Erinnert sich noch jemand an die ersten Tage von Russlands „Militärischer Spezialoperation“? Das zunächst gar nicht mal so reichhaltige Bildmaterial zeigte Szenen, die man bis dato nur aus Videospielen kannte: Panzerkolonnen stauen sich vor Grenzübergängen, Marschflugkörper sausen in geringer Höhe über die Landschaft, irgendwo bootet ein russischer Pilot aus seinem havarierten Kampfhubschrauber aus, sucht Deckung, lädt seine Waffe durch. Medienschnipsel reihte sich an Medienschnipsel, und nach ein oder zwei Wochen und einigen erschütternden und doch gleichfalls faszinierenden Aufnahmen – erinnert sei hier an die Schlacht um den Flughafen Hostomel – war jedem Beobachter klar: Das war wohl nix, Herr Putin.
In der Tat, Russland hatte sich militärisch und geheimdienstlich derart verhoben, dass es im Herbst desselben Jahres während der ukrainischen Gegenoffensive mit dem Einsatz von Nuklearwaffen drohen musste, um Zehntausende Soldaten aus dem westlich des Dnjepr bei Cherson gelegenen Brückenkopf evakuieren zu können. Diese Tage im Oktober waren wohl der kritischste Moment, dem das russische Regime während der gesamten vier Jahre ausgesetzt war.
Hatte man solch ein Szenario Monate zuvor für möglich gehalten? Wohl kaum. Wer hätte am 23. Februar 2022 auch nur einen Euro darauf gewettet, dass die Ukraine vier Jahre lang den russischen Vormarsch aufhält – und dabei den Gegner mit militärischen und geheimdienstlichen Mitteln immer wieder vorführt. Dabei müssen wir uns nichts vormachen: Eine reelle Chance, diesen Krieg zu gewinnen, hat Selenskyjs Regime praktisch kaum. Die neuesten Entwicklungen im Arabischen Golf sind vor allem ein Problem für Kiew, nicht für Moskau. Aber dazu kommen wir gleich.
Die USA haben sich nach intensiver Agitation der Israelis dazu hinreißen lassen, im Iran Tabula rasa zu machen. Keine begrenzten Schläge auf Ziele des iranischen Atomprogramms, wie während des letztjährigen „Zwölftagekrieges“, sondern ein Enthauptungsschlag gegen das iranische Regime – das alles gestützt auf die Annahme, dass die iranische Oppositionsbewegung das nun kopflose Mullah-Regime stürzen würde.
Sechs Tage später, und wir haben abermals ein Szenario, das einem Videospiel entnommen sein könnte: Der Golf brennt, zahlreiche US-Basen sind schwer beschädigt, arabische Raffinerien brennen, die Straße von Hormus ist gesperrt, und an deutschen Tankstellen hat der wohl massenpsychologisch wichtigste Preis – der für Sprit – die Zwei-Euro-Marke geknackt. Sicherheitsberater Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth müssen, um die Scherben von Trumps großmäuligen Ankündigungen aufzukehren, wahlweise die US-Kriegsziele umdeuten oder versichern, dass die pausenlose Bombardierung des Irans nach Plan läuft.
In Wahrheit läuft gar nichts nach Plan, die USA haben sich von Israel dazu breitschlagen lassen, in ein Wespennest zu stechen, das sein überaus gefährliches Potenzial bereits während des bereits erwähnten Zwölftagekrieges zur Schau stellen konnte. Der Iran verfügt über ein gewaltiges Raketenarsenal, und die jahrzehntelangen Sanktionen haben das Mullah-Regime zum Auf- und Ausbau einer Rüstungsindustrie verleitet, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Neben den Marschflugkörpern produziert der Iran Drohnen. Er produziert sie billig, er produziert sie in Masse. Während des Ukrainekrieges wurde Russland zum besten Kunden, nun regnen tagtäglich Hunderte Raketen und Drohnen auf Israel und die Golfstaaten nieder. Denen gehen die teuren und schwer zu beschaffenden Abwehrraketen aus – Masse schlägt hier eindeutig Klasse.
Ali Chamenei, das spirituelle Oberhaupt des Irans, wurde mit zahlreichen Familienmitgliedern am ersten Tag der „Operation Epic Fury“ getötet. Ein präziser Schlag, der aus einer in Teilen der iranischen Bevölkerung verhassten Figur nun einen Märtyrer gemacht hat. Der Mossad hat in den letzten Jahren Dutzende von iranischen Funktionsträgern ausgeschaltet: Top-Generäle, Wissenschaftler, Milizführer – er hat das Mullah-Regime auf eine Weise vorgeführt, die nicht zu Unrecht den Eindruck erweckt hat, dass es mit der Diktatur bald vorbei sei (zumindest mit dieser Diktatur). Und ausgerechnet mit diesem letzten und kaltblütigen Schlag fachen Israel und die USA einen Widerstand an, der die gesamte Region in den Abgrund zu reißen droht.
Man kann darüber spekulieren, ob Chamenei sein Ende kommen sah. Fakt ist, dass das Mullah-Regime sich auf diesen Tag X vorbereitet hat. Die Raketenangriffe auf arabische Luxushotels mögen zunächst wie kopfloses Umsichschlagen gewirkt haben, tatsächlich folgen sie einem bestechenden Kalkül: Die dichten Qualmwolken über den glitzernden Luxusoasen werden den Image- und Wirtschaftswandel der Ölstaaten auf Jahre hinaus ruinieren. Die brennenden Raffinerien und der blockierte Zugang zum Indischen Ozean verstopfen die Geldquelle. Die einheimische Bevölkerung, deren Gunst man sich in der Vergangenheit erkaufen konnte, wird unruhig. Vor allem aber treibt jede Rakete, die auf der Arabischen Halbinsel einschlägt, einen Keil in das Bündnis zwischen den USA und den Arabern. Was hat man von der Militärpräsenz der Amerikaner, wenn diese nicht in der Lage sind, die militärische Bedrohung abzuwenden?
Und das bringt uns nun wieder zurück zur Ukraine. Über Nacht hat sich die russische Verhandlungsposition verbessert: Wenn die Russen mäßigend auf das iranische Regime einwirken können, damit die USA sich irgendwie gesichtswahrend aus dem entfachten Krieg herausziehen können, wird der Preis dafür die Ukraine sein. Auch gegenüber Europa hat Putin nun ein Ass in der Hand, lassen sich die explodierenden Gas- und Ölpreise doch nur durch Importe aus Russland herunterregulieren. Aber auch das wird nicht billig werden. So oder so, die Ukraine hat ein Problem.
Genau wie Trump. Als Beender der „Forever Wars“ ist er ins Weiße Haus eingezogen, nun steht er mit heruntergelassenen Hosen vor seiner Anhängerschaft und muss sich zu Recht die Frage stellen, warum er nicht von Anfang an mit der Parole „Israel first“ oder „Make Israel Great Again“ geworben hat. Es wird nicht bei der Handvoll weiß-rot-blau beflaggter Särge bleiben, die derzeit in die USA zurückkehren. Wenn Trump den von ihm begonnenen Krieg beenden will, muss er jetzt Stiefel auf iranischen Boden setzen. Ob er den Flächenbrand mit kurdischen Milizen eindämmen kann, ist mehr als fragwürdig – zumal das auch beim wichtigen NATO-Partner Türkei nicht gerade auf große Freude stößt. Sollen hingegen Soldaten aus den Golfstaaten über den Persischen Golf setzen und die Straße von Hormus öffnen?
Nein, die USA werden die von ihnen selbst eingebrockte Suppe auslöffeln müssen. Das wird verlustreich und teuer. George Bush verkündete 2003 auf einem Flugzeugträger „Mission accomplished“, die letzten US-Soldaten verließen acht Jahre später das Land. Trump wird sich einen ähnlichen Auftritt einfallen lassen, wahrscheinlich bigger und better. Es wird eine Clownshow ersten Ranges sein – und eine weitere Lektion über Hybris.


Ukainemoment – nach sechs Tagen? Nein, leider fern der Faktenlage. Dass das Regime nicht in Stunden, sondern in Tagen & Wochen zu bezwingen ist, sollte auch dem Einfachgestrickten klar sein. Ferner hinkt nicht nur der Vergleich insofern, dass für eine Gleichstellung nicht einmal ansatzweise Thesen hierfür herhalten könnten. Die Lektion erfährt der von mir bis auf oberen Zeilen hoch geschätzte Verfasser – in ?? Tagen / Wochen. Schlussendlich ist die Volksmehrheit gegen das Regime – in der Ukraine hingegen ist das Volk vor allem gegen den feigen wie auch unerwünschten Feind.
Wir schauen uns die Sache in ein, zwei oder drei Wochen nochmal genauer an. Ich vermute: Es wird dann für die USA noch schlechter aussehen, als jetzt.
Erratiker sind schlechte Anführer