Es ist vollbracht: Die Wahl ist rum, die Ergebnisse sind da, Sachsen-Anhalt bekommt ein neues Parlament. Die Köpfe haben sich vom Kater erholt, der dank des übermäßigen Alkoholkonsums am Wahlabend – sei es aus Frust oder aus Freude – den Montag vernebelt hat, sodass man nun etwas rationaler auf die Wahl zurückblicken kann.
Ganze 43,8 Prozent der Wählerstimmen konnte die AfD auf sich vereinigen, das ist damit ihr größter Wahlsieg in einer Parlamentswahl auf Landesebene – bis jetzt zumindest – und das höchste Wahlergebnis einer Partei in Sachsen-Anhalt überhaupt seit dem Untergang der DDR. Und noch ein weiterer Rekord wurde gebrochen: Mit 77,8 Prozent wurde am vergangenen Sonntag die höchste Wahlbeteiligung einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreicht, und es ist außerdem die zweithöchste Wahlbeteiligung seit 1990 im gesamten Osten – lediglich zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 1998 wurden prozentual mehr Wähler zur Wahlurne gelockt.
Der größte Wahlverlierer ist mit Abstand die CDU: Mehr als halbiert hat sich die Kanzlerpartei! Eine Niederlage historischen Ausmaßes verdunkelt den Himmel über dem Konrad-Adenauer-Haus, auf die die christdemokratischen Bonzen in ihrer bräsigen Eitelkeit geistig wie moralisch nicht vorbereitet waren. Daher möchte ich niemandem die eingefallenen Gesichter der alten Herren vorenthalten, als sie die Folgen ihrer Arroganz mit eigenen Augen erblicken durften:
Die Ergebnisse der anderen Parteien waren weitestgehend wenig überraschend, wobei es mich selbst erstaunte, dass die Linke hinter der SPD und den Grünen zurückfiel. Der Einzug des BSW mag zwar die absolute Mehrheit für Ulrich Siegmund verbaut haben, dürfte aber langfristig von Vorteil sein: Denn nun müssen die fünf im Landtag vertretenen Parteien eine Koalition bilden, anders ist eine Regierungsmehrheit ohne AfD-Beteiligung nicht möglich.
Doch wer verhalf der AfD zu diesem historischen Ergebnis? Eine kurze Antwort wäre: dieses Mal alle. Noch in den letzten beiden Landtagswahlen ließ sich ein starkes Nordwest-Südost-Gefälle erkennen. Während der Norden und Westen des Landes eher CDU wählten, wurde im Osten und Süden des Landes (mit Ausnahme des Landkreises Wittenberg) eher für die AfD gestimmt.
Zwar existiert dieses Gefälle immer noch, aber es ist längst nicht mehr so stark ausgeprägt: So hat die AfD in allen Gemeinden Sachsen-Anhalts außer in den Großstädten und zwei Städten ganz im Westen mehr als 35 Prozent, und in lediglich vier weiteren Gemeinden – darunter die drittgrößte Stadt des Landes, Dessau-Roßlau – verpasste die Partei die 40-Prozent-Hürde. Das niedrigste Wahlergebnis hatte die AfD in Halle (Saale), als einzige Gemeinde unter 30 Prozent, während das höchste Ergebnis in Schnaudertal, nicht weit von Halle, mit 64,7 Prozent erzielt wurde – nur noch die Gemeinde Plötzkau schaffte ebenfalls über 60 Prozent AfD.
Von den 41 Direktmandaten gingen 38 an die Alternative, die restlichen drei fielen an die Linke, wovon sich wiederum alle in Magdeburg oder Halle befinden. Was den Zweitstimmenanteil in den Wahlkreisen angeht, gab es lediglich eine grüne Insel im tiefblauen Ozean: Halle III. In diesem Wahlkreis liegt übrigens das Paulusviertel von Halle: sehr teuer, recht idyllisch, bewohnt von Akademikern, aber kaum von Ausländern.
Was uns zum nächsten Faktor des AfD-Wahlsieges führt: Menschen im arbeitsfähigen Alter ohne akademischen Abschluss. Und zwar mehrheitlich die, die sich das Wohnen in einer Gegend wie dem Paulusviertel nicht leisten können. Seien es Mittelständler, Selbstständige, Arbeiter und Normalverdiener oder auch Arbeitslose, insofern sie keinen hohen Bildungsgrad erreicht haben – also nicht bzw. nicht so lange durch die Propagandamühlen des Systems gegangen sind –, haben sie mit einer überwältigenden Mehrheit blau gewählt.
Unter den Angestellten waren es 46 Prozent, unter den Selbstständigen 52 Prozent und unter den Arbeitern 59 Prozent; Menschen mit einem mittleren Bildungsabschluss wählten die AfD zu 52 Prozent, diejenigen mit einem niedrigen Abschluss zu 57 Prozent. Das darf aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass in Sachsen-Anhalt auch Menschen mit hohem Bildungsabschluss die AfD zu 30 Prozent gewählt haben, was etwas mehr als bei den jetzigen Umfragen zur Bundestagswahl ist und weitaus mehr, als die AfD bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreicht hat. Das heißt: Auch hier befindet sich etwas im Wandel.
Die dritte Antwort auf die Frage heißt: Männer. Jawohl, hätten wir in Sachsen-Anhalt kein Frauenwahlrecht, so hätte die AfD eine entspannte absolute Mehrheit mit 52 Prozent erreicht. Aber das heißt nicht, dass die Frauen ultralinks gewählt haben: Sicher, im Vergleich wählen Frauen linker als Männer, dennoch ist nicht zu verachten, dass 39 Prozent der Frauen der AfD ihre Stimme gaben – immerhin über dem Bundesdurchschnitt. Und doch muss man konstatieren: Frauen und Rentner (30 Prozent CDU!) haben der AfD die absolute Mehrheit vermasselt – denn wahrscheinlich haben wir dem schönen Geschlecht auch den Einzug des BSW in den Landtag zu verdanken.
Doch wie gesagt, die Situation ist jetzt sehr gut so, wie sie ist: Die AfD hat zwar den klaren Regierungsauftrag, darf aber der anderen Parteien wegen wahrscheinlich noch nicht, wodurch sie ihr Gesicht wahren und sich besser vorbereiten kann. Zum Abschluss noch die für mich schönste Nachricht des Wahlabends: Die Union liegt bei den unter 34-Jährigen bei etwa fünf Prozent – Parteiensterben der schönsten Art!
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