Komm wir geh’n zusammen den Bach runter

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Als ich diese Liedzeile das erste Mal hörte, dachte ich nicht daran, dass sie für mich zum Sinnbild für ein deutsches Zukunftsszenario werden würde. Jeden Tag mehr fühle ich mich wie Carlotta, die Protagonistin des dystopischen Romans „2054“ von Wulf Bennert. Der Autor beschreibt den Alltag einer jungen Lehrerin in einer heruntergekommenen Ökodiktatur, die auf immer mehr Ebenen die Kontrolle über die Bevölkerung einnimmt.

Eine selbsternannte „Demokratie“, die ihre eigenen vielfältigen und „schwachen“ Prämissen zum radikalen Ende führt. Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich mit Genügsamkeit arrangieren müssen, während die Führungselite sich selbst im Überfluss suhlt.

Willkommen in der Zukunft

Carlotta lebt in der Zeit meiner voraussichtlichen Zukunft. In dieser sieht sie sich mit einem System konfrontiert, das in allen Bereichen eine Ode an die Ideologie des Verzichts singt, gesüßt mit einer perfiden Doppelmoral und der absoluten Glorifizierung von Vielfaltskriterien als obersten Wertmaßstab. Besonders wird dies deutlich, als sich Carlotta für ein mathematisch begabtes Mädchen einsetzt, das eigentlich an eine höhere Bildungseinrichtung wechseln sollte. Jedoch sind die Plätze begrenzt und Carlottas Bemühungen gipfeln in Drohungen und Anschuldigungen. Leistungen zählen in diesem System genau – nichts!

Ich bin ehrlich, dieses Buch hat hervorragend einige meiner ärgsten Befürchtungen zur Entwicklung meines Berufsfeldes zusammengefasst. Manche fortgeschrittenen Ausprägungen hin zu dieser Dystopie erlebe ich schon jetzt. Derzeit beobachte ich ein Bildungssystem, das Verantwortungslosigkeit im großen Stil hofiert, das Leistung viel zu wenig honoriert und das am liebsten auf einen radikalen Egalitarismus zusteuern würde.

Ideologische Prämissen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Die Kinder wachsen mit der Haltung auf, dass Strenge und Disziplin einen abzulehnenden autoritären Charakter haben. Doch gleichzeitig wird eine unterschwellige autoritäre und ideologische Konformität kultiviert, aus der heraus der staatliche Einfluss auf die Kinder immer weiter anwächst während die Prägung durch die Familie fortschreitend erodiert wird. Das edukative Niveau sinkt in den Keller und „Entertainer“ wird zunehmend die treffendere Bezeichnung für mein Tätigkeitsfeld.

Die Vollversager aus dem Westen

Dieses Konglomerat, das sich über die Jahre zusammengebraut hat, halte ich für äußert gefährlich. Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist: Wie (lange) kann sich eine Gesellschaft auf dieser Grundlage den sie herausfordernden Aufgaben stellen? Gerade wenn sie die Grundlagen u.a. durch Leistungsfeindlichkeit und Förderung von Abwärtstendenzen selbst vernichtet? Wenn Kinder unsere Zukunft sind, wie soll diese aussehen, wenn wir den Nachwuchs unter diesen Prämissen und auf diesem Niveau ausbilden?

In unserer (technologisch) immer komplexer werdenden Welt, in der wir uns stets neuen Herausforderungen stellen müssten, sind diese Fragen bedenklich. Sie werden es umso mehr, wenn man sich die Position des eigenen Landes im internationalen Vergleich angesichts von Energiewende, Inklusion und Integration verdeutlicht.

Ein Blick in die Welt der Zahlen zeigt hier ein aufrüttelndes Bild. Wie Gunnar Heinsohn in seinem Buch „Wettkampf um die Klugen“ darstellt, können 30-50% der Kinder in Ostasien der höchsten mathematischen Leistungsgruppe „advanced“ zugerechnet werden.* In den kulturell europäischen Gebieten schaffen dies nur 2-20%. Deutschland müsste seine kognitiven Kompetenzen auf diesem Niveau versechsfachen, um mit Ostasien mithalten zu können.**

Im asiatischen Osten ist man in der Lage, das innovatorische Nachwuchspotential weitgehend aus den eigenen Reihen zu beziehen. Schon jetzt ist die Diskrepanz Deutschlands zu den Leistungsspitzen in Ostasien enorm. Doch es wird immer offensichtlicher, dass man sich an der Leistungsfähigkeit der Schüler Ostasiens orientieren muss, wenn man noch im internationalen Vergleich bestehen will.

Kein Problem, wir holen die Ausländer

Somit sieht sich der deutsche Staat mit der Frage konfrontiert, ob er es schafft, seine eigenen Schüler ausreichend zu qualifizieren, ob er die benötigten Fachkräfte aus dem Ausland anwirbt oder, wenn beides fehlschlägt, den Weg des eigenen technischen und kulturellen Niedergangs akzeptiert. Deutschland scheint zunächst auf das Ausland zu hoffen. Als Praktikanten des Goethe- Instituts sollen Lehramtsstudenten während des Aufenthalts in Ländern wie Indien, China, Russland und Mexiko im Rahmen von Projekten „Interesse am Leben in Deutschland wecken“!*** Damit ist eigentlich alles gesagt!

Der eigene Nachwuchs wird fortwährend nicht die gewünschten Ergebnisse erbringen, so vermag ich zu orakeln. Im Jahr 2012 erzielten ca. 30% der fünfzehnjährigen deutschen und 50% der Kinder mit Migrationshintergrund eine mangelhafte oder schlechtere Leistung bei Vergleichsstudien im Fach Mathematik. Wir sprechen somit von einer Durchfallquote von ungefähr 40% eines Jahrgangs.****

Hinzu kommt, dass gerade diejenigen Kinder mit Talenten und Begabungen, die in anderen Ländern die Basis für Innovation und Forschung bilden, durch Methoden wie offener Unterricht, Bespaßungsmentalität und den um sich greifenden Egalitarismus durch das Raster fallen. Die Feststellungen von Forschungsprojekten zur Inklusion zeigen, wenn man nur lange genug nach den Daten sucht, dass besonders die Förderung leistungsstarker Schüler darunter leidet.***** Das sind die Schattenseiten der Egalitarismusbestrebungen, die sich dann um so deutlicher in der internationalen Konkurrenzsituation zeigen.

Konzentriertes 1968

Wir stehen an einem Scheideweg und die Bildungspolitik der nächsten Jahre wird hier eine bedeutende Rolle spielen. Die Weggabelung überlässt uns die Entscheidung zwischen einem Land, das sich entweder auf seine Tradition als Bildungsnation zurückbesinnt oder sich auf den Weg des Niedergangs begibt. Und wir werden uns in dieser Welt des Verzichts wiederfinden, in der Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit immer stärker glorifiziert werden müssen, wenn sich die Entwicklungen so fortsetzen.

Die derzeitige Bildungslandschaft führt ihre schwächenden Prämissen zu einem radikalen Ende. Ein Land demonstriert leider glorreich, auf welchen Weg man sich begibt, wenn es an allen Stellen an Fähigkeiten, Charakterstärke, Führungsmut und Verantwortungsbereitschaft mangelt.

Das Bildungssystem bräuchte vor allem ein charakterliches Umdenken bezüglich der Konnotationen von Begriffen wie Autorität, Disziplin, Konsequenz und Führung. Die Tatsache, dass „Strenge stärken und zu viel Fürsorge schwächen kann“, muss dringend eine Renaissance im Bildungssystem erfahren.****** Mir schwebt ein ganzheitliches und leistungsorientiertes Verständnis vor, das sich nicht von den ideologischen Marotten der Moderne beirren lässt. Ein System, das die Kinder und Jugendlichen ihren Fähigkeiten und ihrer Intelligenz entsprechend unterrichtet. Wir müssen uns unbedingt die Frage stellen, welchen Stellenwert Leistung in unserer Gesellschaft einnehmen soll und wie diese angemessen honoriert werden kann.

China ist nicht Vorbild sondern Konkurrent

Es geht nicht darum, nach China zu blicken und die dortigen Methoden einfach zu kopieren. Nicht nur halte ich dieses unreflektierte Kopieren für kontraproduktiv, sondern es verfehlt auch die Möglichkeit, eine eigene (kulturzentristische) Bildungsphilosophie zu formulieren. Doch sollte uns der Blick gen Osten einiges an Respekt abringen. In Deutschland sind wir froh und munter dabei, mit unserem Bildungssystem mit vollen Segeln in die entgegengesetzte Richtung zu schippern.

Die Antworten auf die (technologischen) Herausforderungen der Zukunft können nicht das schwache Abfinden mit dem Verfall und dessen Zelebrierung sein, um damit die eigene Unfähigkeit schönzureden und zu verschleiern. Ist es wirklich immer gute Moral, die unsere Weltverbesserer an den Tag legen oder machen sie es sich damit nicht einfach? Der Weg nach unten ist leicht…

Vielmehr bräuchten wir einen unbedingten Veränderungswillen zusammen mit Forschergeist und Mut zur Innovation. Doch mit unseren derzeitigen Mitteln und Führungseliten reicht es nur zum Verbieten von Feuerwerkskörpern im Namen des „Umweltschutzes“.

Wir steuern in meinen Augen auf Zustände in unserem Land zu, in denen Bildung, Wissenschaft und Innovation im Namen angeblich höherer Ziele, eigener Unfähigkeit und Schwäche zusammen den Bach runtergehen. Ob das Steuer noch rumzureißen ist, bevor wir uns 2054 in der von Wulf Bennert beschriebenen Welt wiederfinden, mag ich nicht zu prophezeien. Doch ich werde jeden Tag etwas dafür tun, dass ich nicht in die Fußstapfen von Carlotta treten muss.

Denn eins ist mittlerweile für mich gewiss: Auch ein Land im Niedergang ist ein Ort, an dem Schätze schlummern, die es lohnt, zu unterstützen und zu hegen. Ich wünsche jedem Leser, dass er einen solchen unterstützenswerten Schatz findet, für den es sich lohnt, einen Großteil seiner Arbeitskraft dort zu investieren! Auf dass wir dem Abwärtszeitgeist die Stirn bieten!

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*Heinsohn, Gunnar: Wettkampf um die Klugen. Kompetenzen, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen. Zürich 2020, S. 7

**ebenda S.7

***https://www.goethe.de/de/m/spr/unt/for/sch/bew.html Punkt: Interkulturelles Projekt

****Heinsohn, Gunnar: Wettkampf um die Klugen. Kompetenzen, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen. Zürich 2020, S. 100

*****https://www.rim.uni-rostock.de/storages/uni-rostock/Alle_PHF/RIM/Downloads/RIM-Evaluationsbericht-MZP5_Internet.pdf – S. 131 (86% der GS-Lehrkräfte sind der Ansicht, dass begabte Kinder nicht ausreichend gefördert werden können.)

******Bueb, Bernhard: Lob der Disziplin, S. 31

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