Buchkritik: Hauke Haiens Tod (Robert Habeck)

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Unser geschätzter Autor U. B. Kant hat einige Bücher von Robert Habeck zusammengeklaut, um sich ein eigenes Bild von dessen schriftstellerischen Künsten zu verschaffen. Ausgangspunkt dieses Vorhabens war die Frage, weshalb sich die etablierten Medien – immerhin offene Unterstützer des schöngeistigen Wirtschaftsministers – mit Rezensionen zu dessem Œuvres bisher zurückgehalten haben. Nun, Kant stieß schnell auf die Antwort…

„Hauke Haiens Tod“ ist der Erstlingsroman von Robert Habeck und Andrea Paluch, der 2001 im S. Fischer Verlag erschien. Dieser Rezension liegt die Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2003 zugrunde. Figuren, Handlung und Titel lehnen sich bewusst an Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ von 1888 an. Während die Originalhandlung Mitte des 18. Jahrhunderts spielt, siedeln Habeck und Paluch ihre Adaption am Ende des 20. Jahrhunderts an.

Handlung (Vorsicht, Spoiler!)

Schleswig-Holstein Mitte der 1980er-Jahren: Bürgermeister Hauke Haien regiert mit harter Hand. Sämtliche Steuergelder investiert das unbeliebte Gemeindeoberhaupt in den Deichbau, derweil er immer größere Ländereien sein Eigentum nennen darf. Der neue Deich entspricht Hauke Haiens Vorstellungen eines modernen Küstenschutzes gegenüber den alten Deichen, durchgesetzt gegen zähe Widerstände im Gemeinderat. Beim Deichbau verhindert Hauke Haien, dass die Bauarbeiter aus fragwürdiger Tradition heraus einen Hund lebend vergraben, und nimmt das gerettete Tier bei sich auf.

Missgunst pflastert Hauke Haiens Weg an die Spitze der lokalen Hierarchie. Sein Intimfeind ist der intrigante, aber nahbarere Landwirt Ole Peters, den Hauke noch aus seinen Tagen als Knecht beim alten Tede Volkerts kennt. Seinen Aufstieg zum Bürgermeister und Großgrundbesitzer verdankt der Sohn eines ledigen Dorfschulmeisters seiner Heirat mit Elke Haien, geborene Volkerts. Nachdem der alte Tede Volkerts zu Lebzeiten jede Heirat zwischen Elke und Hauke hatte unterbinden wollen, gaben sich Hauke und Elke nach dem Tod des alten Volkerts das Ja-Wort und Elke übereignete ihrem Mann das geerbte Land. Nach langer Kinderlosigkeit, die schon zu üblen Gerüchten führte, gebärt Elke schließlich die geistig leicht behinderte Wienke.

Protagonist der Handlung ist aber nicht Hauke Haien selbst, sondern dessen Knecht, Iven Johns. Der engagiert sich in der Freiwilligen Feuerwehr. Bei einem Brandeinsatz kommt Iven Johns fast ums Leben. Sein Kamerad, der tapfere Niß, rettet sich und Iven Johns aus der Flammenhölle. Freunde fürs Leben werden die beiden gleichwohl nicht.

Wie sich noch herausstellen wird, hat Iven Johns bei der Damenwelt einen Stein im Brett, nur nicht bei Hauke Haiens hübschen Hausmädchen, Ann Grethe. Carsten, ein pickliger Nachwuchsknecht auf Gut Haien, rät Iven Johns, vom Dache des Silos aus Ann Grethe beim abendlichen Entkleiden vor offenen Vorhängen zuzusehen. Nachdem der pickelige Carsten zu Ole Peters‘ Hof wechselt, schleicht sich der liebestolle Iven Johns nachts unbemerkt in Ann Grethes Schlafzimmer, legt sich neben die träumende Maid und umfasst schließlich deren Kopf. Als Ann Grethe erschrocken aufwacht, unterdrückt Iven Johns mit einem aufgezwungenen Kuss jeden Hilfeschrei, bis Ann Grethe ihm in die Lippe beißt. Iven Johns flieht in die Kneipe „Zum dicken Fritz“, wo ihn der Spott der rauen Männergesellschaft ob seiner blutenden Lippe trifft. Frust und Scham im Alkohol ertränkend, torkelt Iven Johns neben Carsten über den Deich, erbricht sich und sieht auf der nahegelegenen Jevershallig einen unheimlichen Schimmel.

Später, während einer Jahrhundertsturmflut, schlägt Hauke Haiens Stunde als Krisenmanager. Hauke Haiens Damm hält, die ganze Sturmnacht hindurch und Jahrzehnte darüber hinaus. Doch Hauke Haien selbst wird diesen Triumph nicht mehr miterleben. Frauen und Kinder sind bereits evakuiert, da entschließt sich Elke Haien, mit dem Geländewagen raus auf den Deich zu ihrem Mann zu fahren. Sie bittet Iven Johns um Starthilfe, der Elke eindringlich vor den Gefahren des nicht mehr ganz funktionstüchtigen Mustangs warnt. Elke Haien scheint seine Warnungen nur insofern ernst zu nehmen, als dass sie Iven ihre kleine Tochter übergibt, verbunden mit der Bitte, Wienke und sich in Sicherheit zu bringen. Elke fährt raus auf den Deich und kehrt nie wieder zurück.

Iven Johns versucht vergeblich, noch die Nutztiere der Haiens zu retten und einen geheimen Tresor mithilfe eines Revolverschusses zu öffnen, der Iven Johns aber um Haaresbreite selbst das Leben kostet. Lediglich für den Hund der Haiens ist neben Iven Johns und Wienke noch Platz im rettenden Kanu, mit dem die drei sich in einer Jahrhundertsturmflut stundenlang über Wasser halten können, ehe ein dänisches Fernsehteam sie aufliest. Tage später spült die Flut die Leichen von Elke und Hauke Haien an. Alle gehen selbstverständlich vom zusätzlichen Tod der kleinen Wienke aus. Aber weit gefehlt, denn Iven Johns bringt die frisch gebackene Weise in ein Hamburger Heim und gibt sie dort unter dem Decknahmen „Elisabeth Schmidt“ aus.

Fünfzehn Jahre später. Iven Johns arbeitet als Türsteher in einem Bordell auf der Reeperbahn. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen mit einer Frau namens Iris zusammen, bekommt beim Gedanken an Ann Grethe aber immer noch morgendliche Erektionen. Da steht eines Tages eine junge, geistig etwas schlichte Frau vor seiner Tür, die sich Elisabeth Schmidt nennt, aber um ihre wahre Herkunft weiß. Sie lebt noch immer betreut in einem Hamburger Heim, verdient aber gutes Geld dank ihres bemerkenswerten Talents als Kaligraphin. Hin und wieder sagt Wienke eine scheinbar wirre Zahlenfolge in Form eines Kindergedichts auf.

Da Wienke sich in ihrer Ahnenforschung nicht aufhalten lässt, folgt Iven ihr in das nordfriesische Nest. Beide steigen im „Dicken Fritz“ ab, welches der inzwischen fettleibige und trunksüchtige Niß betreibt. Rasch spricht sich im ganzen Dorf herum, dass die tot geglaubte Tochter Hauke Haiens wieder aufgetaucht ist.

Seit Hauke Haien nicht mehr alle Steuergelder in den Deichbau pumpt, hat sich der Dorfkern verschönert. Neuer Großgrundbesitzer scheint nun Ole Peters zu sein, zumindest gibt er sich als solcher aus. Nach der Sturmflut wählten die Überlebenden Ole Peters zum neuen Bürgermeister. Im Irrglauben an Wienke Haiens Tod erbte der Fiskus Hauke Haiens Grundstücke, die Ole Peters zu Schleuderpreisen aufkaufte. Doch es läuft nicht mehr rund für Ole Peters. Die Schafzucht treibt ihn in den Ruin. Seine Frau, die einstmals flippige Vollina, betrügt Ole Peters mit einem niederländischen Fundamental-Evangelikalen, dem charismatischen Jantje. Zwar kann Ole den Nebenbuhler schwer verprügeln und aus dem Dorf jagen, aber nicht verhindern, dass sich seine frustrierte Ehefrau erhängt.

Iven hat seine Erinnerungen an die Sturmnacht weitgehend verdrängt. Als Gedankenstütze dient ihm ein verleumderisches Buch, welches der neue Schulmeister, ein gewisser Johann Pappe, kurz nach der Sturmflutnacht verfasste. Lüge an Lüge reiht Schulmeister Pappe in diesem Buch, aber es hat sich gut verkauft und die Deutungshoheit über die Sturmflutnacht gewonnen.

Wienke fängt spontan eine Affäre mit dem etwas unbedarften Postboten Sten an. Sie steigt in Stens Postwagen und bittet ihn um augenblicklichen Sex. Unterdessen verrät Niß ein paar pikante Details aus der Sturmflutnacht. Anders als von Schulmeister Pappe dargestellt, habe Hauke Haien den Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr in der Sturmflutnacht befohlen, den neuen Deich zu sprengen, um den alten zu entlasten. Niß sei für die Sprengung verantwortlich gewesen, doch habe er einen Schluck aus seinem Flachmann zu viel genommen. Im Flachmann habe sich giftiges Methanol befunden, das Niß beinahe das Augenlicht geraubt und ihn in der Sturmflutnacht bewusstlos gemacht habe. So habe er den Sprengbefehl am neuen Deich nicht ausführen können, auf den sich Hauke Haien verlassen habe, als er zum alten Deich aufbrach und mit dessen Bruch in den Sturmfluten ertrank.

Iven Johns fürchtet um das Leben von Wienke Haien, da sie Erbin jener Grundstücke ist, die sich Ole Peters nach der Sturmflutnacht unter den Nagel riss. Aber weit gefehlt. Die Gefahr, so stellt sich heraus, geht nicht von Ole Peters aus. Die Motive für die wahren Schurken finden Iven Johns und Sten im Tresor, den Iven in jener Sturmflutnacht nicht öffnen konnte, den auch Ole Peters über all die Jahre nie geöffnet, aber praktischerweise aufbewahrt hat, damit Iven Johns jetzt eine Idee hat: Die scheinbar wirre Zahlenfolge, welche Wienke manchmal vor sich hin sabbelt, öffnet den Tresor. Die Zahlenfolge und das scheinbar harmlose Kindergedicht kennt Wienke nämlich von der alten Trina Jans, woran sich nun auch Sten erinnert. Schon als Kind hatte Sten mit Wienke gespielt und Trina Jans dabei beobachtet, wie sie Wienke auf die Existenz des Tresors aufmerksam machte und sie den Zahlenreim lehrte. Hauke Haiens Vertrauen in eine schwatzhafte Frau, die ihre überschüssige Freizeit stets stockbesoffen auf öffentlichen Parkbänken verbrachte, kommt den Ermittlern jetzt sehr zu Pass. Sie öffnen den Tresor und finden Adoptionspapiere, die verraten, dass Hauke Haien der leibliche Sohn des alten Tede Volkerts war. Und Elke dementsprechend zumindest Haukes Halbschwester. Die Inzucht zwischen den Geschwistern ist der Grund für Wienkes geistige Behinderung.

Ole Peters hat zwischenzeitlich sein Herz auf dem rechten Fleck entdeckt und unterstützt Hauke und Sten in ihren Ermittlungen. Ann Grethe erfährt keine moralische Läuterung. Sie hat sich ganz dem Christentum verschrieben und ist die radikalste unter den Evangelikalen geworden. Diese fundamentalen Christen erkennen Wienke, erwachsen aus Geschwisterliebe, jedes Recht auf Leben ab. Hinter der großen Verschwörung gegen das Kind der Blutschande steckt vor allem Schulmeister Pappe. Bei Ebbe lockt er Wienke ins Wattenmeer, damit sie dort ertrinkt, sobald die Flut einsetzt. Iven Johns, Sten und Ole Peters retten Wienke in letzter Sekunde aus dem Wattenmeer. Pappe will die drei aufhalten, doch kann Sten den hinterhältigen Schulmeister ertränken. Den drei Helden gelingt es, Pappes Tod als Selbstmord zu tarnen, da Pappe ein melancholisches Gedicht verfasste, zu dem ihn ein angeschwemmter und dem Tode geweihter Wal an Nordfrieslands Küste inspiriert hatte. Das genügt der Kriminalpolizei als Beleg für einen Selbstmord. Wie gut, dass schon der Kollege Dorfpolizist sturzbetrunken am Wegesrand geschlafen hatte, während sich das Dreigestirn mit Pappe seinen Showdown lieferte und anschließend Pappes Leiche vom Strand abtransportierte.

Iven erkennt auf der letzten Seite des Buches des Rätsels Lösung: Carsten war derjenige, der nach Niß‘ Ohnmacht das Kommando an sich riss und befahl, den neuen Deich entgegen Hauke Haiens Befehl nicht zu sprengen, damit der alte Deich brach, während sich Hauke Haien dort befand. Zur Belohnung war Carsten Ann Grethe, die ihr Paarungsverhalten wohl vom Leben und Sterben Hauke Haiens abhängig machte, versprochen worden.

Noch auf derselben Seite kehrt Iven Johns nach Hamburg zurück und beschenkt seine Iris mit einem Strauß Blumen.

Stil:

Es ist Fanficiton.“

Fanfiction?“

Ja, Fanfiction. Wenn jemand nicht schreiben kann und keine eigenen Ideen hat.“

Keine eigenen Ideen?“

Ja. Obwohl das kreative Potential beim ersten Buch noch frisch und unverbraucht ist.“

Unverbraucht?“

Ja, aber der Fanfiction-Autor hat trotzdem keine Ideen. Selbst beim ersten Buch nicht. Und deshalb schreibt er nur weiter, was ein anderer vor schon geschrieben hat.“

Ein anderer?“

Ja. Ein anderer, der auch schreibt.“

Der auch schreibt?“

Ja, nur besser. Viel besser. Das schreibt der Fanfiction-Autor dann weiter.“

Was meinst du?“

Er benutzt Titel, Namen und Handlungen des Originals. Und spinnt das weiter. Nur dümmer.“

Dümmer?“

Ja, weil der Fanfiction-Autor im Vergleich zum Autor nichts draufhat.“

Nichts darauf?“

Ja, ein Abklatsch.“

Ein Abklatsch?“

Ein Dialog im Stile zweier Habeck-Figuren aus dessen Erstlingsroman. Ja, es sind Habeck-Figuren, auch wenn die Haukes, Elkes, Oles und Ivens in diesem Roman wie die Originale des alten Meisters von 1888 heißen. Doch teilen sie mit den Originalen lediglich die Namen, alles andere bleibt Nachahmung am Rande zur Raubkopie. Und Dialoge im Stile von:

Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.“

Was meinst du?“

machen einen erheblichen Teil des Buches aus, nicht selten ergänzt um Zusammenfassungen des auktorialen Erzählers, der nach dem Sprecheinsatz einer Figur dazwischenfunkt, um das gerade Gesagte noch einmal zu erklären.

Es sei denn, die inzwischen nicht mehr ganz so kleine Wienke kommt hinzu. Dann klingen die Dialoge nämlich so:

Habeck denkt, dass deine Eltern Geschwister waren.“

Wienkes Vater heißt Theodor Storm.“

Habeck hält sich für genauso begabt wie Storm.“

Wienke spricht bei Habeck genauso wie bei Storm.“

Ja, weil Habeck sich nicht ausdenken oder beobachten kann, wie sich geistig leicht behinderte Menschen in ihrer Pubertät weiterentwickeln. Deshalb sprichst du mit 19 noch genauso wie mit vier.“

Wienke kann nicht rechnen.“

Aber Elke und Hauke bei Storm sehr gut. Deshalb denkt Habeck sofort an Inzucht zwischen Geschwistern.“

Wienke hat keine Geschwister.“

Aber Habeck kann sich das mit dem guten Rechnen bei Elke und Hauke nicht anders erklären. Obwohl er selbst eine Frau geheiratet hat, die genauso schlecht schreibt wie er. Und Frau Paluch ist trotzdem nicht gleich Habecks Schwester.“

Ansonsten fügt Habeck zwischen derartigen Dialogen noch allerlei Beschreibungen von Nichtigkeiten ein: Wer wann mit EC-Karte statt bar zahlt, in die Dünen pinkelt, beim Pinkeln von einer Möwe beobachtet wird, Damenunterwäsche und Socken kauft, an der Tankstelle ein alkoholfreies Bier bestellt, an der Tankstelle zwei Halbe zieht, als Erster aus dem Auto steigt, die Wagentür hinter sich zuschlägt, als Zweiter hinter dem Ersten hergeht, nachdem der Zweite auch aus dem Auto gestiegen ist …

Die Anzeichen für Habecks spätere Degeneration vom stilistisch gerade noch schwachen Mittelmaß („Hauke Haiens Tod“) über sehr niedriges Niveau („Sommergig“) bis hin zum Totalausfall („Zwei Wege in den Sommer“) sind im Erstlingswerk bereits angelegt. Stilblüten finden sich bereits hier („Im öligen Morgenlicht schwamm das Meer“, S. 10), treten im Vergleich zu Habecks späteren Werken aber noch selten auf.

Auch andere Merkmale von Habecks späteren Machwerken weist bereits „Hauke Haiens Tod“ auf: Männliche Spanner, die im Schutz der Dunkelheit in das Schlafzimmer ihrer Angebeteten schauen, weil dies offensichtlich die einzige Form der Verführung ist, die Habeck sich ausdenken und zu beschreiben vermag. Vollsuff nach noch vertretbaren Mengen Alkoholkonsums. Junge Frauen, die plötzlich das Verlangen nach Sex mit fremden Männern ohne Status verspüren. Sex ausdrücklich nur mit Kondom, verbunden mit pubertärem Humor, der aus der Feder eines Erwachsenen sogar infantil wirkt („Er fand das Kondom in einer Tüte ‚Nimm 2‘“, S. 138).

Und wie in späteren Machwerken teilt Habeck bereits im Erstlingswerk seine Geschichte nicht chronologisch mit, sondern bedient sich zahlreichen Zeitsprüngen, um Spannung aufzubauen. Diese Zeitsprünge finden nicht lediglich zwischen Kapiteln, sondern innerhalb der Kapitel von Absatz zu Absatz statt. Da Habecks Wortschatz keine sprachlichen Variationen erlaubt, sind diese Zeitsprünge nicht immer auf Anhieb erkennbar und unterbrechen den Lesefluss, statt ihn mit Spannung aufzuladen.

Immerhin verdeutlich Habeck mehr als hundert Jahre nach dem Tod des Meisters postum dessen stilistische Klasse. Nur zum Vergleich die jeweils ersten Absätze.

Bei Theodor Storm …

Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden, währen ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebunden Zeitschriftenheftes beschäftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinne, ob von den „Leipziger“ oder von „Pappes Hamburger Lesefrüchten“. Noch fühl ich es gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben; vergebens auch habe ich seither dem jenen Blättern nachgeforscht, und ich kann daher umso weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbürgen, als, wenn jemand sie bestreiten wollte, dafür aufstehen; nur so viel kann ich versichern, dass ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen äußeren Anlass in mir aufs Neue belebt wurden, niemals aus dem Gedächtnis verloren haben.“

… und bei Habeck:

Seit drei Tagen saß der Hamster neben dem Laufrad. Er hockte in den Sägespänen und blinzelte nicht einmal, als sie ihn aus dem Käfig nahm. Sein Körper schmiegte sich warm in ihre Hand. Sie fühlte seinen Herzschlag durch das dünne Fell. Die nasse Nase stupste gegen ihre Lippen, als sie ihn küsste. Dann schloss sie ihre Finger um seinen Hals und drückte zu. Die Barthaare begannen zu zittern. Sie hielt den Körper fest, so dass er nicht zappeln konnte. Sein Genick brach mit dem Klack eines Pfennigabsatzes auf Fliesen.“

Merken Sie sich die Nebensätze, werter Leser, in Habecks Buch werden nicht mehr viele folgen.



Trotzdem wäre dieser Erstlingsroman annehmbar, wenn Habeck ihn offen als gewöhnlichen deutschen Regionalkrimi anpriese und sich an dessen Maßstäben messen ließe. Bloß versteigt Habeck sich in den Größenwahn, mit seinem Erstlingswerk dort anzufangen, wo der alte Meister aufhörte. Und was Habeck weiterdenkt, endet lediglich in den Klischees eines gewöhnlichen deutschen Regionalkrimis: Ein altes Verbrechen vor langer Zeit wird wieder aufgerollt, ein Großstädter kehrt in das provinzielle Nest seiner Kindheit und Jugend zurück, ein düsteres Familiengeheimnis wird gelüftet, Lebenslügen kommen auf den Tisch, ein scheinbar harmloser Kinderreim entpuppt sich als Codierung für einen Tresor, zum Schluss ein Wettlauf gegen die Zeit mit einer Schießerei. Für einen gewöhnlichen deutschen Regionalkrimi völlig in Ordnung.

Nur, muss man Theodor Storm postum auf dieses 08/15-Nivaue herunterziehen? Wobei Habeck sich nicht lediglich als Erbe Theodor Storms wähnt. Auch Bertolt Brecht und Joachim Ringelnatz will Habeck für sich vereinnahmen, indem er noch vor dem ersten Kapitel ausdrücklich betont, er habe das vorliegende Buch im Brecht-Haus in Svenborg fertig gestellt. Folgendes Zitat von Joachim Ringelnatz hält Habeck für geeignet, die Quintessenz des „Schimmelreiters“ vorab wiederzugeben:

Wir, in unsrem Alter, wollen wissen,

Dass der Weg nun wieder rückwärts führt.-

Glücklich, wer den freien Drang noch spürt,

Das Getrunkene über Bord zu pissen.“

Die Gründe für diese dreiste Selbstermächtigung, mit der Habeck sich unverdient mit aufs Siegerfoto drängt, sich leistungslos neben Theodor Storm ganz oben aufs Treppchen stellen will, finden wir in einem Internet-Artikel der Zeitung „Die Welt“ vom 12.05.2017. Von der Redaktion zum „Hoffnungsträger“ und zum „Gestalt gewordenen Versprechen der Grünen auf bessere Zeiten“ stilisiert, stellt Habeck „Die zehn Bücher, die mich prägten“ vor und zählt u.a. Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ auf. Wörtlich schreibt Habeck:

„‘Der Schimmelreiter‘ ist so etwas wie die kanonische Geschichte der schleswig-holsteinischen Westküche. Jeder kennt sie. Nach dem Deichgrafen Hauke Haien werden Straßen, Köge, Schulen benannt. Und in der Tat hat Storm mit dem Deichgrafen, der die Natur und die Engstirnigkeit seiner Zeit herausfordert, einen norddeutschen Faust geschaffen, janusköpfig zwischen Hybris und Aufklärung. Aber die charakterliche Zweideutigkeit ist nicht das einzige Rätsel in der schlanken Novelle. Hauke Haiens Tochter Wienke wird schwachsinnig geboren. Warum? Und als in jener Sturmflutnacht der Deich zu brechen droht und Hauke raus auf den Deich reitet, folgen ihm seine Frau und seine Tochter – während das Dorf schon evakuiert ist. Schon dass der Deichgraf rausreitet, ist unlogisch. Aber was wollten Tochter und Mutter da draußen? Sicher war Hauke ein besserer Schwimmer als sie. Nein, es muss einen anderen Grund gebegeben haben. Den deckten wir in unserem ersten Buch auf. ‚Hauke Haiens Tod‘ entstand mit dem „Schimmelreiter“ als Paten.“

Sätze, die einer nähere Auseinandersetzung lohnen. In komprimierter Form enthalten sie jene habeckspezifische Mischung aus eitlem Selbstaufplustern bei gleichzeitigem Irrglauben an die vermeintliche Brillanz seiner selbst, die nicht trotz, sondern wegen fehlenden Fachwissens zu einem übersteigerten Sendungsbewusstsein bar jeden Talents führt. Und einem sehr bedenklichen Amtsverständnis. Das angestrengt verzerrte Gesicht, den Weltenschmerz des Weltendeuters vorgaukelnd, darf bei Habeck selbstredend nicht fehlen, auch über dem oben zitierten Text aus dem Hause Springer nicht.

„‘Der Schimmelreiter‘ ist so etwas wie die kanonische Geschichte der schleswig-holsteinischen Westküche. Jeder kennt sie.“

Höchste Zeit, sie aus dem grünen Kanon zu streichen. Alle kennen sie, die Geschichte eines alten weißen Mannes über einen weißen Mann, der ständig Mansplaining betreibt, seiner Frau das Grundeigentum abluchst und damit die eigenen Karriereoptionen verbaut. Schlimm.

Nach dem Deichgrafen Hauke Haien werden Straßen, Köge, Schulen benannt.“

Welche Partei sich wohl für wohl für die Umbenennung all dessen zugunsten von George Flyod, Conchita Wurst und Greta Thunberg einsetzen wird?

Und in der Tat hat Storm mit dem Deichgrafen, der die Natur und die Engstirnigkeit seiner Zeit herausfordert, einen norddeutschen Faust geschaffen, janusköpfig zwischen Hybris und Aufklärung.“

Oh, wie intellektuell das klingt: „Hybris“, „Aufklärung“ und sogar „norddeutscher Faust“. Ein Satz, der das geistige Fassungsvermögen einer Habeck anschmachtenden Redaktion ausfüllt. Ach, wie tiefsinnig unser Robert doch ist, so richtig janusköpfig und so. Und dazu dieses weltschmerzverzerrte Gesicht mit dem putzigen Wuschelhaar, hach …

Dabei hinkt Habecks Gleichsetzung von Heinrich Faust mit Hauke Haien an allen Ecken und Enden. Einerseits Professor Faust, der Universalgelehrte des ausgehenden Mittelalters. Anderseits Hauke Haien, gerade kein Universalgelehrter, sondern ein branchenspezifischer Fachmann der anbrechenden Moderne im 18. Jahrhundert, in der die bürgerliche Leistungsgesellschaft schrittweise heranrückt, die Feudalgesellschaft mit ihren vererblichen Ämtern aber noch nicht abgedankt hat. Ein Formalakademiker mit Hochschullehrstuhl hier, ein Autodiktat vom Dorfe dort.

Studiert Professor Faust noch Philosophie, Juristerei und Medizin und zu seinem Leidwesen auch Theologie, auf einen übergeordneten Erkenntnisgewinn hoffend, der ihm zeitlebens versagt bleiben wird, spezialisiert sich der kleine Hauke Haien von vornherein auf die Mathematik und deren praktische Anwendung im Deichbau. Die niederländische Sprache erlernt Hauke als Mittel zum Zweck, damit er die niederländische Ausgabe des Euklids in der Büchertruhe seines Vaters lesen kann. Eine darüberhinausgehende Bildung möchte Hauke Haien aus dieser Fremdsprachenkenntnis nicht ziehen, obwohl sie seinen geistigen Horizont im Ergebnis zweifelsfrei erweitert.

Schon als Knabe erkennt Hauke Haien seine Lebensaufgabe: Die Deiche seiner Gemeinde sicher zu gestalten, was er nur als Deichgraf vollenden kann. „Unsere Deiche taugen nichts“, weiß schon der kleine Hauke und handelt ein Leben lang danach, wenn auch ohne politisches Geschick. Die Nacht der großen Sturmflut wird ihm Recht geben. Zwar erkennt er seinen Fehler, den alten Deich nicht ausgebessert zu haben, und bezahlt dieses Versäumnis mit dem Leben, aber selbst auf diese bittere Weise behält Hauke Haien Recht. Im Übrigen wäre der alte Deich vermutlich auch ohne Schwachstellen gebrochen, da er, wie alle seine Vorgänger, eine Fehlkonstruktion ist und alle Fehlkonstruktionen bei solch großen Sturmfluten gebrochen waren, wovor Hauke stets gewarnt hatte. Hier irrt keiner, solange er strebt.

Und wenn es in der deutschen Literaturgeschichte eine Figur gibt, welche die Natur nicht herausfordern will, ihr gegenüber nicht in Hybris verfällt, dann heißt sie Hauke Haien. Er weiß um die zerstörerische Kraft des Meeres und will ihm nichts abtrotzen wie Faust am Ende des zweiten Teils der Tragödie. Haukes Deichbaupläne sind auf intelligente Defensive im lebenslangen Angesicht einer Übermacht angelegt. Das bereits errungene Land will Hauke Haien vor den großen Sturmfluten schützen. Faust dagegen schwadroniert von Landgewinnen gegen das Meer, um Wohnraum für viele Millionen zu schaffen, derweil er den bereits angesiedelten Alten, Philemon und Baucis, erst den Wohnraum und dann das Leben nimmt. Hauke Haien rechnet mit Sturmfluten, die alle dreißig bis fünfzig Jahre die Küsten heimsuchen. Faust rechnet in Äonen. Hybris bei Faust, Pragmatismus bei Hauke Haien.

Und ganz nebenbei: Hauke Haien sucht sich eine intellektuell ebenbürtige Frau, findet Elkes Rechenkünste und ihren klugen Verstand besonders attraktiv, heiratet als Mann eine in der dörflichen Hierarchie höhergestellte Frau. Nichts dergleichen in Fausts Beuteschema. Gretchen ist dem verjüngten Professor weder in intellektueller noch in wirtschaftlicher Hinsicht gleichrangig. Hauke Haien taugt nicht als Sympathieträger, aber als treuer Ehemann und fürsorgender Vater. Beides lässt sich über Fausts Verhalten gegenüber dem schwangeren Gretchen beim besten Willen nicht behaupten.

Und wer bitte soll Hauke Haiens Mephistopheles sein? Etwa Ole Peters?

Aber die charakterliche Zweideutigkeit ist nicht das einzige Rätsel in der schlanken Novelle.“

Schlanke Novelle, soso. In diesem vergifteten Lob übersieht Habeck anscheinend, dass sein „Hauke Haiens Tod“ zwar ermüdender, von der Wortanzahl aber allenfalls unmerklich länger als Theodor Storms „Schimmelreiter“ ist. Nur kann Theodor Storm bei vergleichbarer Wortanzahl einen gefühlt hundertsechsundneunzigmal größeren Wortschatz abdecken und begnügt sich trotzdem mit der Gattungsbezeichnung einer Novelle. Habeck kategorisiert seinen Abklatsch gleich als Roman.

Und bei ungefähr gleicher Wortanzahl beschreibt Storm einen nordfriesischen Mikrokosmos voller Schönheit, manchmal rau, manchmal schaurig, aber schön: Die Kraniche im Nebel bei Sonnenaufgang, die Atmosphäre einer Sturmnacht auf dem Hauke-Haien-Deich und im Wirtshaus, in dem der Schulmeister seine Gruselgeschichte zum Besten gibt. Das winterliche Boßeln der Bauern, der Tanzabend und die Balz der Knechte um die Mägde – einfach schön.

In Habecks Mikrokosmos erfährt der Leser stattdessen mehr über die morgendliche Erektion von Iven Johns, wie Iven Johns sich den Nacken beim Sex an der Deckenlampe verbrennt, über das metallische Glänzen von Ann Grethes Schamhaaren im Sonnenstudio, über Stinas Fruchtblase, die Elke während einer Geburt mit ihren Fingernägeln aufsticht, wie ein Arzt später Stinas Dammriss näht, über Hauke Haien und wie er den Hoden eines Ebers mit einem Besenstiel reibt und sich anschließend des Ebers Sperma von den Händen wischt…

Dabei täten charakterliche Zweideutigkeiten gerade den Stereotypen in Habecks Büchern zur Abwechslung sehr gut. Nicht jede Person, die unterschiedliche Eigenschaften in sich vereint, ist ein Rätsel. Und hat deshalb auch nicht gleich einen Januskopf. Denn bei Theodor Storm, wie es sich für einen Spitzenliteraten auf der Höhe seines Schaffens gehört, sind alle Figuren ein wenig mehrdeutig. Ole Peters mag ein neidisches Großmaul, seine Frau Vollina zu dick, der alte Tede Volkerts zu dumm, die schrullige Trina Jans immer auf den kleinen Vorteil bedacht sein – aber Theodor Storm beschreibt sie nie herablassend. Er hat einen grundsätzlich gütigen Blick auf seine Figuren, dementsprechend erzählt er mit Liebe zum Detail. Storm denunziert keine seiner Figuren, selbst die unsympathischen nicht.

In Habecks Mikrokosmos trifft der Leser nur auf dumme Dorfnasen. Eine Erzählung, aus denen sich die Charakterisierung unaufdringlich, aber schlüssig ergibt, scheut Habeck mehr als einen deutschen Nebensatz. Habeck fasst das Wesen und die Lebensgeschichte seiner Stereotypen in zwei Sätzen durch den auktorialen Erzähler zusammen, denunziert gerne und begnügt sich mit Klischees: Der fettleibige Wirt, der schlafende Dorfpolizist, der einfältiger Postbote, die verblühende Dorfschönheit, der bigotte Pfaffe, die frustrierte Hausfrau, überhaupt frustrierte Hausfrauen, die Postboten vom Briefkasten weg ins Bett zerren. Hunde namens „Rex“… Und natürlich wählen die Dorfbewohner zu 23 % die NPD.

Hauke Haiens Tochter Wienke wird schwachsinnig geboren. Warum?“

Vielleicht, weil manche Menschen in der genetischen Lotterie weniger Glück haben als andere? Weil es zu Hauke Haiens dämonischem Image in einer immer noch abergläubischen Zeit passt, wenn die kleine Wienke geistig leicht zurückbleibt? Quasi eine Strafe Gottes aus Sicht seiner missgünstigen Zeitgenossen? Weil selbst im Leben eines sozialen Aufsteigers nicht alles makellos laufen kann und Theodor Storm diesen Aufstieg gerade deshalb besonders glaubwürdig erzählt?

Und als in jener Sturmflutnacht der Deich zu brechen droht und Hauke raus auf den Deich reitet, folgen ihm seine Frau und seine Tochter – während das Dorf schon evakuiert ist. Schon dass der Deichgraf rausreitet, ist unlogisch.“

Zwei Sätze, die tief blicken lassen. Bei der Sturmflut, als die Deiche zu brechen drohen, reitet der Deichgraf zu den Deichen. Aus Sicht eines grünen Krisenmanager vor allem eins: Unlogisch. Aus grüner Sicht wäre es logisch gewesen, während der Flut beim Edelitaliener herumzulungern, dabei den Begriff „Campinplatzbetreiber“ zu gendern und dann vier Wochen in den Urlaub nach Frankreich zu fahren.

Aber selbst wenn sich alle Dorfbewohner in Sicherheit gebracht hätten: Was passiert mit den Bauernkaten? Den Feldern? Mit der eingeholten Ernte in den Speichern? Mit den Nutztieren in den Ställen? Könnte ein intakter Deich nicht noch gewaltige Sachschäden verhindern und die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen der Überlebenden erhalten? Für Habeck völlig unlogisch, als Deichgraf deswegen noch bei den Deichen zu bleiben.

Aber was wollten Tochter und Mutter da draußen? Sicher war Hauke ein besserer Schwimmer als sie.“

Ah, deswegen wird der Deichgraf angesichts brechender Deiche während einer schweren Sturmnacht nicht am Deich gebraucht! Überfluten einen die Wassermassen der vom Sturme aufgepeitschten Nordsee, kann man doch einfach schwimmen!

Nein, es muss einen anderen Grund gebegeben haben. Den deckten wir in unserem ersten Buch auf. ‚Hauke Haiens Tod‘ bestands mit dem „Schimmelreiter“ als Paten.“

Was für eine Anmaßung. Aber wer in aufopferungsvoller Krisenbekämpfung ein Rätsel sieht, muss den vermeintlich „anderen Grund“ im Rahmen seiner sprachlichen Möglichkeiten tatsächlich selbst ausloten. Und was Habeck glaubt, aufgedeckt zu haben, passt nicht zu den Vorgaben des alten Meisters, findet im Wortlaut des Originals keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Habeck muss entscheidende Szenen des Originals unterschlagen oder sich zurechtlügen, damit seine Lösung eines Rätsels, das keines ist, passt.

Erstens: Wienkes Überleben in der Sturmflutnacht. Zwar stirbt sie im Original, aber ohne ihre Rückkehr hätte der 08/15-Regionalrimi, den Habeck in den Fußstapfen Theodor Storms wähnt, keinen Aufhänger. Dennoch drängen sich Fragen auf: Warum hat Iven Johns sie in all den Jahren vergessen? Warum hat Iven Johns allgemein kaum Erinnerungen an eine so einschneidende Nacht, in der er über Stunden hinweg in Lebensgefahr schwebte? Wienke war vier Jahre alt und hatte ungefähre Erinnerungen an ihre Eltern und an das Heimatdorf. Warum hat sie gegenüber der Leitung des Hamburger Waisenhauses nie wenigstens schemenhafte Andeutungen über ihre Herkunft gemacht? Warum hat das Waisenhaus keine Nachforschungen angestellt, als ein wildfremder Mann auftauchte und ein kleines Mädchen unter dem offensichtlichen Alias „Elisabeth Schmidt“ kommentarlos abgab? Es waren immerhin die 1980er-Jahre in Westdeutschland. Und nebenbei: Gab es in den 1980er-Jahren auf westdeutschen Höfen noch Knechte?

Zweitens: Die angebliche Vaterschaft des alten Tede Volkerts. Habeck zieht sie an den Haaren oder sonst wo herbei, aus Theodor Storms „schlanker Novelle“ jedenfalls nicht. Tede Haien muss bei Habeck erst zum schwulen Zierfischzüchter mutieren, um dem alten Volkerts auch die Vaterschaft an Hauke Haien unterzuschieben. Habeck unterstellt, der alte Tede Volkerts hätte seiner Tochter Elke mit Enterbung gedroht, wenn sie Hauke heiraten sollte. Bei Theodor Storm ist Tede Volkerts insgeheim um seine geistigen Unzulänglichkeiten im Bilde und daher heilfroh, wenn der gute Hauke ihm die Rechenarbeit abnimmt. Aktiv fördert er zwar keine Eheschließung zwischen Elke und Hauke, die beiden warten auch den Tod des Alten ab, aber er droht nicht mit Strafe. Und wenn Tede Volkerts tatsächlich mit einer Heirat zwischen seinen Kindern gerechnet hätte: Warum schenkte er Elke und Hauke dann nicht noch zu Lebzeiten, wenigstens unter sechs Augen, reinen Wein ein? Wo er doch schon die schriftlichen Nachweise für die Adoption nicht vernichtete…

Drittens: Die Verschwörung der Dorfjungen gegen Hauke Haien in der Sturmflutnacht. Habeck gaukelt vor, Hauke Haien hätte den Dorfjungen die Sprengung des neuen – jawohl, des neuen! – Deichs befohlen. Die aber hätten den Befehl tückisch verweigert, damit der alte Deich bricht, während sich Hauke dort aufhielt. Erst aber mussten die Jungen auf Carstens Befehl noch heimlich den Inhalt von Nißens Flachmann austauschen, damit der arme Niß fast erblindet und die Sprengung nicht auslösen konnte. Was einem, mitten im Jahrhundertsturm an vorderster Front, halt so spontan in den Sinn kommt und dann auch ebenso spontan umsetzbar ist.

Diese Verschwörung basiert auf Annahmen, die mit Hauke Haiens Charakter, seiner Lebensgeschichte, ja der Geschichte von Storms „Schimmelreiter“ insgesamt unvereinbar sind. Zwar hält Habeck sich für einen ganz Schlauen, der bei Theodor Storm gelesen hat, dass der Erzähler der äußeren Rahmenhandlung sein Wissen aus „Pappes Hamburger Lesefrüchten“ schöpft, woraufhin Habeck am Reißbrett Schulmeister Pappe entwickelt. Und Schulmeister Pappe ist in Habecks Roman bekanntlich ein großer Lügner. Umgekehrt gibt es im Original hinsichtlich der guten „Hamburger Lesefrüchtchen“ keine Hinweise für deren zweifelhaften Wahrheitsgehalt, zumal der Schulmeister aus der inneren Rahmenhandlung der „Hamburger Lesefrüchtchen“ selbst mehrmals zugibt, nur eine von mehreren Versionen zu erzählen. Aber Habeck braucht einfach eine Strohpuppe, auf die er mit dem Finger bei allen Ungereimtheiten seiner eigenen Erzählkunst zeigen kann. Oder er will die guten „Hamburger Lesefrüchten“ von der guten Frau Senator Feddersen unbedingt mit zu sich in den Schmutz ziehen. Im Übrigen wären da ja noch die guten „Leipziger“, aus denen der Erzähler der äußeren Rahmenhandlung sein Wissen ebenfalls geschöpft haben könnte.

Und die daraus gewonnene Grundstruktur des gesamten „Schimmelreiters“ steht, Variationen hin oder her, quer zu dem, was Habeck für seine geniale Entdeckung hält: Hauke Haien will den neuen Deich, seinen Deich, während der Sturmflut also sprengen? Lächerlich! Der neue Deich entspricht Haukes Haiens Plänen, die er seit Kindheitstagen geschmiedet, auf deren Verwirklichung er ein Leben lang hingearbeitet hat. Stolz erklärt Hauke Haien seiner kleinen Tochter, sie müsse sich vor der rauen Nordsee nicht fürchten, dafür habe Papa eigens den neuen Deich bauen lassen, um die kleine Wienke und ihre Mama zu beschützen. Und eben jenen Deich soll Hauke Haien, im Augenblick der großen Bewährungsprobe, nun doch von Knall auf Fall sprengen lassen, nur um den ollen Deich zu retten, über dem Hauke Haien schon als Kind wusste, dass er eine Fehlkonstruktion ist?

Bei Theodor Storm, dem stringenteren Psychologen, ist es aus den genannten Gründen Ole Peters, der die Öffnung des neuen Deiches anordnet, was Hauke Haien ausdrücklich unterbindet und zur Weißglut treibt!

So wie Habeck jeden zur Weißglut treibt, der Theodor Storms Werk respektiert.

Fazit:

Ungenießbarer Aldi-Nord-Abklatsch dessen, was Theodor Storm seiner Heimat schenkte.

2 Comments

  1. Und die ARD hat den ganzen Schmonzes-Kitsch auch noch verfilmt. Wird wohl nächstes Jahr im Free-TV laufen, von April bis Juni 2022 liefen die Dreharbeiten (wieso hat sie niemand Besonnenes verhindert?) – und wir alle dürfen “schwer gespannt” sein auf dieses Machwerk, das schon in der quälend zu lesenden Plot-Zusammenfassung im Artikel, an die schwülstigsten Herzschmerz-Filmverbrechen der “Rosamunde Pilcher”-Reihe gemahnt. Weit ist es gekommen…

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