Seit geraumer Zeit schrillen die auรenpolitischen Alarmsirenen so laut, daร sie selbst in Berlin nicht zu รผberhรถren sein dรผrften. Doch in der von der Ampel-Regierung am 14. Juni vorgestellten ersten โNationalen Sicherheitsstrategie“ Deutschlands findet sich kein Wort davon: Wegen Pekings wachsender Prรคsenz im Sรผdchinesischen Meer will die Nato, die 1949 gegrรผndete nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft, erstmals in ihrer Geschichte auch in Asien aktiv werden.
Noch 2021 plante die Allianz, zumindest offiziell, keine Ausdehnung ihres Operationsgebiets. So konnte Frankreichs Prรคsident Emmanuel Macron guten Gewissens erklรคren: โIn meinem Atlas gehรถrt China nicht zum Atlantikraum“, vorsichtshalber rรคumte er aber ein: โVielleicht hat ja auch meine Karte ein Problem.“ Schon damals stand nรคmlich fest, daร Groรbritannien, Frankreich, die Niederlande und Deutschland Kriegsschiffe in den Indo-Pazifik entsenden wollten. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer verabschiedete die Fregatte Bayern im August 2021 mit den Worten, sie solle โFlagge fรผr die westlichen Werte“ zeigen.
Bereits im Juni 2022 stufte das Bรผndnis aus 31 europรคischen und nordamerikanischen Mitgliedsstaaten China als Bedrohung ein und kรผndigte ein grรถรeres stรคndiges Engagement im Indo-Pazifik-Raum an. Kaum ein Jahr spรคter, im Mai dieses Jahres, gab Koji Tomita, Japans Botschafter in den USA, auf einer Pressekonferenz in Washington bekannt, demnรคchst werde die Nato in Tokio ein Verbindungsbรผro einrichten. Ebenso wie Sรผdkorea, Australien und Neuseeland betrachte die westliche Militรคrallianz auch Japan als Partnernation. Gemeinsames Ziel sei die Erhaltung und Stรคrkung der โfreien, offenen und auf Regeln basierenden internationalen Ordnung“ im asiatischen Raum. Demgegenรผber sprach das chinesische Auรenministerium von einer โkontinuierlichen Ost-Expansion der Natoโ und einer Einmischung in regionale Angelegenheiten.
Doch die Weichen sind lรคngst gestellt โ in Deutschland ohne groรe รถffentliche Beachtung. Anfang Juni kรผndigte Verteidigungsminister Boris Pistorius an, 2024 werde die Bundesmarine weitere zwei Kriegsschiffe in den Indo-Pazifik entsenden. โWir reden von einer verรคnderten Weltlage“, konstatierte er auf dem Sicherheitsforum โShangri-La-Dialog“ in Singapur. Eine Fregatte und ein Versorgungsschiff wรผrden in die Region aufbrechen und โFlagge zeigen“. Derartige Einsรคtze, so Pistorius, seien nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet, sondern dienten โdem Schutz der internationalen Ordnung“. In Wahrheit kรถnnte die seit dem Ukrainekrieg von mehreren US-Politikern sowohl der Demokraten als auch der Republikaner geforderte Erweiterung des Einsatzgebietes der Nato fรผr die europรคischen Partner in einer Katastrophe enden. Deutschland โ wirtschaftlich (noch) stark, militรคrisch erschreckend schwach und politisch unbedarft โ ist als naivster und treuester Vasall der USA vรถllig abhรคngig von deren strategischen Plรคnen und hat im Ernstfall die schlechtesten Karten.
In Europa ist Macron bislang der einzige namhafte Politiker, der Bestrebungen, die Nato fรผr die globalen Hegemonie-Interessen der Amerikaner einzuspannen, รถffentlich artikuliert hat. Im November 2019, wenige Wochen vor dem Sondergipfel zum 70jรคhrigen Bestehen des Bรผndnisses, stellte er der Allianz ein katastrophales Zeugnis aus: โWas wir derzeit erleben, ist der Hirntod der Nato“, klagte Macron gegenรผber der britischen Zeitschrift „Economist“. Es gebe โkeinerlei Koordination zwischen den USA und ihren Verbรผndeten“. Mit Blick auf Donald Trump und den Truppenabzug der Amerikaner aus dem Norden Syriens konstatierte Macron: โWir finden uns das erste Mal mit einem amerikanischen Prรคsidenten wieder, der unser europรคisches Projekt nicht teilt.“
Auf dem Rรผckflug vom Besuch seines chinesischen Amtskollegen Xi Jinping gab der franzรถsische Prรคsident Anfang April 2023 dem US-Magazin „Politico“ ein weiteres Interview, das bei allen Transatlantikern, nicht zuletzt in Deutschland, einen Sturm der Entrรผstung auslรถste. Die Europรคer, so Macron, mรผรten dem Druck widerstehen, โAmerikas Gefolgsleute“ zu werden. Das groรe Risiko fรผr Europa bestehe darin, โin Krisen verwickelt zu werden, die nicht unsere sind“. Im Fall Taiwan mรผsse Europa eine eigene Strategie verfolgen. โDas Schlimmste wรคre, zu denken, wir Europรคer mรผรten bei diesem Thema zu Mitlรคufern werden und entweder dem amerikanischen Duktus oder einer chinesischen รberreaktion folgenโ, zitierte ihn das Magazin. Europa mรผsse โstrategische Autonomieโ anstreben, um als โdritte Supermacht“ einen Pol zwischen den USA und China zu bilden. Sofort giftete der CDU-Auรenpolitiker Norbert Rรถttgen: โMacron scheint von allen guten Geistern verlassen zu sein.“ Mit โsolch naiver und gefรคhrlicher Rhetorik“ spalte und schwรคche er Europa.

Kalifat BRD
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Da Macron 2027 nicht noch einmal als Prรคsident antreten kann, kรถnnte seine Nachfolgerin Marine Le Pen heiรen. Man darf davon ausgehen, daร sie bei Eintritt eines Bรผndnisfalls wegen Taiwan eher den Nato-Austritt einleiten wird, als daร sie Frankreich im Fernen Osten an der Seite der USA kรคmpfen lรครt. Ganz anders Deutschland: Hierzulande reiรen sich Politiker darum, die Insel zu besuchen und den dortigen Regierungsvertretern ihre Aufwartung zu machen. So reiste im Januar dieses Jahres eine Delegation von FDP-Abgeordneten unter Fรผhrung Marie-Agnes Strack-Zimmermanns nach Taipeh, โum ein Zeichen der Solidaritรคt mit Taiwan zu setzen“ โ wohl wissend, daร die Inselprovinz im Oktober 1971 auf Beschluร der UNO-Vollversammlung der Souverรคnitรคt der Volksrepublik als der einzig rechtmรครigen Regierung ganz Chinas unterstellt wurde. Die 1949 im Bรผrgerkrieg auf dem Festland geschlagene und nach Taiwan geflรผchtete Regierung der Republik China wurde aus allen UNO-Organisationen ausgeschlossen.
Im Mรคrz besuchte sogar zum erstenmal seit mehr als 25 Jahren ein deutsches Regierungsmitglied die Insel: Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) unterzeichnete ein Technologie-Kooperationsabkommen mit dem taiwanesischen Wissenschaftsminister und sprach lobend von โgleichgesinnten Wertepartnern“. Peking nannte die Reise einen โungeheuerlichen Akt“ und appellierte an Berlin, โsofort aufzuhรถren, mit den separatistischen Krรคften Taiwans zu interagieren und ihnen falsche Signale zu senden“. Kein Wunder: Nahezu alle Staaten der Welt โ auch Deutschland, auch die USA โ unterhalten aus vรถlkerrechtlichen Grรผnden keine offiziellen Beziehungen zu Taiwan, sondern erkennen die 1971 auf UNO-Beschluร bis heute von Peking vertretene Ein-China-Politik an.
Diesen Standpunkt teilt auch die Kuomintang (KMT), die 1949 auf die Insel geflรผchtete Nationale Volkspartei. Noch 2012 hatte die einstige Regierungspartei der lรคngst untergegangenen Republik China bei freien Wahlen ihre absolute Mehrheit im Insel-Parlament verteidigt, der KMT-Politiker Ma Ying-jeou wurde in seinem Amt als Prรคsident bestรคtigt. Erst 2016 konnte sich die Demokratische Volkspartei (DPP) mit ihrer Spitzenkandidatin Tsai Ing-wen durchsetzen; 2020 triumphierten beide erneut โ zum Jubel Linker und Linksliberaler in aller Welt. Ihnen gilt Taiwan heute als โdemokratischstes Land Asiens“. Besondere Begeisterung hat ein Transgender-Mensch ausgelรถst, der unter dem Namen Audrey Tang als erste asiatische Trans-Ministerin das Digital-Ressort รผbernommen hat. Tang: โDie Vermischung der Ethnien, der Kulturen und der Geschlechter ist unsere Identitรคt.“
Das nรคchste Jahr kรถnnte zum Schicksalsjahr nicht nur Taiwans werden. Im Januar werden sowohl der Prรคsident als auch das Parlament gewรคhlt. Nach zwei Amtszeiten kann Tsai Ing-wen nicht erneut antreten; wahrscheinlich wird Vizeprรคsident William Lai fรผr die DPP ins Rennen gehen. Auch Ex-Prรคsident Ma Ying-jeou (2008 – 2016) hat sein Amtszeit-Kontingent erschรถpft. Kandidieren kรถnnte Eric Chu, seit 2021 Vorsitzender der KMT. Damals hatte ihm Xi Jinping telegraphisch zur รbernahme des Parteivorsitzes gratuliert. Beide plรคdierten fรผr eine verstรคrkte Zusammenarbeit auf dem Weg zu einer friedlichen Wiedervereinigung und verurteilten alle Bestrebungen zu einer staatlichen Unabhรคngigkeit der Inselprovinz.
Mit Blick auch nach China rief US-Prรคsident Joe Biden im Mรคrz 2022, kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs, das Jรผngste Gericht, quasi ein ideologisches Armageddon aus: โEs geht jetzt um die groรe Schlacht zwischen Demokratie und Autokratie, zwischen Freiheit und Unterdrรผckung.“ Vorerst bleibt abzuwarten, ob sich schon beim Nato-Gipfel am 11. und 12. Juli in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein amerikanischer oder europรคischer Transatlantiker findet, der bereit ist, das Geraune um eine mรถgliche Erweiterung des Bรผndnisgebiets bis nach Asien offiziell zu bestรคtigen oder zu dementieren.
PS:
Der Nato-Gipfel in Vilnius ist zu Ende. Doch nur wenige unserer Medien sind auf die Frage eingegangen, ob sich das Militรคrbรผndnis Richtung Asien erweitern wird. Zu den Ausnahmen gehรถrt das „Handelsblatt“. Es berichtete am 13. Juli, daร China die Teilnahme Japans und Sรผdkoreas am Treffen in Litauen scharf kritisiert hat. Das KP-Organ Global Times spreche von einer gefรคhrlichen โNatoisierung des asiatisch-pazifischen Raums“. Warum?
Japans Regierungschef Fumio Kishida und Sรผdkoreas Prรคsident Yoo Suk Yeol vereinbarten mit der nordatlantischen Allianz ein โIndividually Tailored Partnership Programโ (ITPP). Demnach wird Japan in sechzehn und Sรผdkorea in elf Bereichen mit anderen Nato-Staaten zusammenarbeiten โ so bei Terrorismusbekรคmpfung und Cybersicherheit. Die Idee, ein Nato-Verbindungsbรผro in Tokio einzurichten, wurde dem Handelsblatt zufolge schon im Vorfeld des Treffens nach franzรถsischem Widerstand fallengelassen. Paris fรผrchte, โdaร die Allianz ihren Fokus verlieren kรถnnte“. Auf Wunsch der USA wurden die Fรคden zu den beiden โWertepartnern“ in Asien jetzt gleichwohl noch fester geknรผpft.

