Die wohl eigenartigste Blüte, die das Dreivierteljahr hinter Gittern bei mir hinterlassen hat, ist, dass ich verlernt habe, mich zu ernähren. Damit meine ich nicht, „mich gut zu ernähren“, denn treue Leser werden wissen, dass das noch nie so wirklich mein Fall war, sondern überhaupt. Essen war für mich immer eher etwas, das halt erledigt werden musste, vorzugsweise mit minimalem Zeitaufwand. Was das betrifft, kam mir das Knastleben maximal entgegen: Um elf Uhr kommt die Menage, manchmal mit ekligem Zeug zum Runterwürgen (etwa Linsensuppe mit ranzigem Fleisch), um die zweite Tageshälfte nicht vom Hunger geplagt zu werden, teils aber auch mit etwas ganz Leckerem, zum Beispiel Schnitzel. Sogar der Zeitrahmen des Essens war vorgegeben: 40 Minuten, danach wurden die Reste eingesammelt.
Das Thema Essen wanderte so aus dem hintersten Winkel meines Kopfes peu à peu endgültig in den Papierkorb, um Platz für mein Geschreibsel, paranoide Gedankenstrudel und das Aushecken elaborierter Pläne, es der Justiz noch aus dem Gefängnis heraus publicitymäßig heimzuzahlen, zu machen. Nach der Entlassung fand ich mich dann in der Situation wieder, neuneinhalb Monate Familienleben nachholen, mein Buch digitalisieren und lektorieren sowie auf einer großen Tour (sowohl physisch durchs Land als auch online) über das Geschehene berichten zu „müssen“ – gleichzeitig. Ich nahm in anderthalb Monaten sieben Kilogramm ab, von meinem Normalgewicht von 70 runter auf nun gerade einmal 63.
Das lag vor allem daran, dass ich tagsüber einfach vergaß, zu essen. Ich nahm nur noch abends eine große Suppe zu mir. Ein paar Kartoffeln, Ei und Knoblauch in die Sternchensuppe geschmissen, fertig. Fachliteratur zu diesem Thema wie dem „Suppenkasper“ folgend, hätte das ja eigentlich genügen müssen, aber die hatte mich wohl auf den Holzweg geführt. Das Grundadrenalin der plötzlich anstehenden, meist positiv aufregenden Aufgaben sowie das emotionale High der Wiedervereinigung mit meiner Familie hatten mein ohnehin von Natur aus eher zartes Hungergefühl zeitgleich so weit betäubt, dass es unter die Wahrnehmbarkeitsschwelle fiel.
Es ist beeindruckend, wie abhängig es einen zurücklässt, die Verantwortung für einfachste Dinge des Alltags abgenommen zu bekommen. Die Umstrukturierung des Tagesablaufs, sodass er Raum für Zubereitung und Verzehr regelmäßiger Mahlzeiten lässt, gehört derzeit zu den Aufgaben, die in meinem Leben die meiste Disziplin erfordern. Das im Knast angewöhnte Kettenrauchen wieder loszuwerden, war vergleichsweise einfach.
Der weichest denkbare Totalitarismus würde so aussehen, dass der Mensch einfach in groteskem Maße von technischen Hilfsmittelchen und staatlicher Assistenz abhängig gemacht wird, auf freiwilliger Basis, sodass man im Falle seines Aufmuckens nichts Drakonischeres mehr androhen müsste, als aufzuhören, ihm das Hemd zu knöpfen und die Schuhe zu binden. Der Gulag, beziehungsweise der Social-Credit-Score von null, hieße einfach „ein großer Junge sein“. Wenn du Apfelschnitze willst, dann musst du sie dir selber schneiden. Willkommen in der Hölle.
Ein bisschen leben wir ja schon so, insbesondere die gesellschaftlich prägende Klasse. Sie lässt sich im Gros mit dem Verlust von Annehmlichkeiten auf Linie halten, die der normale Mensch gar nicht kennt. Als Kimmich sich nicht impfen lassen wollte, reichte es letztlich aus, ihm den Verlust der ganz großen Bühne und das Zurechtstutzen seines sozialen Status anzudrohen. Nach dem Schlimmsten, das man gegen ihn in petto gehabt hätte, wäre er immer noch ein berühmter Millionär gewesen, lediglich mit weniger Wachstum auf dem Konto und einem ambivalenteren Image.
Im Bereich der die öffentliche Meinung mitbeeinflussenden Promis funktionieren weich-autoritäre Maßnahmen nach wie vor ziemlich gut, weil diese Leute ihren Selbstwert aus ihrem öffentlichen Image beziehen, das man jederzeit androhen kann, zugrunde zu richten. Was die ohnehin ausgestoßenen öffentlichen Stimmen angeht, die sich mit ihrer Situation schon lange arrangiert haben, scheint jedoch langsam bis auf unelegantere, offen autoritäre Maßnahmen – Zensur, Bußgeld, Knast – alles ausgeschöpft. Wenn diese sich nun selbst diesen richtigen Zähnen gegenüber unempfindlich zeigen und im Gegenteil postwendend mit Hieben unter die Gürtellinie der Reputation des Systems antworten, das so lange alles versucht hat, um nur nicht tyrannisch zu wirken, haben sie fertig.
Was ich auch teilweise neu erlernen musste, ist Zeitmanagement an und für sich. Wenn Zeit über Nacht von einem totzuschlagenden Ärgernis zur wertvollsten Ressource überhaupt wird, muss man sich erst mal wieder orientieren. Während ich mir dort den ganzen Tag lang Parteitage wie den der FDP und der Linken anschauen konnte, um nach den lustigsten Gestalten Ausschau zu halten und Kasper im Anschluss Bericht zu erstatten, besteht die Aufgabe jetzt wieder darin, möglichst fix die entscheidenden Schnipsel zu lokalisieren – etwa im Falle des Chimpouts im Bundestag nach der Nichtwahl von Brosius-Gersdorf.
Eigentlich könnten wir ein paar dauerhaft vor Phoenix festgetackerte Späher sogar gut gebrauchen, denn ohne mich in dieser Position hätten wir vermutlich von Leckerbissen wie dem Auftritt des aus erwachsenen Männern, die sich wie Schulmädchen kleiden, bestehenden Rap-Kollektivs „Der Nebenwiderspruch“ auf dem Linken-Parteitag gar nicht erfahren.
Die beiden besangen dort unter anderem ihr alle politischen Differenzen transzendierendes sexuelles Interesse an Christian Lindner, während Reichinnek und van Aken begeistert klatschten.

