Benedikt Brechtken und das deutsche Minenfeld

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Knapp zwei Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt befeuert „Apollo News“ eine Kampagne des extrem linken Aktivisten „Marcant“ gegen Ulrich Siegmund. Anlass sind zwei Videoschnipsel, in denen ein Streamer namens „Aktivist Mann“ sich mit einem „Spiegel“-Team anlegt und im Gespräch mit Marcant schnippisch auf dessen Schuldkult-Appelle reagiert. Beides fand auf einem AfD-Familienfest in Merseburg statt, auf dem Ulrich Siegmund einen Wahlkampfauftritt absolvierte.

Zu ersterem Vorfall zitierte Benedikt Brechtken, Chefkommentator bei „Apollo News“ und „Nius“-Kolumnist, ein Twittervideo von Hasnain Kazim.

Dieser war selbst als „Spiegel“-Reporter zu Bekanntheit gelangt und machte seitdem vor allem mit hasserfüllten Fantasien über politische Abweichler von sich reden.

Corona-Demonstranten bezeichnete er 2021 etwa als „widerliches Pack, das gesellschaftlich ausgegrenzt, sozial geächtet und juristisch zur Rechenschaft gezogen werden muss“.

Größtenteils wortgleiche Tiraden gibt er regelmäßig über AfD-Wähler zum Besten. Auf demografische Verschiebungen zuungunsten indigener Deutscher blickt er wie folgt:

„Gewöhn dich dran: Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht.“

Brechtken kommt nun angesichts von Kazims Schnipsel, in dem der Streamer einen „Spiegel“-Mann anrempelt und anpöbelt, die Überfremdung betreffend zu einem sehr ähnlichen Schluss:

„Wenn der Typ das deutsche Volk ist, bin ich für den Bevölkerungsaustausch.“

Jens Winter, der wie zuvor bereits Jan A. Karon „Nius“ inzwischen verlassen hat, entgegnet:

„Wenn deine erste Reaktion auf einen frei drehenden Streamer die Forderung nach dem Aussterben der Deutschen ist, ist Deutschland vlt. nicht das richtige Land für dich.“

Tatsächlich habe ich mit „Spiegel“-Leuten selbst schon einige Erfahrung sammeln können. 2019 brachen mehrere Schreiberlinge morgens in den Garten meines Elternhauses ein und klopften an die Fenster. Nachdem sie abgewimmelt wurden, zogen sie in der Nachbarschaft von Tür zu Tür, um die Frage zu stellen, ob man denn schon wisse, dass hier ein bekannter Neonazi wohnt.

Einen Rempler gegenüber Angestellten eines Mediums, das politischen Gegnern hochaggressiv nach Einkommen und sozialem Umfeld trachtet, überhaupt so hochzuhängen, ist in sich bereits absurd. Kritik an so etwas sollte immer wohlwollend und strategisch stattfinden, nie emotional und moralisch aufgeladen. 

Die Linken machen es vor: Doxt beispielsweise ein Böhmermann die halbe rechte Szene, dann lautet der Goldstandard innerlinker Kritik: „Das hilft nur den Rechten“. Dass jemand den eigenen Sieg gefährde, stellt die höchste Stufe der Verurteilung dar, und der geschädigte Feind ist kein moralischer Faktor. Das ist eine Stärke. Die von Ex-Springer-Mann Brechtken hier zur Schau gestellte Solidarität mit dem eigenen Berufsstand, welche (vorgebliche) politische Konfliktlinien im Zweifelsfall schlagartig überbrückt, zeugt vom Gegenteil.

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Für die schwarze PR gegen Siegmund wählte er jedoch einen noch absurderen Aufhänger: den ausbleibenden Kotau von „Aktivist Mann“, als Marcant ihm deutsche Erbschuld aufs Brot schmieren wollte.

Brechtken teilte einen Ausschnitt von Marcant, in dem dieser mittels den Holocaust betreffenden Suggestivfragen sein Gegenüber auf das bundesrepublikanische Minenfeld zu locken versucht.

Es sei erwähnt, dass Siegmund vor einigen Monaten selbst wochenlang als Holocaust-Relativierer in den Schlagzeilen war, nachdem er sich in einem „Politico“-Interview geweigert hatte, ein Ranking der schlimmsten Völkermorde aufzustellen. Sich auf das Thema gar nicht erst einzulassen, ist also durchaus kein falscher Ansatz.

Die Gegenfrage „Was ist denn jetzt mit dir los, bist du Jude oder was?“, ist natürlich nicht die beste Art – zumal nicht vor laufender Kamera –, dieses Minenfeld zu betreten. Aber deutlich wichtiger, als dass irgendein Streamer in ein rhetorisches Fettnäpfchen getappt ist, ist für uns die Information, wer diese Steilvorlage als Schmutzkampagne gegen Siegmund in der sensibelsten Phase des Wahlkampfes verwenden wollte. Denn je nachdem, wen man in unseren Kreisen fragt, handelt es sich bei ihm und seinen Arbeitgebern, „Apollo News“ und „Nius“, um Verbündete.

Brechtken reichte es aber nicht, der AfD den „ihnen nahestehenden“ Streamer in einem generellen Sinne zum Vorwurf zu machen: Fleißig durchforstete er Siegmunds „Ungeskriptet“-Auftritt nach positiven Erwähnungen von „Aktivist Mann“, bis er triumphal verkünden konnte: „Bei 05:55 ungefähr“

An besagter Stelle bedankt er sich bei mehreren regelmäßigen Livestreamern seiner Veranstaltungen, wobei neben dem deutlich prominenter gelobten Format „Utopia“ beiläufig auch der Name „Aktivist Mann“ fällt. Oder, mit Brechtkens Worten: Siegmund hat „explizit und ohne Not Aktivistmann gelobt und sich bei ihm bedankt“, gefolgt von einer Auflistung seiner Missetaten. Keine Stunde verging, bis Anti-AfD-Journalistin Melanie Amann den Post teilte und es selbst breittrat, gemeinsam mit Ulf Poschardt und „Nius“-Journalist Julius Böhm.

Brechtkens Ziel war es offenkundig, Journalisten wie Amann aus dem Kosmos von Funke, „Spiegel“ und Co. das Stichwort für ihre finale große Anti-Siegmund-Kampagne zu geben. Und wir können von Glück sagen, dass es passiert: Es bleibt, so indirekt, wie er mit der Sache zu tun hat, bei Beschmutzungs-Versuchen. Aber zeitgleich haben wir anschaulich demonstriert bekommen, woran wir bei „Apollo News“ und „Nius“ sind. Noch bevor sie damit in die Vollen gehen.


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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Großartiger Artikel und äußerst wichtige Hintergrundinformationen.

    Bitter zu sehen, von wem und wie leicht wir (gemeint ist jeder, der für unser Land kämpft und an der politischen oder medialen Front steht) eine Menge Messer in den Rücken bekommen.

    Erinnert leider an Jon Snow, bzw. eben die Verräter in der Night’s Watch.

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