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Die Erschaffung des Konstrukts

28. Juni 2022

Am Anfang erschuf Gott die Welt. Aber was war eigentlich davor? Müsste es nicht eigentlich heißen: Am Anfang existierte nur Gott, bis er sich irgendwann dazu entschloss, die Welt zu erschaffen? Und wie wurde dann Gott erschaffen? Heutzutage glaubt außer einigen wenigen Fundamentalisten keiner mehr an eine vor ungefähr 6.000 Jahren von Gott erschaffene (konstruierte) Erde. Diejenigen, die es tun, glauben allen Ernstes daran, fossile Skelette seien eine Täuschung des Teufels, um den Glauben an Gott auf die Probe zu stellen.

Dabei bewies bereits lange vor dem Christentum der altgriechische Philosoph Archytas von Tarent, dass – wenn man Kausalität voraussetzen darf – Zeit und Raum unendlich sind und nicht auf einmal erschaffen worden sein können. Nehmen wir das Beispiel Raum: Wenn dieser nicht unendlich wäre (oder sich stetig ausbreiten würde), dann hätte er eine Grenze. Archytas meinte, wenn er an diese Grenze ginge und seinen Arm ausstreckte, dann würde sich dieser Arm in einem anderen ausgedehnten Raum befinden. Denn außerhalb des Raums muss sich auch Raum befinden, sonst könnte es nun mal keine Grenze geben. Der Raum muss folglich unendlich sein und schon immer da gewesen sein, denn ohne Raum kann auch kein Raum erschaffen werden.

Über lange Zeit galten viele Dinge, die für den Menschen schlichtweg nicht erklärbar sind, als ein Werk Gottes. Kausalität und Logik mussten dabei oft außer Acht gelassen werden, aber immerhin hatte man eine Letztbegründung für Entitäten wie die Zeit, den Raum, das Bewusstsein, das Gewissen und die Moral. Kant, Fichte und andere Philosophen des Deutschen Idealismus bedienten sich genau dieses Narrativs, indem sie Unerklärbares als Konstrukte Gottes bezeichneten, um ihre Philosophie zu untermauern.

Und dann kam Friedrich Nietzsche. Für ihn war Gott als Letztbegründung der Trick einer Sklavenmoral für alle, die mit der Unerklärlichkeit des Seins nicht zurechtkommen. Um zu zeigen, dass alle unsere Annahmen über das Gute und das Wahre auf letztlich austauschbaren und über lange Zeit gewachsenen Voraussetzungen fußen, wandte er die Mittel der Stammbaumforschung an, um eine „Genealogie der Moral“ zu erschaffen. Indem er die Moral als ein menschliches Konstrukt und nicht als ein göttliches entlarvte, verlor die Moral ihre metaphysische Allgemeingültigkeit.

Dabei war Nietzsche nicht im Geringsten der Meinung, dass die Moral ein schlichtweg soziales Konstrukt ist, sondern machte die Physiologie von starken und schwachen Naturen dafür verantwortlich, dass sie starke und schwache Werte lebten und predigten. Nietzsches Dekonstruktion wollte also den metaphysischen Charakter der Dinge entzaubern und die tatsächlichen, natürlichen Verhältnisse aufzeigen.

Aus diesem Denken heraus entwickelte sich im Frankreich der 70er-Jahre der Poststrukturalismus. Denker wie Pierre Klossowski, Jacques Derrida, Michel Foucault, Félix Guattari und Gilles Deleuze sorgten dafür, dass Nietzsches Methode der Dekonstruktion nun auf alle Diskurse und sozialen Verhältnisse übertragen wurde, während diese bei jenen als die absoluten Voraussetzungen für alle mögliche Erkenntnis galten (alles ist ein Konstrukt). Foucault beispielsweise war davon überzeugt (er unterzeichnete 1977 sogar eine Petition an das französische Parlament), dass man auch das System der Volljährigkeit dekonstruieren solle. Nach dem Soziologen können Minderjährige zu sexuellen Handlungen durchaus ihr Einverständnis abgeben.

Nun dürfte jedem klar sein, dass die Volljährigkeit tatsächlich ein soziales Konstrukt ist. Warum diese dekonstruiert werden sollte, steht dennoch auf einem anderen Blatt. Focault jedenfalls sieht im Diskurs alle Formen von Konventionen begründet. Macht im Diskurs erzeugt also Wissen und schafft ein Bezugssystem. Obwohl die Methodik und einige Ansätze unweigerlich von Nietzsche stammen, ist von Natur oder Physiologie, Krankheit oder Gesundheit, Gutem oder Schlechtem bei den Poststrukturalisten nie die Rede.

Die Franzosen sorgten aber dafür, dass sich entsprechende Theorien in anderen Themenbereichen durchsetzen und hegemonial werden konnten. In der Nationalismusforschung ist es der Modernismus, der die Nation als Konstrukt betrachtet, bei Geschlechtern die Gender-Theorie, die Geschlechterrollen auflösen will, und in der Wissenschaftsgeschichte der Sozialkonstruktivismus, der all jene Forschungen miteinander vereint.

Heute stehen wir an dem Punkt, an dem versucht wird, alles Bestehende zu „dekonstruieren“ oder als soziales Konstrukt zu entlarven. Als Konservativer wird man schnell feststellen, wie alles Natürliche und über lange Zeiten Gewachsene so theoretisch delegitimiert und praktisch zerstört wird.

Wir, lieber Leser, werden uns davon nicht beirren lassen. Indem wir jetzt über die Genealogie des Poststrukturalismus Bescheid wissen, haben wir ihn mit seinen eigenen Mitteln geschlagen, nämlich dekonstruiert und ihn dadurch entmachtet. Wir haben ein noch tieferes Verständnis von den Strukturen unserer Kultur erhalten, die wir lieber noch weiter konstruieren wollen, als Stück für Stück davon abzutragen.

Denn noch bevor irgendwelche Konstruktionen erschaffen und wieder dekonstruiert wurden, waren die Nationen, die Kulturen, Männer, Frauen und alles, wofür man als Konservativer mittlerweile kämpfen muss, lebendig. Jeder, der das anders sieht, muss argumentieren, dass diese Tatsache eine Täuschung des Teufels ist.

PhrasenDrescher

Der Phrasendrescher - wie könnte es anders sein - promoviert derzeit interdisziplinär in der Philosophie und der Politikwissenschaft. Als glühender Verehrer von Friedrich Nietzsche weiß er, dass man auch Untergänge akzeptieren muss und arbeitet bereits an der Heraufkunft neuer, stärkerer Werte.


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