht konsumieren. Nunja…

Nach Sellners digitalem Kurzauftritt geht es um das „professionelle“ Erkennen dieses politischen Gegners gleich beim ersten Elternabend. Dort identifiziere man „rechte Elternpaare“ vor allem daran, dass sie sich gerne an Schulaktivitäten beteiligen. Das war mir neu! Die Männer seien (toxisch) männlich also muskulös und keine nice guy soyboys und würden gern handwerkliche Fähigkeiten zur Schau stellen.

Die Frauen würden vor allem durch Kuchenbacken (es sei denn sie backen gegen rechts) und Handarbeitsfähigkeiten in Erscheinung treten. Besonders bei sehr gut erzogenen und artigen Kindern müsse man aufmerksam sein. Bei besagten Eltern würde die Tendenz bestehen, ihre Kinder abhärten zu wollen. Kinder sind normalerweise nicht so eingeschüchtert! Wow, das sind ungemein verwerfliche Tendenzen!

Getreu dem Motto: Frau mit langem Rock = Nazi wird uns anschließend das Rüstzeug für die erfolgreiche Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen gegeben. Am schlimmsten erscheint dem vornehmlich weiblichen Publikum der antifeministische Duktus. Die Lauchs checken schnell ihren Bizeps, um sich zu vergewissern, dass sich ihre Muskelmasse noch im feministisch akzeptierten Bereich befindet. Das emanzipierte Kollektiv hat sich wieder einmal erfolgreich seiner Distanz und schwammigen Einheit versichert.

Kuchen? Vorsicht!

Währenddessen debattieren die anderen Studenten über mögliche Umgangsmöglichkeiten mit rechts-patriotisch gesinnten Eltern. Man wolle es zunächst im Guten versuchen, sie wieder auf den korrekten Weg zu bringen. Den korrekten Weg, soso…- sind Kategorien wie korrekt und falsch nicht nur Konstrukte, oder gilt das nur, wenn man (mathematische) Unfähigkeit rechtfertigen muss?

Es ist schon bezeichnend für unser vielfältig-tolerantes Bildungssystem, wenn man „nur“ anhand von fragwürdigen Texten und Vorlesungen moralisch belehrt wird und Leute anhand ihrer Kleidung vorverurteil. Ah ja, die New Balance Sneaker kamen auch noch zur Sprache, aber das sei nur ein Indiz. Klar, wie war das nochmal mit den angeblich so bösen Vorurteilen? Bis jetzt hat die Veranstaltung den starken Anschein einer dringend benötigten inneren Selbstvergewisserung.

Weiter geht’s: Handlungskompetenz ist das revolutionäre Credo im Demokratiehimmel – am Besten in Bezug auf neue globale Herausforderungen. Schließlich, so die Aussage der Dozenten, können wir es uns als Lehrer angesichts der globalen und lokalen Herausforderungen nicht mehr leisten, keine politische Haltung zu zeigen. Wir werden uns in den nächsten Jahren noch auf vielfältige Auswüchse dieser Handlungskompetenz freuen dürfen. Wie es die OECD festgehalten hat, sollen die Schüler schließlich „ein Gespür für ihre Verantwortung bei der Gestaltung der Welt durch die Beeinflussung von Menschen, Veranstaltungen und Umständen zu ihrem Besseren” entwickeln.*

Der Lehrer als Politkommissar

Diese Verantwortung beinhaltet dabei nicht das vorherige gründliche Abwägen und faktenbasierte Nachdenken, sondern das emotionalisierte und impulsgesteuerte Handeln auf Basis der herrschenden Ideologie. Und was „das Bessere“ ist, steht natürlich schon vorher in Stein gemeißelt. Es ist das Adaptieren der „richtigen“ Werte, das Bekennen zu der „richtigen“ Ideologie, die ja keine fundamentale Kritik am System übt. Lieber sollen wir wie Schlafschafe den Narrativen der Obrigkeit hinterherrennen und die eigene Folgsamkeit und Kritikscheue als Akt der Zivilcourage feiern.

Die Veranstaltungen im Bereich „Demokratiepädagogik“ sollen uns befähigen, die passende „professionelle Haltung“ zu erarbeiten. Ziel ist das Beeinflussen einer der metapolitisch bedeutsamsten Gruppen für die Bildung der nächsten Generationen. Es geht unterschwellig um das Schlucken der herrschenden ideologischen Narrative, aber besonders steht die Formung von Multiplikatoren dieser Ideen in den Klassenzimmern im Vordergrund.

Die Lehramtsstudenten sind eines der Hauptziele, die sie für ihre Vorstellungen von Demokratie begeistern wollen. Jedoch läuft es in den meisten Fällen eher auf eine ideologische Bestätigung und Festigung hinaus. Auf einen Lehrer kommen ca. 2000 Schüler im Laufe einer Berufslaufbahn. Es ist eine clevere Idee, gerade die jüngsten und beeinflussbarsten Glieder der Gesellschaft in den Fokus zu nehmen. Die Uni oder irgendwelche linken Vereine werden kaum Boomerseminare zum Gendern anbieten, die Ausbeute wäre einfach zu gering.

Man mag die Erfolge dieser Strategie zunächst für diskussionswürdig erachten, jedoch hat sie zumindest in meiner Zoomergeneration bereits starke Selbstläufertendenzen entwickelt. Die Studenten laufen den „Fortschrittsvertretern“ fast mühelos zu, nicht nur weil sie fast den gesamten Anteil der studentischen Bespaßung stellen.

Das System, das System, das hat immer recht!

Des Weitern wird uns unterschwellig vermittelt, dass wir die Probleme nicht im System suchen sollen, sondern bei uns selbst, in der eigenen professionellen Haltung. Inklusion beispielsweise sei eine Frage der persönlichen Haltung. Dann werde es schon klappen. Die Umstände wurden angeblich nicht durch eine verfehlte Politik selbst geschaffen, sondern seien ein notwendiger, nicht zu hinterfragender Fortschritt in Richtung einer Gesellschaft, die sich auf der moralischen Überholspur befindet. Und dann soll ich als Lehrer die Folgen dieses moralischen Gratismuts ausbaden, die Fehler bei mir selbst suchen und das alles als Sahnehäubchen ohne einen Funken fundamentale Kritik zu äußern? Das hätten sie wohl gern!

Die links- grüne Avantgarde nimmt billigend in Kauf, dass sich eine Berufsgruppe mit Burnout und viel schwerwiegenderen Folgen dieser Tätigkeit herumschlägt, die vor allem Folgen der politischen Moral und gesellschaftspolitisch geschaffener Problemen sind. Von Menschlichkeit und Solidarität hört man dann nicht mehr viel. Denn wenn die Haltung stimmt, kann es angeblich keine Probleme mehr geben. Schon meine Kommilitonen huldigen dieser Selbstschuldzuweisung. Ihr Unterricht war einfach noch nicht motivierend und spaßig genug, obwohl vorher schon eine Laminierparty geschmissen wurde.

Ich schwanke dabei immer zwischen Mitleid und dem Gedanken „Selber schuld – du hast es definitiv so gewählt!“ Doch ich frage mich, ob sie irgendwann sehen werden, dass diese Zustände vorrangig die Folgen politischer Entscheidungen sind, die geändert werden können a
nstelle an einer abstrakten eigenen Haltung zu schrauben. Dieses Verhalten ist geradezu gewünscht, denn so hinterfragt jeder sich selbst und zweifelt an sich, aber niemals wird Kritik an den Demokratiefürsten und ihrem System laut.**

“Gibt es da ‘ne Impfung gegen?“

Den glorreichen Abschluss der Veranstaltung stellt die Einführung des Syndroms (!) „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ dar. Die Begründung zur Zusammenfassung zu einem Syndrom sei die gemeinsame Grundlage dieser Einstellungen: die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl bei diesem medizinischen Vokabular. Wie sollen die Symptome dieses Syndroms aussehen? Und viel wichtiger: Kann man das therapieren?

Symptome seien die Ablehnung nicht nur einer Einzelperson sondern einer ganzen Gruppe basierend auf Vorurteilen. Selten habe ich so gelacht! Merken sie eigentlich, was sie die ganze Zeit erzählen? Aber Rückschlüsse auf die eigene Denkweise zu ziehen, ist nicht so die Stärke der Anwesenden. Was für eine Heuchelei, sich selbst für diese Handlungsweise in Engelsflügel zu kleiden. Es ist der krönende Abschluss dieser Verblödung, dem es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen gibt.

Doch die „Therapie“ bin ich dem Leser noch schuldig geblieben: Demokratiebildung von Anfang an, noch mehr Steuergelder gegen rechts, noch mehr Workshops und „Aufklärung“. Das ist gelebte Integration, ääh nein Indoktrination! Der Raum erfüllt sich mit Klatschen und zustimmenden Rufen. Klar, wir müssen einfach nur mehr Workshops besuchen, in denen wir unser fehlendes Bedürfnis nach mehr Diversity in einer Gruppenmeditation aufarbeiten und unser diskriminierendes Verhalten im Sitzkreis mit dem Redestein reflektieren. Wenn meine Kommilitonen und die Dozentin das als wichtigste Handlungsfelder unseres Landes auffassen, dann wird mir ziemlich bunt vor Augen!

* https://www.oecd.org/education/2030-project/teaching-and-learning/learning/faq/

Im Original: “Agency implies a sense of responsibility to participate in the world and, in so doing, to influence people, events and circumstances for the better.”

** Ähnliches ist auch bei den Narrativen zur Legitimierung der Coronaboosterimpfung zu beobachten. Hier sind Legitimationsansätze dienlich, die nicht die Wirksamkeit der Impfung in Frage stellen. An der liegt es nämlich nie, sondern an der eigenen Immunität. Die ist ja sicherlich genauso vielfältig wie unsere Gesellschaft und damit dein eigenes Problem. Wie schön man doch die Verantwortung von sich abwälzen kann und sich in Engelsflügel leiden kann.

2 Comments

    • Guten Tag Christian,

      abgesehen von dem durchaus kritikwürdigen Mutmangel meinerseits halte ich das Vorgehen, ein ganzes Seminar gegen sich zu bringen, in vielen Fällen für wenig klug. Oft kann man da als (ungeübter) Einzelner nur verlieren und solche Diskussionen dienen dann vielmehr der Stärkung der Überlegenheitsgefühle der moralisierten Mehrheit. Meiner Erfahrung nach lohnt es sich viel eher, nach dem Seminar mit kleineren Gruppen von Studenten darüber zu diskutieren. Dann fehlt der Rückhalt oder die Drohkulisse der Masse. Man vergleiche dies mit Beispielen aus der Militärtaktik (greife den Gegner da an, wo er am schwächsten ist).

      Viele Grüße

      L. Witt

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