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Endstation Entlastungspädagogik

17. März 2022

Wer kennt sie nicht: die Narrative, dass Kinder schreiben sollen, wie sie hören. Rechtschreibregeln seien demotivierend, zu viel Üben auch. Meine Klavierlehrerin sagte mir einmal: Zu viel zu üben ist nur dann schlecht, wenn du falsch übst. Im Studium und in gewissen Schriften zur Grundschulpädagogik wird immer wieder das Narrativ vorgetragen, dass das anfängliche Gehörschreiben und die erst spät einsetzende Rechtschreibunterweisung sich nicht in den kindlichen Gehirnwindungen beim wiederholten Schreiben einpräge. Die Unterrichtsmethode erhält also das Prädikat „unbedenklich“.

Als angehende Musiklehrerin muss ich jedesmal bitter lachen, wenn ich solche Argumentationen lese. Ich empfehle jedem Leser zum Kurieren etwaiger Überzeugungen das Erlernen eines Instrumentes. Dabei sollten Sie die Noten nur so ungefähr erlernen und die falschen Noten werden vom Lehrer nicht oder nur sporadisch korrigiert. Und nun soll erwartet werden, dass Sie nach ein paar Jahren die Stücke fehlerfrei spielen. Wenn Sie sich in Frustrationstoleranz üben wollen, kann ich Ihnen schon verraten, wird das eine sehr harte Probe sein.

„Und jetzt alle…“

Was das derzeitige Schulsystem leider drastisch verkennt, ist die Bedeutung des korrekten und vor allem sinnvollen Übens. Ich bin immer wieder überwältigt von dem Aufwand, den meine Kommilitonen in die Gestaltung von Übungsphasen investieren. Da werden Sandgefäße gefüllt, mit Rasierschaum rumgematscht und Kastanien gesammelt, allein, um damit den Buchstaben S „mit allen Sinnen“ zu erfassen. Zusätzlich werden massenweise Arbeitsblätter kopiert, in die dann ein paar Lücken ergänzt werden. Selbst gekauft gibt’s noch das damit verknüpfte Erlebnis zum Buchstabengeburtstag des S: Seifenblasen herstellen mit der Seifenblasenmaschine. Schließlich ist Üben anstrengend genug. Da sollte es auch Spaß machen. Ob die Kinder nach dem Seifenblasenspaß das S wirklich besser ins Heft schreiben können? Ich habe da meine begründeten Zweifel…

Mein Unterrichtsstil wird von meinen Kommilitonen gern mit den Worten unkreativ, verstaubt und nicht originell betitelt. Doch so kreativ und originell ihre Unterrichtsmethoden sind, so „originell“ sind auch die Lernergebnisse der Schüler. Dies ist jedoch nicht so vordergründig, denn die Kinder waren ja überdurchschnittlich motiviert und vor allem hatten sie Spaß. Doch sollte Spaß der Hauptfaktor zur Legitimation von Übungsmethoden sein? Die sich daraus ergebenden Folgen für die Lernergebnisse der Schüler sind meiner Ansicht nach gravierend. Man beschaue nur die alten Schulhefte und vergleiche die Schreibleistungen der damaligen Schüler mit den heutigen. Ein gegenüberstellender Blick auf die Rechtschreib- und Lesekompetenz erklärt den ein oder anderen Leistungsunterschied.

Was in der heutigen (studentischen) Überzeugung zum Ausdruck kommt, ist der Glaube, dass die Kinder nur motiviert bleiben, wenn wir sie vor den wirklichen Herausforderungen des Schulkindes schützen und sie lieber bespaßen, als konkrete Lernergebnisse zu erzielen. Die Kinder sollen sich schließlich schon so oft wie möglich „kompetent“ fühlen und auch der ominöse „Druck“ soll nicht auf sie wirken. Und als schönes Nebenprodukt zwischen dem ganzen Spaß soll dann auch noch etwas Wissen und Können hängenbleiben. Ich fasse diese Narrative, dass Entlastungen und Spaß für die Kinder ihre Motivation fördern würden und somit gut seien, unter dem Begriff Entlastungspädagogik zusammen.

Die Entlastungspädagogik hat das unausgesprochene Resultat, die Kinder vor den wahren Herausforderungen und „Härten“ des Lebens als Schulkind zu schützen, anstelle sie zu deren Bewältigung zu führen. Kurz gesagt ist es ein folgenreiches Behüten aus der Gutmütigkeit des Erziehers. Diese oberflächliche Behütung der Kinder, die nur auf den ersten Blick zu ihrem Guten erscheint, ist eigentlich ein absoluter Schaden. Je flacher die Anforderungen und die Erfahrungen an und für die Kinder, desto geringer auch die Früchte, die zu ernten sind.

„Das hast aber toll gemacht!“

Das Üben und die Druckbewältigung stehen in einem bedeutenden Zusammenhang. Gerade wenn ich gut und viel geübt habe, werde ich den Leistungsanforderungen auch unter Stress gerecht werden können. Im heutigen Schulsystem wird jedoch vieles entfernt, was sinnbildlich für dieses Üben steht: Hausaufgaben werden negativ etikettiert, der oben beschriebene Sensualismus geht mit Zeitverschwendung einher und verringert Zeit für tiefgründiges Üben und die somit geringere Automatisierungszeit führt dazu, dass sich essentielle Prozesse nicht im Langzeitgedächtnis abspeichern und neue Lernprozesse „entlasten“. Somit entsteht eine denkbar schlechte Grundlage für weitere Lernprozesse.

Die Überforderung vieler Schüler ist u.a. darauf zurückzuführen, dass sie plötzlich mit Leistungsanforderungen und Stresssituationen konfrontiert sind, die sie nie gelernt haben zu bewältigen. Hier haben die Eltern und die Schule es verpasst, die Kinder vor altersangemessene Herausforderungen zu stellen. Stattdessen wollen sie diese den Kindern vorenthalten oder sie davor schützen. Wenn Kinder jedoch nicht lernen, Leistungen zu bringen und Leistungserwartungen zu erfüllen, werden sie später im Leben an eben solchen scheitern. Denn das Leben stellt einen vor Herausforderungen, ob man das will oder nicht. Bewältigen wird man sie durch Ignorieren und Wegschauen nicht. Dass diesem Stress und der Überforderung durch genügend Übung und Fleiß vorgebeugt bzw. sie abgemildert werden können, ist eine wichtige Einsicht für die Kinder. Und gerade dies sollten die Kinder in der Schule lernen- doch sie tun dies meiner Ansicht nach viel zu wenig!

Es ist eine traurige Ironie, dass diese Entlastungspädagogik gerade mit dem Narrativ legitimiert wird, dass sie die Motivation der Kinder aufrecht erhalte und nicht zerstöre. Wenn wir Kindern die Möglichkeit des didaktisch sinnvollen Übens und sich Erprobens vorenthalten, werden sie an den Leistungsanforderungen mit der Zeit scheitern und eine bedenkliche Abwärtsspirale setzt sich in Gang. Denn die Auswirkungen der Entlastungspädagogik zeigen sich leider oft erst deutlich später. Ein paar Schuljahre weiter merken die Kinder von selbst, dass ihre Rechtschreibung zu schlechten Noten führt, ihre Lesegeschwindigkeit unterdurchschnittlich ist und sie nicht in der Lage sind, einen Gedichtvortrag vor der Klasse zu halten. Spätestens dann ist der Spaß schneller vorbei als gedacht und ein mühsames Löcherstopfen beginnt! Im Folgenden sind nicht die Lehrkräfte die Leidtragenden, sondern die Schüler, denen eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben vermasselt wird.

„Ihr seid alle toll!“

Wenn man über kein stabiles Fundament in einem Bereich verfügt, wird sich das Bedürfnis mehren, mit etwas Neuem anzufangen. Dann kann man zwar von Vielem etwas, aber nichts richtig. Die gebrochenen Selbstkonzepte führen verständlicherweise nicht zu einer starken Gesamtpersönlichkeit, sondern zu Selbstzweifeln, Vermeidungsverhalten und Angst. Da dies u.a. die versteckten Folgen der Entlastungspädagogik sind, ist es im Interesse der Propagierenden, die Leistungsanforderungen und vor allem deren Verfall zu kaschieren. Es ist meiner Meinung nach einer der Gründe, weshalb Leistungsanforderungen und Noten abgeschafft, jeglicher Vergleichbarkeit der Boden entzogen und Kinder am liebsten bis zum Abitur vor den wirklichen Anforderungen des Lebens bewahrt werden sollen.

Die Schule ist ein hervorragendes Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Lage und die zunehmende Entlastungspädagogik ein folgelogischer Auswuchs progressiv-didaktischer Fehlentwicklungen. Wenn wir uns als Lehrer und Erzieher gegen diese Entlastungspädagogik stellen wollen, bedarf es einer grundlegenden Selbstreflexion. Gerade wenn die Schule zur Charaktererziehung beitragen soll, wäre es vorteilhaft, sich besonders auch der langfristigen Folgen der eigenen „pädagogischen Überzeugungen“ bewusst zu werden. Es ist in jedem Fall eine Erziehung zu geistiger, körperlicher und mentaler Stärke in den Vordergrund zu stellen! Doch dazu braucht es Lehrpersonen mit dem Mut zur pädagogisch angemessenen Belastung der Schüler – nicht Entlastung!

Kinder erziehen wir mit der Entlastungspädagogik nicht zu selbstbewussten Menschen, die im Leben bestehen können. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit kein brauchbares Selbstkonzept entwickeln, das sie dabei unterstützt, sich aktiv ihren eigenen Stärken und Schwächen und den Herausforderungen im Leben zu stellen. Deshalb ist meine Meinung zur Entlastungpädagogik sehr klar. Lieber von Anfang an richtig: Streng und konsequent in Fragen der Wissensvermittlung und Charaktererziehung – aber mit Herz und Verstand. Die zukünftige Generation wird diese Beharrlichkeit hoffentlich – wie ich – im weiteren Verlauf ihres Lebens zu schätzen lernen.

Luise Witt

Nach ihrem Lehramtsstudium entschied sich Luise Witt für eine Laufbahn abseits des pädagogischen Mainstreams. Wenn ihre Gedanken gerade nicht um die Schule kreisen, findet man sie umgeben von neurechten, dystopischen und philosophischen Bücherbergen, am Klavier oder in der Küche. Sie ist ein vehementer Verfechter toxischer Weiblichkeit, weshalb sie progressive Stadtbewohner und Demokratiepädagogen gern durch das Tragen von langen Röcken und Flechtfrisuren triggert.


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