Damals war es zwar schöner, aber man starb an Husten

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Bilder und Videos von alten Stadtpanoramen, dampfenden Lokomotiven oder idyllischen Landgütern sind aus der Memesphäre nicht wegzudenken. In den sozialen Netzwerken kursieren sie zu Abertausenden und werden millionenfach geteilt und kommentiert. In den reaktionären Ecken des Globohomogiganten YouTube existiert eine regelrechte Subkultur, deren Lebensaufgabe darin zu bestehen scheint, das Lied „Little Dark Age“ der Gruppe MGMT mit diversen Bildkompositionen zu unterlegen. Warum auch nicht?

Kreationen dieser Art reichen von der Verherrlichung Kaiser Napoleons bis hin zur Nostalgiebekundung für Kamikazepiloten. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, möchte man meinen, und selbstredend müssen wir nicht alles davon todernst nehmen. Das Spektrum dieser nostalgischen Endorphinkicks erstreckt sich von „traurig-schön“ über „ideologisch fragwürdig“ bis hin zu „cringe“ (gemessen am Maßstab Sabaton).

All diesen Memes liegt aber der eine essenziell reaktionäre Gedanke zugrunde: Uns ist etwas verloren gegangen. Wahrscheinlich unwiederbringlich, und doch schwingt bei dem sehnsuchtsvollen Blick zurück die leise Hoffnung mit, dass es irgendwann wieder so wird wie damals. Man findet hier die Gewissheit, die über Jahrtausende im Denken der Völker fest verwurzelt war, nämlich: Die Vergangenheit lebt in uns fort, wir messen uns an ihr, wir lernen von ihr, wir tragen sie mit in die Zukunft. Ihren kulturellen Ausdruck fand die metaphorische Weitergabe des Feuers etwa in der Abfolge europäischer Baustile, die bis zur geistigen Zerrüttung infolge des Ersten Weltkriegs mehr Kontinuität als Bruch war.

Ein Bekannter meinte mal sehr treffend, dass man beim Anblick gotischer Kathedralen den Eindruck gewinnen könnte, dass Außerirdische am Werk waren. Als Liebhaber der Gotik bin ich versucht, ihm da recht zu geben, und doch übergeht dieses Urteil die vielen stilistischen Abstufungen, die eine Kluft zwischen der Romanik und der Gotik und wiederum zwischen der Gotik und der Renaissance kaschieren. Vor allem aber stört das Nebeneinander dieser Baustile, zwischen deren Beginn und Ende gute 600 Jahre (!) liegen, den Betrachter nicht im Geringsten. Dieser Eindruck setzt sich auch beim Anblick von alten Profanbauten fort. Im Städtchen Alsfeld zum Beispiel reihen sich Häuser aus dem 14. Jahrhundert an Barockbauten, und das alles bietet ein unglaublich schönes und harmonisches Gesamtbild.



Dass das heute nicht mehr so ist, dass sich die geistige Zerrüttung der Nachkriegsmoderne auch in ihren Bauten widerspiegelt, sieht man in praktisch jeder deutschen Stadt. Wie gesagt, diesen Bruch zwischen dem Gestern und dem Heute habe ich jetzt mal ganz allein an der Architektur festgemacht. Aber daran hängt wiederum so viel mehr, kein soziokulturelles Phänomen lässt sich isoliert betrachten. Mir wurde das einmal mehr deutlich, als ich in die Kommentarspalte unter einem unserer Twitter-Beiträge schaute…

Ja, dieses Land, unser Land, war wirklich schön. War. Anstelle der prächtigen Fassaden und Straßenzüge erstrecken sich heute Waschbetonwände mit Kunststoffapplikationen. Anstelle liebevoll hergerichteter Schaufenster blickt man heute in die multikulturelle Tristesse aus Dönerläden, Asiaimbissen und Burgerketten. Garniert wird das Ganze von Tipico-Geldwaschanlagen, Nagelstudios und Ramschwarenläden.

Unser nostalgischer Twitter-Beitrag hat eine (nach unseren Maßstäben) ordentliche Reichweite generiert. Und obwohl er sich allein auf das ästhetische Erscheinungsbild unserer untergegangenen Städte und ihrer Bewohner bezog, belehrten uns in der Kommentarspalte zahlreiche Plastikmenschen darüber, dass es ja früher viel, viel schlechter war. Eben das Übliche: Frauen wurden unterdrückt. Uneheliche Schwangerschaften waren das Ende der sozialen Existenz. Lehrer schlugen ihre Schüler. Eltern schlugen ihre Kinder. Es herrschte Wehrpflicht. Man wohnte mit 300 Leuten auf 20 Quadratmetern. Man starb jung. Man starb an Husten. Syphilis war nicht heilbar. 40 Prozent der Menschen litten Hunger.

Ja, wirklich, lieber Leser, werfen Sie ruhig einen Blick in die Kommentarspalte – mit der faktenbasierten Gewissheit der Soyence im Rücken haben uns Normies all das und noch viel mehr glasklar vor Augen geführt, und doch, selbst wenn das alles zu 100 Prozent stimmen würde, kommt man doch nicht umhin zu entgegnen: Na und?

Im heutigen Deutschland wird nicht gehungert, stattdessen leidet rund die Hälfte der Deutschen an Übergewicht. Fettgefressene Menschen, die sich auf ihre Einkaufswagen stützen, während sie nach gezuckerten Getränken greifen. Ein alltäglicher Anblick in unseren Supermärkten. Konterkariert wird dieser widerwärtige Umgang mit dem eigenen Körper von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 80 Jahren, was in den meisten Fällen bedeutet: Medikamente, Drähte, Schläuche, Reinigung durch anonymes Pflegepersonal, einsames Dahinvegetieren in irgendeinem Heim, kurzum: eine Cyborg-Existenz, die nur durch die horrenden Krankenkassenbeiträge des Kollektivs sichergestellt werden kann. Ganz toll! Mehr Lebensjahre also, um aus dem Fenster des Altenheims auf die Fassade von Galeria Kaufhof zu starren.

Aber machen wir weiter: Etwa 100.000 Kindstötungen, paraphrasiert als „Schwangerschaftsabbrüche“, werden in Deutschland jedes Jahr durchgeführt. 100.000 Leben jedes Jahr, denen man nie eine Chance gibt. Wer will, der rechne das gegen die Kindersterblichkeit um 1900 auf. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Wert des Lebens in unserer Gesellschaft nur noch an seiner sterilen Dauer gemessen wird.

Gewalt in den Elternhäusern, Gewalt in den Schulen: Als würde es das heute nicht mehr geben. Wo der Lehrer nicht mehr zulangt, tun es eben die Mitschüler. Medienwirksame Vorfälle in der letzten Zeit haben ja mal wieder eindrucksvoll gezeigt, in was für einer verrohten Gesellschaft unsere Jüngsten groß werden. Überhaupt Schule und Bildung: Auf diesem Feld die BRD ernsthaft gegen das Kaiserreich in Stellung zu bringen, ist wie eine Kriegserklärung Liechtensteins an die USA. Jeder dritte Neuntklässler scheitert im heutigen Deutschland an den Mindeststandards (!) der Landessprache. Von zehn Schülern, die also an der Schwelle zum Erwerbsleben stehen, sind drei praktizierende Analphabeten. So viel ist klar, beim Kaiser hätte es das nicht gegeben, 1912 galt in reichsdeutschen Gefilden der Analphabetismus als beseitigt. Damit nahm das Reich übrigens eine weitere weltweite Spitzenposition ein. Von Nobelpreisen will ich an der Stelle gar nicht erst anfangen.

Überhaupt erschöpft sich meine heutige Kolumne in der Entkräftung irgendwelcher Normiekommentare, und das lenkt vom Wesentlichen ab: Filme, wie der von uns geteilte auf Twitter, oder eben der direkte Blick auf die architektonischen Relikte unserer Vergangenheit zeigen, wozu unser Volk, ja der ganze europäische Kontinent mal in der Lage gewesen ist. Genau das niemals aus den Augen zu verlieren, ist wichtig. Nichts entzieht der Moderne so sehr ihren Anspruch auf Allgemeingültigkeit wie der Blick zurück.