Eine Minute vor 11 – Der letzte Tote des Ersten Weltkrieges

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„Hat dir der Film gefallen?“, frage ich die italienische Austauschstudentin, mit der ich mir soeben die Netflix-Adaption von Erich Maria Remarques Bestseller Im Westen nichts Neues reingezogen habe. „Sì, sì“, sagt sie, sehr ergreifend sei der Film gewesen. Natürlich stellt sie umgehend die Gegenfrage. Ich überlege einen Moment lang, ob mir der Film vielleicht gefallen hätte, wenn ich Remarques Buch als Jugendlicher nicht gelesen und auch Lewis Milestones Verfilmung aus dem Jahr 1930 nicht gesehen hätte. Diplomatisch antworte ich schließlich, der Film sei handwerklich nicht schlecht gemacht, weiche aber für meinen Geschmack zu sehr von der Vorlage ab. Was sollen die ganzen Särge an der Front? Welche Bewandtnis hat es mit der Klippe, auf der die Krauts vor ihrer letzten Schlacht stehen wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer? Und wo war überhaupt Unteroffizier Himmelstoß? Vielleicht wären mir manche Schnitzer (auch manche groben) entgangen, wenn ich nicht zuvor die Filmkritik Friedrich Fechters auf dem KRAUTZONE-Blog gelesen hätte.

Fechter hat u. a. darauf hingewiesen, dass es weder den an Hindenburg erinnernden, sauköpfigen und grobschlächtigen deutschen General Friedrich noch dessen sinnlosen Angriffsbefehl gegeben hat. Das Buch lässt bewusst offen, wann und auf welche Art und Weise der Protagonist Paul Bäumer schließlich fällt. Lakonisch heißt es am Ende von Remarques Erstlingswerk, das ihn auf einen Schlag weltberühmt machen sollte: „Er fiel im Oktober 1918, an einem Tag, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen nichts Neues zu melden.“ Bei Netflix musste es natürlich der 11. November sein, wenige Minuten vor Inkrafttreten des Waffenstillstandes. Tatsächlich fielen an jenem 11. November noch Tausende. Auch einen General, der einen geplanten Angriff nicht abblasen ließ, obwohl die Waffen wenige Stunden später schweigen sollten, gab es: General John J. Pershing. Er musste sich dafür zwar mit anderen Offizieren vor einer Untersuchungskommission verantworten, kam aber letztlich ungeschoren davon. Während der Befragung polterte ein Offizier zu Recht: „Sie waren wie Kinder, denen man Spielzeug zum Spielen gab und die wussten, dass sie es eines Tages zurückgeben müssen. Also spielten sie [die Kinder] damit bis zum letzten Tag.“



Doch den letzten Toten des Ersten Weltkriegs, gefallen um 10:59 Uhr, kann man General Pershing nicht anlasten, obwohl er unter dessen Oberbefehl stand. Es handelte sich ausgerechnet um einen Deutschamerikaner. Als seine Einheit davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass der Krieg in weniger als einer Stunde beendet sein würde, pflanzte Henry Gunther sein Bajonett auf, um wenig später im Alleingang ein deutsches MG-Nest zu stürmen, das der Einheit den Weg versperrte. Dabei missachtete er einen direkten Befehl seines Vorgesetzten. Nachdem er ein oder zwei Schuss abgefeuert hatte und der Stellung bereits gefährlich nah gekommen war, wurde er durch einen kurzen Feuerstoß niedergestreckt. Zunächst hatten die Deutschen in die Luft geschossen und dem anstürmenden Amerikaner auf Englisch zugerufen, er möge stehenbleiben, der Krieg sei gleich vorbei. Anschließend legten sie den buchstäblich in letzter Minute Gefallenen auf eine Bahre und trugen ihn, da der Krieg nun beendet war, zu den amerikanischen Linien zurück, wo er begraben wurde.

Henry Gunther, 1895 in Baltimore geboren, hatte sich nicht freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet, da seine Eltern beide Kinder deutscher Einwanderer waren. Er wurde im September 1917 eingezogen und im Juli 1918 mit seiner Einheit, dem 313. Infanterieregiment, an die Front nach Frankreich verlegt. Die Wahnsinnstat Henry Gunthers ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass er zuvor wegen eines von der Zensur abgefangenen und als defätistisch eingeschätzten Briefes vom Sergeanten zum Private degradiert worden war. In diesem Brief hatte der 23-Jährige einem Freund die miserablen Bedingungen in den Schützengräben geschildert und ihm geraten, nichts unversucht zu lassen, um einer Einberufung zu entgehen. Sein Zugführer äußerte später gegenüber einem Journalisten die naheliegende Vermutung, Gunther habe sich mit diesem verzweifelten Angriff in letzter Minute zu rehabilitieren versucht. Das ist ihm gelungen, wenn auch um den Preis seines Lebens. Seine Degradierung wurde rückgängig gemacht und er erhielt posthum das Distinguished Service Cross, die zweithöchste Auszeichnung der US-Streitkräfte, die nur vom Präsidenten verliehen werden kann. Seit 2010 befindet sich auch eine Gedenktafel am Grab von Henry Gunther, dessen sterbliche Überreste 1921 auf Betreiben seiner Mutter nach Baltimore überführt wurden.

Nimmt man es ganz genau, endete der Krieg allerdings erst mit Inkrafttreten des Versailler Diktatfriedens am 10. Januar 1920. Somit könnten auch acht deutsche Marinesoldaten als die letzten Gefallenen des Ersten Weltkriegs betrachtet werden. Admiral Reuters hatte am 21. Juni 1919 den Befehl zur Selbstversenkung der deutschen Flotte vor Scapa Flow gegeben, worauf die Seeventile geöffnet wurden und 74 Kriegsschiffe, der Stolz des ins niederländische Exil gegangenen Kaisers, auf den Meeresgrund sanken. Die Schiffe und ihre Restbesatzungen hatten seit November 1918 unter britischer Aufsicht gestanden. Als den britischen Wachmannschaften bewusst wurde, was vor sich ging, eröffneten sie zunächst das Feuer, wobei ein Seeoffizier und sieben Matrosen den Tod fanden. Die wirklich letzten Toten jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts sind auf den schottischen Orkney-Inseln bestattet.

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