Der deutsche Stolz auf den amerikanischen Kulturimperialismus

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Bis vor ein paar Jahren war man in Deutschland nur stolz auf individuelle Leistungen und bei der Fußball-WM. Und schon damals musste man sich rechtfertigen, wenn man die Deutschlandflagge zu energisch schwang. Flaggen insgesamt wurden nun mal als Überbleibsel einer Zeit gewertet, in der man zu stolz auf sein Land war, weshalb zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen wurden (die genaue Kausalität muss da noch geklärt werden).

Aus diesem Grund wanderte die Deutschlandflagge nach dem Großereignis auch wieder schön in die Schublade, um keine falschen Assoziationen zu wecken. Nur bei den wenigsten hängt die Fahne nicht nur zur Fußball-WM, um das in den Worten des Rappers Fler zu sagen.

Mir wurde jedenfalls immer vorgehalten, ich könne nichts dafür, in Deutschland geboren zu sein – also könne ich darauf auch nicht stolz sein.

Inzwischen darf man seinen Stolz wieder ganz offen mit Beflaggung auf der Straße zeigen. Dieser darf dann allerdings nichts mit der eigenen Nation am Hut haben, sondern betrifft das Geschlecht und die Sexualität. Diese neue, sozial akzeptierte und von allen großen Unternehmen mitgetragene Form des Stolzes ist aus dem Amerikanischen (woher sonst?) zu uns herübergeschwappt. Für jeden, der sich mit den theoretischen Grundlagen verständlicherweise nie beschäftigen wollte: „Pronouns“ wie „they/them“, die englischen Bezeichnungen der Sexualitäten („LGBTQ“) und der Name der Veranstaltung, auf dem das alles zur Schau gestellt wird, „Pride Month“, beweisen das ganz eindrücklich.

Die gleichen Leute, die mir früher den Nationalstolz ankreideten, sind es deshalb inzwischen, die Flaggen schwingend durch die Innenstädte jeder größeren Stadt laufen und ihren Stolz auf ihre seltsame (die deutsche Bedeutung des „Q“: „queer“) Sexualität und ihr erfundenes Geschlecht auf die Straße tragen. Und mein derzeitiger Wohnort Wien hilft fleißig mit – selbst bei der Straßenüberqueerung (sic!) muss Flagge gezeigt werden. In der Heimatstadt von Conchita Wurst zieren seit ihrem (?) Sieg beim Eurovision Song Contest (bereits 2014 konnte der Travestiekünstler die meisten Punkte ergattern, das diesjährige Gewinnerthema ist bekanntlich die Ukraine) viele Ampeln gleichgeschlechtliche Ampelpaare, die Zebrastreifen zeigen fast überall die Farben der Transflagge oder die inzwischen veraltete und konservativ gewordene Regenbogenflagge.

Apropos Regenbogenflagge: Erfunden wurde diese übrigens in Deutschland, als sie von Bauern während des Bauernkriegs benutzt wurde. Heutzutage bedeutet die Regenbogenflagge allerdings das Nacheifern von Trends made in USA. Überall sonst würde man diesen Kulturimperialismus in Reinform anprangern – in den ehemaligen Staaten der „Westmächte“, also den amerikanisch beeinflussten Staaten Westeuropas, wird er zelebriert.

Zurück zum Thema: Auf was ist man denn da eigentlich stolz? Wenn man etwas für seine Sexualität geleistet hat, dann ist anders zu sein eine Entscheidung. Damit wäre natürlich keiner der versammelten Mannschaft einverstanden, weshalb für das „Stolzsein“ nur die angeborene Sexualität infrage kommt. Nun verhält es sich ja so, dass man in diesem Fall auch recht wenig Einfluss auf die Sexualität hat.

Wenn man schon mal Philosophie studiert hat, sollte man das auch mal anwenden – ich habe mich mit dem ganzen Stolzthema also intensiv auseinandergesetzt und bin zu folgendem Schluss gekommen:

Man kann stolz sein auf alles, mit dem man sich identifiziert.

Dieser Satz mag simpel wirken, sagt aber einiges aus. Man kann natürlich auf seine Leistungen stolz sein, weil man nun mal das unmittelbare Subjekt ist, das eine Aufgabe bewältigt hat. Ebenso kann man jedoch auf seine Kinder, seinen Bruder oder seine Mutter stolz sein, einfach weil man sich als Teil von etwas Größerem betrachtet. Man kann sich deshalb mit Parteien, Fußballvereinen, Freundesgruppen und auch Ländern identifizieren. Selbst wenn diese Institutionen keine Fahnen besitzen, haben sie doch ihren eigenen Gründungsmythos und ihre eigenen Regeln und Umgangsformen.

In gewisser Weise trifft all das auch auf die Pride-Bewegung zu. Mit einem kleinen Unterschied: Wer sich mit seiner Familie, seinem Land oder seiner regionalen Heimat identifiziert, der ist auf die vielschichtigen Aspekte seiner Herkunft (zum Beispiel Sprache, Kultur und so weiter) stolz. Wer sich vollends mit einer Partei identifiziert, ist im schlimmsten Fall ein Ideologe, beim Fußballverein wahrscheinlich ein Prolet.

Derjenige aber, der sich mit seiner Sexualität identifiziert, ist im wahrsten Sinne des Wortes queer, in seiner deutschen Übersetzung. Ein Mann, dessen Identität sich vollends auf seine Heterosexualität stützt, die er in Sprache, Kleidung und Verhalten auslebt, würde nirgendwo, insbesondere nicht auf der „Pride“, gefeiert werden und im besten Fall als chauvinistischer Macho gelten (denn Stolz jenseits der Pride ist immer und ausschließlich Chauvinismus; die Kausalität muss auch hier noch geklärt werden). Stützt sich die Identität des Mannes jedoch auf irgendeine Sexualität abseits der Norm, hat er anscheinend genug Opferpunkte gesammelt (oder Privilegien aufgegeben?), um sich das Stolzsein verdient zu haben. Das bedeutet übrigens nicht, dass Pädophilie auf der Pride willkommen wäre. Die ist zwar irgendwie auch nicht der sexuellen Norm entsprechend, aber halt trotzdem böse. Pädophile können zwar theoretisch auch nichts für ihre Sexualität, dennoch würde ihnen selbst Conchita Wurst das Darauf-stolz-sein-dürfen absprechen. Damit kommt es auch nicht infrage, dass die angeborene Sexualität per se auf der „Pride“ gefeiert wird.

Bist jetzt habe ich noch keine Antwort darauf bekommen, auf was die Mitläufer beim Pride Month eigentlich stolz sind.

Zelebriert wird der sexuelle Hedonismus und die geforderte Emanzipation aller unterdrückten, nicht männlichen Geschlechter jedenfalls immens. Nach Afghanistan wird trotzdem keiner der Demonstranten gehen, um gegen das frisch erlassene Gesetz der Burkapflicht für Frauen zu demonstrieren. Denn das wäre dann ja wieder die böse Art von Kulturimperialismus.

Was bleibt, ist die traurige Gewissheit, dass Trends aus den USA um jeden Preis gefolgt wird. Feststellen musste ich das schon, als sich 50.000 Menschen in Wien anlässlich einer Black-Lives-Matter-Demonstration versammelten. Gegen was da jetzt eigentlich demonstriert wurde (Polizeigewalt in Österreich? Die Verschleppung und Versklavung von Schwarzen in Österreich und die daraus folgende Diskriminierung?), konnte mir auch niemand so recht beantworten.

Für das „momentane Ding“ aus den USA kann letztendlich eben auch die Logik beiseitegeschoben werden. Müssen wir uns eben mal wieder damit begnügen, die besseren Argumente zu haben.

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