Der Fall Döpfner: Die Presse-Meute bläst zur Hetzjagd

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Was immer man von der Bild-Zeitung und ihrem kürzlich geschaßten Chefredakteur hält – der Aufschrei in den privaten und öffentlich-rechtlichen Medien galt und gilt in Wahrheit nicht dem Sex- und Machtgebaren Julian Reichelts. Stein des Anstoßes ist vielmehr eine ältere, obendrein private SMS Mathias Döpfners an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, die die New York Times am 17. Oktober bekannt machte.
Darin hatte der Vorstandschef des Springer-Konzerns geschrieben, Reichelt sei „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt”; fast alle anderen Journalisten seien zu „Propaganda-Assistenten” geworden.

Döpfner hat Recht – und macht trotzdem einen Rückzieher

Auch wenn Döpfner diese Äußerung jetzt als Ironie und Übertreibung in einem vertraulichen Schreiben gewertet wissen will und der Springer-Verlag Döpfners Aussagen dahingehend einordnet, „daß er die Bundesrepublik auch in Corona-Zeiten keineswegs für vergleichbar mit der DDR halte”, dürften die meisten Zeitgenossen als Botschaft verstanden haben: Deutschlands Mainstream-Medien sind willfährige Regierungspropagandisten – eine seit langem kursierende Einschätzung, die im Vorwurf der „Lügenpresse” gipfelte.

Daß ausgerechnet der seit 2016 amtierende Vorsitzende des BDZV, des Bundesverbands der Digitalpublisher und Zeitungsverleger, zu einem derartigen Urteil kommt, wäre so ungeheuerlich, daß es schwerfällt, es zu glauben. Döpfners Bitte, die inkriminierte Sentenz nicht auf die Goldwaage zu legen, ist daher nur zu verständlich und spricht für das ehrliche Bedauern des 58jährigen. Gleichwohl ist zum Entsetzen der „Medien-Schaffenden” der böse Satz in der Welt. Schadenfrohen Beobachtern dürfte Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern eingefallen sein, in dem ein kleines Kind das verdummende Lügengespinst mit den Worten zerreißt: „Aber er hat ja nichts an!”

Bis heute belegen demoskopische Umfragen das tiefe Mißtrauen des Publikums gegenüber Wort und Bild der privaten und öffentlich-rechtlichen Medien. Die Empörung über Döpfners – sagen wir einmal – „mißverständlichen” Worte zeigte blitzschnell, wer sich bis ins Mark getroffen fühlte: alle Gazetten von Spiegel über Zeit, Welt, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine hin zu den meisten Provinzblättern und den jeweiligen Verlagen.

Getroffene Hunde bellen

So blies auch der Feuilletonist Nils Minkmar am 23. Oktober in der SZ sofort zur Treibjagd auf den unglücklichen Döpfner: „Die in ihrer ganz großen Mehrheit hart und verantwortungsvoll arbeitenden Kolleginnen und Kollegen in der international einmalig vielfältigen deutschen Zeitungsbranche (Hervorhebung durch den Verfasser) sind, man muß das so deutlich sagen in diesen Tagen: völlig anders drauf als ausgerechnet ihr oberster Repräsentant.”

Trotz oftmals schlechter Bezahlung, so Minkmar, behielten die Kollegen „ihren Kompaß, der ihnen hilft, Facts von Fiktion, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden”. Sie alle als Propagandisten herabzuwürdigen, sei ihnen gegenüber unwürdig. Minkmars Resümee: „Mathias Döpfner kann als Präsident des BDZV nicht mehr glaubwürdig agieren. Ein Rücktritt ist unumgänglich.” Ebenfalls am 23. Oktober teilte die SZ mit, sie habe zwölf Mitglieder des BDZV zu Döpfners privater Auslassung befragt, drei hätten sie als „inakzeptabel” und das Ansehen der gesamten Branche schädigend eingestuft. Neun der befragten Verlage hätten sich jedoch nicht geäußert, darunter die SWMH, Herausgeberin der SZ.

Wenige Tage später fand sich Richard Rebmann, ehemals Vizepräsident des BDZV und heute Mitglied im Herausgeberrat der Süddeutschen Zeitung, zu einer Stellungnahme bereit. Auch er kritisierte Döpfners Äußerung und warf dem BDZV eine zu späte Reaktion vor. Erst am 24. November solle es eine Sitzung des Präsidiums, des obersten Gremiums, geben.

Feinde der freien Rede – und des freien Denkens

In einem Artikel anläßlich der Frankfurter Buchmesse ließ Minkmar am 26. Oktober erkennen, wie er sich die Auseinandersetzung mit ideologischen Gegnern vorstellt: „Im Austausch mit der radikalen Rechten kann man nicht auf die Segnungen der Meinungsfreiheit und ersprießliche Debatten hoffen. Ihre Ideologie ist brutal und auf die Ausschaltung von Gegnern gerichtet.” Da habe es wenig Sinn, einen Kompromiß zu suchen. Wer auf der Messe lediglich aus juristischen Gründen geduldet werde, „das sind jene ultrarechten Kräfte, die so eine Veranstaltung sofort verbieten würden, wenn sie könnten, weil genau diese Messe ja alle Werte verkörpert, die die Rechten so hassen”.

Dies ist die Attitüde aller zeitgeistigen Mainstream-Medien, die sich seit zwanzig Jahren dem „Kampf gegen Rechts” verschrieben haben – einer mittlerweile alle Kapillaren der Gesellschaft durchziehenden Kampagne, die auf Verleumdung statt auf der vielbeschworenen geistigen Auseinandersetzung basiert. In seiner Abschiedsrede als Bundestagspräsident forderte Wolfgang Schäuble ein, was auch für Presse, Funk und Fernsehen gelten sollte: Das Parlament müsse der Raum sein, in dem die Vielfalt der Meinungen offen zur Sprache komme. Das werde noch wichtiger, weil in der Gesellschaft die Bereitschaft sinke, gegensätzliche Standpunkte auszuhalten, Widerspruch überhaupt zuzulassen. „Wir sollten den Streit in der Mitte der Gesellschaft suchen – und ihn hier im Parlament austragen. Indem wir deutlich machen, daß nie eine Seite allein recht hat.”

Die Hoffnung, Döpfners umstrittene Worte könnten zur Wiederbelebung der auch hierzulande noch vor Jahrzehnten selbstverständlichen Debattenkultur beitragen, wird jedoch vergebens ein. Das Schicksal des BDZV-Vorsitzenden dürfte besiegelt sein: Spätestens am 24. November wird das letzte Halali der Treibjagd geblasen werden.

PS: Nach wortreichen Erklärungen, einer Entschuldigung und anschließender Diskussion wurde Döpfner vom BDZV-Präsidium mit großer Mehrheit wiedergewählt.

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