Labubus – Wie bescheuert darf’s noch werden?

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In der Popkultur wird seit langer Zeit davon fantasiert, was in einem postapokalyptischen Zeitalter einmal als Zahlungsmittel dienen könnte. Schenkt man der „Fallout“-Reihe Glauben, werden es etwa Kronkorken sein, während „Mad Max“ den Handel mit Schrottteilen von Autos vorhersagt. Was sich schon während des Schwanengesangs der Zivilisation zur Ersatzwährung mausert, scheint sich jedenfalls langsam herauszukristallisieren: Labubus.

Labubus sind auf niedliche Weise hässliche Plüschmonsterchen. Sie kommen aus China und entspringen eigentlich Kinderbüchern, wurden von Influencern aber von einem Spielzeug für kleine Kinder zum Trend und Statussymbol emporgehoben. Der Gag ist dabei, dass man die Katze im Sack kauft: Ähnlich wie bei Pokémon-Karten vertreibt der Hersteller „Blind Boxes“, deren Inhalt Hunderte Euro wert sein kann (die teuerste jemals verkaufte Puppe erreichte umgerechnet knapp 150.000 Euro), aber auch nur fünf. Zudem werden einzelne Modelle absichtlich verknappt, um ihren Preisen auf dem Weiterverkaufsmarkt und damit dem Hype weiteren Auftrieb zu geben.

In Berlin hat gerade das bundesweit erste Geschäft eröffnet, in dem Deutsche die chinesischen Plüschtiere direkt vom Hersteller erwerben können. Guckt man sich die Schlangen an, in denen zur Eröffnung bis zu 15 Stunden lang ausgeharrt wurde, um zehn Minuten lang ins Geschäft zu können, fällt einem auf: Familien mit Kindern sind die absolute Seltenheit, die meisten dort sind wohlstandsverwahrloste Millennials. Schreitet er in seinen Zwanzigern und Dreißigern nicht auf einem logischen Lebensweg voran und stellt sich mit der Gründung einer Familie der nächsten echten Herausforderung, scheint der Mensch oft das Bedürfnis zu entwickeln, selbst wieder zum Kind zu werden, zumindest feierabends.

Selbst der Louvre in Paris verkauft inzwischen eigene Sondereditionen wie das „Mona Lisa“-Labubu oder eine dem Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ nachempfundene Version. Früher waren es chinesische Fälschungen westlicher Produkte, die unsere Märkte fluteten. Heute fängt der amerikanische Zoll am Flughafen von Seattle 11.000 als LED-Glühbirnen deklarierte Labubu-Fälschungen im Wert von einer halben Million Dollar ab. Die chinesische Regierung rät, die im Original vorhandenen neun Zähne zu zählen und auf ihre Spitzheit zu überprüfen, da die Fälscher gerne bei diesen Details schlampen.

Auch Skandinavien hat die Modeerscheinung wie ein Güterzug erfasst. In der Region Stockholm gibt es mit 27 Prozent den höchsten Anteil im Ausland geborener Einwohner in ganz Schweden. Der Untergang einer westlichen Gesellschaft dürfte an wenigen anderen Orten so greifbar sein. Eine Schule im Süden der Stadt macht nun mit Schlagzeilen auf sich aufmerksam, die zur Abwechslung aber nichts mit Islamismus, sexueller oder Messer-Gewalt oder dem grassierenden Granatenproblem (ja, Schweden hat ein Granatenproblem) zu tun haben, sondern mit Labubus.

Nicht nur ist dort ein beträchtlicher Hehler- und Fälschungsmarkt entstanden, es haben sich Labubu-Gangs formiert, die auf Basis der rarsten Modelle als Statusobjekte um Dominanz ringen: Es gebe „Macht-Hierarchien und Klubs, in denen nur Kinder mit Labubus willkommen sind“, so der Rektor. Manche Kinder trauten sich daher ohne entsprechend begehrte Exemplare nicht mehr zur Schule. Zuletzt hielt man die Eltern an, mit ihrem Nachwuchs ein aufklärendes Gespräch über die Labubu-Gefahr zu führen und ihm das Mitbringen der Stofftiere auszureden.

Während die schwedische Jugend also mit einer Flut zu beträchtlichen Teilen feindselig eingestellter Migranten konfrontiert ist, hat sie an dieser Schule alle Hände voll damit zu tun, ebendiesen geklaute oder gefälschte chinesische Plüschmonster abzukaufen, um in der Puppen-Hackordnung nicht unter die Räder zu kommen. Generation Z wirkt ja manchmal schon in gruseligem Maß entrückt von jedem unironischen Wertegerüst und dem Ernstnehmen der Welt um sie herum; in einem Wort: abgestumpft. Doch durch wie viele Ebenen Zynismus und Ironie Kinder, die unter solch clownesque-dystopischen Umständen aufwachsen müssen, die Welt einmal betrachten werden, kann man nur vage erahnen.

In den frühen 2000ern hätte man sich einen zunehmenden subversiven Einfluss von China auf westliche Kultur wohl anders vorgestellt, als sie in Form von Softcore-Pornografie auf TikTok und Sammlerplüschtieren für Erwachsene bislang Gestalt angenommen hat. Und während sowohl durch Kurzvideos vorangetriebene Hypersexualisierung und Geschlechtsverwirrung als auch Infantilisierung durch Kinderspielzeug nach dem Dogma der im Westen herrschenden Mächte gar nicht als Bedrohung wahrgenommen werden können, zielt EU-Kritik an TikTok größtenteils auf unzureichende Zensur europäischer Nationalisten ab.

China betreibt unterdessen eine eigene TikTok-Version für den inländischen Konsum, in der patriotische Inhalte die Norm darstellen und die gerade angesprochene Degeneration, mit der der westliche Konsument beschallt wird, gegen die Richtlinien verstößt. Als zerstörerischsten Akt gegenüber den westlichen Konkurrenten erachtet man offenkundig, genau die Kultur und Weltanschauung zu befeuern, der unsere Herrscher ohnehin schon anhängen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Siehe das Aufkommen von Tamagotchis und Pokemon während meiner Schulzeit. Mein Elternhaus hat mich davor bewahrt und dafür danke ich. Es folgte und folgt Modeerscheinung um Modeerscheinung. Es steht und fällt mit dem Elternhaus und damit auch mit der Gesellschaft. Denn das Elternhaus ist die Wurzel der Gesellschaft. Alles verbieten, dass Kind vor allem bewahren, ist wohl genauso kontraproduktiv, wie alles erlauben, seinem Kind dem kompletten geisteskranken Aussetzen. Alles in maßen ist gesund, die Dosis macht das Gift. Vielleicht abgedroschene Sprüche, aber oft auch passend.

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