Theaterkritik: 1918 – Revolution in Kiel (Robert Habeck)

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Unser geschätzter Autor U. B. Kant hat einige Bücher von Robert Habeck zusammengeklaut, um sich ein eigenes Bild von dessen schriftstellerischen Künsten zu verschaffen. Ausgangspunkt dieses Vorhabens war die Frage, weshalb sich die etablierten Medien – immerhin offene Unterstützer des schöngeistigen Wirtschaftsministers – mit Rezensionen zu dessem Œuvres bisher zurückgehalten haben. Nun, Kant stieß schnell auf die Antwort…

„1918- Revolution in Kiel“ ist ein Drama in 27 kurzen Szenen von Robert Habeck und Andrea Paluch. Die Uraufführung fand im Dezember 2008 in Kiel statt. Gegenstand ist der Kieler Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkrieges.

Handlung (Vorsicht, Spoiler!):

1. Szene

Wohnung des Kieler Gewerkschaftsfunktionärs Thomas Hinrichsen. Nach vierjähriger Hungersperre möchte seine neunzehnjährige Tochter Luise am liebsten englischen Foxtrott tanzen. Der junge Matrose Fritz betritt die väterliche Wohnung. Er berichtet von Schiffsverlagerungen nach Kiel und zunehmenden Demonstrationen. Nachdem Fritz die Wohnung verlassen hat, sperrt Vater Hinrichsen die Tochter von außen in der kleinen Wohnung ein. Mithilfe des Bajonetts an der Wand sprengt Luise die verschlossene Tür auf und verlässt die Wohnung, das Bajonett in der Jackentasche.

2. Szene

Die Freunde Fritz, Karl und Dirk drucken Plakate. Die Stimmung schwankt zwischen Bürgerkrieg und Revolution. Ein Gerücht geht um: Berlin schicke Gustav Noske nach Kiel…

3. Szene

Prinz Heinrich, Bruder des Kaisers und Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte, diskutiert die brenzlige Lage mit den Stadtkommandanten und dem Chef des III. Geschwaders. Ratlosigkeit macht sich breit.

4. Szene

Noske ist gekommen. Er bringt einen liberalen Staatssekretär der neuen Reichsregierung Max von Badens mit. Luise, Fritz und Karl erläutern Noske die Lage. Das gesamte III. Geschwader befinde sich im Aufruhr, die USPD rufe zum Generalstreik auf. Noske beklagt fehlende Kontrolle.

5. Szene

Fritz und Karl pinkeln gemeinsam. Fritz ist mit Noske unzufrieden. Und er besitzt Luises Bajonett…

6. Szene

Runder Tisch zwischen alten und neuen Mächten. Der liberale Staatssekretär ist überfordert. Noske versucht zwischen Arbeiterführern, Stadtkommandanten, Militär und Reichsregierung zu vermitteln. Fritz stellt radikale Forderungen und geht ab. Auch Luise fordert die Abdankung des Kaisers. Der neuen Bewegung fehlt erkennbar ein Anführer.

7. Szene

Luise hat Noske beeindruckt. Noske lobt sie gegenüber Vater Hinrichsen. Der ermutigt Noske, die Führung der Arbeiterbewegung zu übernehmen. Doch Noske will abwarten.

8. Szene

Fritz will einen Soldatenrat und keine Vollversammlung. Vater Hinrichsen erklärt sich bereit, den Vorsitz eines Soldatenrates zu übernehmen.

9. Szene

Vater Hinrichsen kandiert für den Vorsitz des Soldatenrates und stößt auf Ablehnung. Zu moderat. Mit einer radikalen Rede kann Fritz die Masse von sich überzeugen. Sie wählen Fritz zum Anführer des Soldatenrates.

10. Szene

Der liberale Staatssekretär plant trotz des Generalstreiks die Stadt verlassen. Noske will ihn begleiten.

11. Szene

Als Anführer des Soldatenrates nimmt Fritz die ersten Genossen wegen angeblichen Hochverrats und Konterrevolution fest. Und er hat noch immer Luises Bajonett…

12. Szene

Luise hält Noske davon ab, Kiel zu verlassen. Noske will die Revolution nicht. Revolution sei eine Sache der Jugend. Luise erwidert keck, so alt sei der Herr Noske doch noch gar nicht. Noske gerät ins Grübeln. Und ins Schwärmen…

13. Szene

Fritz hat meuternde Matrosen aus der Gefangenschaft befreit. Und er will mehr…

14. Szene

Luise rennt zu Noske. Die Revolutionäre haben einen Stadtkommandanten und Kapitän zur See getötet. Noske erwacht aus seiner Lethargie. Er schließt sich Luise an. Aber nur, wenn Luise aufhöre, ihn zu Siezen…

15. Szene

Kiel ist von der Außenwelt abgeschnitten. Fritz wütet weiter und will den Stadtgouverneur töten. Noske drängt Fritz zum Gewaltverzicht. Er gaukelt vor, der neu gegründete Arbeiterrat habe Vater Hinrichsen zum Vorsitzenden gewählt. Umgekehrt erkenne Noske Fritzens Wahl zum Vorsitzenden des Soldatenrates nicht an. Nun hat Noske buchstäblich das Bajonett in der Hand…

16. Szene

Fritz und Luise in Unterwäsche am gemeinsamen Bett. Fritz zeigt Anzeichen von Neid auf Luises Verhältnis zu Noske. Luise tadelt Fritzens Gewalt. Fritz schlägt Luise mit der Faust ins Gesicht.

17. Szene

Fritz und Noske diskutieren über Generationenkonflikte, Ideale, Demokratie, die Kunst des Kompromisses und die nach vier Kriegsjahren verfahrene Lage im Allgemeinen. Und natürlich über Luise…

18. Szene

Noske ist um die Sicherheit von Prinz Heinrich besorgt. Und um Luises Veilchen…

19. Szene

Karl fordert Luise auf, Farbe zu bekennen. Sie müsse Noske vergessen. Luise sieht sich gefangen in einer Welt von und für Männer…

20. Szene

Prinz Heinrich degeneriert im Stadtschloss vor sich hin. Luise verschafft sich Zutritt zum Bruder des Kaisers. Für Noske, ab jetzt Gustav, ermutigt sie den Prinzen, Kiel zu verlassen. Der Prinz ist hingerissen von Luise. Ob das Mademoiselle ihn im Automobil auf sein Gut in Eckenförde begleiten möchte?

21. Szene

Rededuell zwischen Fritz und Noske. Mit einem Aufruf zur Mäßigung entscheidet Noske die Wahl für sich. Gönnerhaft schlägt Noske Fritz als seinen Stellvertreter vor. Ansonsten ist das Tischtuch zerschnitten.

22. Szene

Die Basis überhäuft Noske mit radikalen Forderungen. Noske zögert und spielt auf Zeit. Da bringen Matrosen Prinz Heinrich als Geisel. Noske will kein Lösegeld aus ihm herauspressen und zollt dem Prinzen Respekt. Das Bajonett gibt Noske an Vater Hinrichsen zurück.

23. Szene

Luise bringt den liberalen Staatssekretär zum Bahnhof. Fritz stößt dazu. Er bittet Luise um Vergebung. Für den Mord am Stadtkommandanten? Oder den Schlag ins Gesicht?

24. Szene

Noske ist müde. Aber es herrscht wieder Ordnung in Kiel. Die Züge fahren wieder. Und er liebäugelt mit dem Gouverneursamt. Menschen wollten straffe Führung. Dabei hatte er das Amt schon Vater Hinrichsen versprochen. Fritz gesteht Noske, dass er Luise geschlagen hat. Dann rennt er vor Noske weg…

25. Szene

Noske und Luise sitzen auf der Bank. Sie sprechen über die Beziehungsprobleme von Luise mit Fritz. Aber in Berlin gäbe es die schärfsten Tanzschuppen. Ob Luise ihn nach Berlin begleiten wolle? Aber Luise will bei Fritz bleiben.

26. Szene

In der Wohnung von Vater Hinrichsen hängt das Bajonett wieder an seinem angestammten Platze. Ruhe und Ordnung sind eingekehrt. Luise ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Vater Hinrichsen schlägt zu Aufmunterung vor, englischen Foxtrott zu tanzen. Doch Luise eist sich los und sucht Fritz auf.

27. Szene

Fritz denkt an Selbstmord. Luise erscheint und fordert ihn zum Tanz auf.

Stil:

In seinem Reaktionsvideo zur Propagandaserie „Aufgestaut!“ wird KRAUTZONE-Chefredakteur Florian Müller grundsätzlich: Deutsche könnten einfach keine Dialoge schreiben! Deutsche schrieben sogar die „beschissensten Dialoge der Welt“ (Florian Müller, 11.10.2023). Daran gemessen mag Habeck das Gefühl der Vaterlandsliebe weiterhin zum Kotzen finden: In seiner Dialogführung könnte er doch einiges mit Deutschland anfangen.

Der liberale Staatssekretär ist nicht die hellste Kerze auf der Torte. Noske ist der politisch begabtere Taktiker. Wie stellen wir das da? Zu meiner Zeit im Schultheater hätten wir diese Aufgabe vermutlich ähnlich subtil gelöst:

Staatssekretär: Was denkt der sich? Bin ich der Kaiser? Sollen wir hier die Republik ausrufen? Als Staatssekretär der neuen Regierung und des Prinzen Max von Baden habe ich dazu weder Befugnis noch Befähigung.

Noske: Ermächtigung.

Staatssekretär: Bitte?

Noske: Befugnis und Ermächtigung – nicht Befähigung. Befähigung ist etwas anderes.

Staatssekretär: Ah. Verstehe. Genau.

(6. Szene)

Und wie charakterisiert der ewige Laberfach-Gymnasiast einen Prinzen, der sich gern auf seine Ahnen beruft, vor denen er erkennbar versagt hat?

Luise: (…) Gustav Noske schickt mich.

Heinrich: Ich hatte mal einen Hund, der hieß Boske.

Luise: Noske, nicht Boske. Er gehört zur Regierung. Er kennt alle, Scheidemann und Ebert und Prinz Max von Baden. Er ist – er macht hier alles. Revolution und jetzt macht er Frieden.

Heinrich: … musste ihn erschießen. Ein Eber hat ihn verletzt. In Hubertusstock. Guter Hund, Boske.

Luise: Noske bitte Sie, die Stadt zu verlassen. Er kann für Ihre Sicherheit nicht garantieren. Hören Sie, Majestät, was ich sage?

Heinrich: Ja, Mademoiselle, ich höre Sie. Aber ist es nicht komisch? Ich hatte mal einen Bluthund, der hieß Boske und der wurde von einem Eber zur Strecke gebracht. Und jetzt ist hier ein Noske, der einen Ebert kennt.“

(20. Szene)

Foreshadowing vom Feinsten. Oder noch heikler: Das Gespräch unter Liebenden „danach“:

„Luise: Normalerweise fahren um diese Zeit schon die Straßenbahnen. Heute ist es mucksmäuschenstill. Das hast Du gemacht. Weißt Du, ohne Fahrkarte zu fahren, das fand ich schon immer mutig. Wenn ich mich das mal traue, dann habe ich immer total schwitzige Hände. Aber gleich alle Straßenbahnen im Vorschlag stehen zu lassen, das ist mal was anderes. In drei Stunden wird es hell. Ob sie Truppen schicken? Man hört so was. Dragoner aus Altona. Und dass die Offiziere sich in Molfsee sammeln und zurückschlagen. Fritz?

Fritz: Ich habe noch nie vorher einen Menschen getötet.

Luise: Du hast doch gesagt, in Flandern …

Fritz Ich hab geschossen. Wie alle. Blind in die Nacht von Graben zu Graben. Und vielleicht hab ich aus Versehen einen erschossen. Aber von so dicht – ich wusste nicht, wie fest so ein Körper ist. Und das Blut war ganz warm. Hatte er Kinder? (…) Wenn das vorbei ist, gehen wir noch tanzen?“

Luise: Immer, Fritz.

Fritz: Was hast Du gemeint, als Du sagtest, Noske ist deinetwegen hiergeblieben?

Luise: Mein Vater ist so alt wie er. Beide sind Sozialdemokraten. Ich weiß, wie man mit ihnen reden muss.

Fritz: Dein Vater liebt Dich.

Luise: (lacht) Ja, das tut er.

Fritz: Liebt Noske Dich auch?

(16. Szene)

Womit wir bei einem weiteren Problem dieser Tragödie kommen: Warum muss Gustav Noske sich plötzlich als Antagonisten in einer Teenie-Romanze wiederfinden?

Niemand muss die SPD mögen, aber jeder sollte dem historischen Gustav Noske zugestehen, dass er als junger Mann nicht Sozialdemokrat wurde, um Jahrzehnte später das Feuer auf hungrige Arbeiter zu eröffnen. Er regierte mit harter Hand in harten Zeiten. Nie werden wir die enorme Dunkelziffer an Deutschen bestimmen können, denen Noske mit seinem gewaltsamen Kampf gegen den Bolschewismus das Leben rettete.

Und was holt Habeck aus dieser mehrdeutigen Figur heraus?

Fritz: Warum bist Du geblieben? Ich denke, Du wolltest nach Berlin.“

Noske: Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht genau.

Fritz: Wegen Luise?

Noske: Vielleicht. Auf eine Art.

Fritz: Auf eine Art?

Noske: Oh nein, nicht, was Du meinst. Vielleicht wollte ich ausprobieren, wie es ist, wenn ich wieder handle. Handle wie Du. Nicht mehr wegreise oder unverbindliche Reden halte.

Fritz: Du redest Dir alles zu Recht, wie es Dir passt. Aber eines kannst Du mir nicht erklären, Du mit Deinem Relativismus (…).

(17. Szene)

Der Wortschatz eines Matrosen vor 100 Jahren. Die 17. Szene soll wohl so etwas wie der dritte Akt im klassischen Drama sein:

Noske: Weil den Menschen Recht egal ist. Es geht ihnen nur darum, satt zu werden, es warm zu haben, in Ruhe gelassen zu werden. Sie wollen geregelte Verhältnisse, nicht Recht. Dafür steht die Sozialdemokratie. Der Kampf ist nicht für das Volk. Das Volk ist eine träge, dumme und letztlich gefährliche Masse. Der Kampf ist, gegen das Volk das Beste für das Volk durchzusetzen.

Fritz: Das ist vielleicht Dein Kampf. Meiner ist das nicht. So will ich nicht leben.

Noske: Es ist die einzige Möglichkeit zu leben. Reinheit ist ein Ideal. Aber keines von dieser Welt. Hundertprozentige Reinheit gibt es nicht. Deshalb musst Du die Welt bekämpfen. Solche Ideale führen immer in den Krieg und ins Verderben. Einzig die Gewalt braucht zu ihrer Rechtfertigung eine absolute Wahrheit oder eine totale Konsequenz. Aber 100 Prozent Freiheit ist asozial und 100 Prozent Einsatz lebensfeindlich.

Fritz: Freiheit ist asozial…

Noske: So ist es.“

(17. Szene)

Was will uns der Autor damit sagen? In einem Interview gegenüber dem “Deutschlandfunk Kultur” vom 30.11.2018 verrät Habeck es:

„Also, wenn man ganz genau hinhört oder ich mich genau erinnere, dann gibt es Halbsätze, die anspielen auf Redesituationen, die ich selber erlebt habe. Also manchmal redet Noske wie auf einem Grünenparteitag (…).“

Aber nur manchmal. Und nur, wenn man ganz genau hinhört.

Fazit:

Plädoyer für die Rückkehr zur Ständeklausel. Dir Tragödie gehört Kaisern, Königen und Fürsten!