Gedichte lernen ist doch didaktisches Mittelalter

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„Wie, du wirst deine zukünftigen Grundschulkinder echt noch Gedichte auswendig lernen lassen? Das sind doch Methoden aus dem Mittelalter, vollkommen überholt!“ Ich lächle nur müde über den Kommentar meiner Kommilitonin. Wieder einmal habe ich einen Punkt auf der Checkliste „Wie erkenne ich einen Schwurbler im Bildungssystem?“ abhaken können. „Findest du nicht, dass das die Kinder traumatisiert?“ „Nein!“, lautet meine klare Antwort. „Wann wenn nicht in der Schule sollen Kinder lernen, sich Herausforderungen zu stellen und sich angemessen und diszipliniert darauf vorzubereiten?“ Gerade beim Auswendiglernen von Gedichten werden Gegenargumente hervorgebracht, die sinnbildlich für die derzeitige Progressivpädagogik stehen. Im Folgenden möchte ich diese Argumente aufgreifen und dabei allgemeine Tendenzen herausstellen.

Zunächst begründe ich kurz, weshalb mir das Lernen von Gedichten so wichtig ist. Das Auswendiglernen hat nicht nur den Sinn, dass man „irgendein unbekanntes Stück Literatur“ rezitieren kann. Es besticht durch die Auseinandersetzung mit den Leistungen der eigenen Kultur und dem damit verbundenen Wissen. Das Memorieren ermöglicht eine tiefe, zurückgezogene Auseinandersetzung mit der Lyrik. Für mich stehen auch lebenspraktisch bedeutsame Erfahrungen im Vordergrund, abgesehen davon, dass es besonders auf das andere Geschlecht ordentlich Eindruck machen kann, wenn der Gegenüber plötzlich ein zeitloses Stück deutscher Literatur vorträgt. Das Memorieren unterstützt die Charakterbildung, da beim Erlernen Fleiß, Ausdauer und Anstrengung erforderlich sind, aber auch Mut bei der Präsentation vor der Klasse. In Hinblick auf die mittelalterlichen Ordnungssysteme wie das Trivium legen wir mit den Rezitationsübungen die Grundlage für die erfolgreiche Beschäftigung mit Argumentationen, Rhetorik und Dialektik.

Trotz all dieser offensichtlichen bedeutsamen Legitimationsansätze liegt die Begeisterung für das Erlernen von Gedichten allgemein am Boden. Der erste große Einwand gegen das Auswendiglernen von Gedichten lautet, dass es sinnlos und veraltet sei. Dies liegt u.a. an der derzeitige Betonung der Verwertbarkeit bzw. der Unbedeutsamkeit von konkretem Wissen. Das Mantra der Kompetenzorientierung lautet, dass man die Gehirne unseres Nachwuchses nicht mit zu viel nutzlosem Wissen belasten sollte, sondern dieses Wissen immer in einem Anwendungskontext stehen sollte. Besonders wird der Nutzen der Inhalte in Hinblick auf die spätere Berufswelt betont. Der bekannteste Ausruf lautet: „Das könne man doch alles googeln!“

Doch wer Zusammenhänge erkennen will, der kann nicht bei jedem Gedankengang erst die Basics ergoogeln. Indem eine Atmosphäre der Unnötigkeit von Wissen propagiert wird, legt man den Grundstein dafür, dass die jungen Menschen über nichts mehr tiefgründiger nachdenken und Zusammenhänge erkennen. Ein Schelm der Böses dabei denkt! Es fehlen die einfachsten Grundlagen, sodass etwaige Versuche schon zu Beginn scheitern, gerade, wo Anstrengungsbereitschaft sowieso kein allzu weit verbreiteter Wert mehr ist. Durch das Memorieren erfolgt im besten Fall eine viel tiefere Beschäftigung mit den Inhalten. Erst wenn bestimmte Grundlagen auswendig gelernt sind, können auch schwierigere und komplexere Anwendungsaufgaben bewältigt werden. Auch in einer Diskussion macht man sich nicht glaubwürdig, wenn jedes Argument erst zusammengoogelt werden muss. Und zu guter Letzt kann schon der gesunde Menschenverstand erkennen, dass ein abgelesenes Gedicht beim Date nicht das gleiche Flair versprüht, als wenn man sich dabei in die Augen sehen kann, da man es auswendig beherrscht.

Das zweite Gegenargument bezieht sich auf die charakterlichen und sozialen Implikationen. Gesagt wird, dass das Auswendiglernen die Kinder überfordern würde. Selbstverständlich erfordert es eine ordentliche Portion Leistung, Disziplin und Fleiß. In der Grundschule werden die Grundlagen für Lernstrategien gelegt. Die Kinder sind noch in einem Alter, in dem sie sehr gut und gerne etwas auswendig lernen. Dies sollte unbedingt genutzt werden, um den Kindern erfolgreiche Lernstrategien für das Auswendiglernen beizubringen, die unglaublich nützlich für ihre weitere Schullaufbahn sind.

Kinder leben vorrangig im Moment und verstehen oft noch nicht, welche zukünftigen Auswirkungen ihre Anstrengungen für ihre Leistungen und ihr Leben haben werden. Für diese Erkenntnis müssen sie von den Erwachsenen an die Hand genommen werden. Durch die Wertschätzung ihrer Arbeit und Anstrengung durch die Erwachsenen messen wir diesen in den Augen der Kinder Wert bei. „Disziplin beginnt immer fremdbestimmt und sollte selbstbestimmt enden“, schreibt der langjährige Schulleiter Bernhard Bueb.

Die Kinder sollten spätestens im „Schonraum Schule“ lernen, dass ihnen im Leben selten etwas geschenkt wird. Für Erfolg bedarf es Anstrengung, Verzicht und Durchhaltevermögen. Auch sieht man den Erfolg nicht immer gleich und manchmal bleibt er gar aus. Die Schule kann nicht die Illusion aufrechterhalten, dass es im Leben wie bei Pippi Langstrumpf zugeht oder einem alles zugeflogen kommt. Diese Ansicht steht der derzeitigen Entlastungspädagogik deutlich entgegen. Alles, was keinen Spaß macht und längerfristige Anstrengung benötigt, wird von den Kindern ferngehalten. Diesem Phänomen werde ich den nächsten Artikel widmen.

Deshalb kommen wir gleich zu den sozialen Faktoren beim Präsentieren der Gedichte. Dies würde die Kinder nachhaltig traumatisieren und vereinzeln, denn das Erlernte muss in einer „Stresssituation“ punktuell abgerufen werden können und zwar allein – ohne den Rückhalt der Gruppe. Kinder etwas vortragen zu lassen, ohne dass sie dabei in eine Rolle schlüpfen, ist nach meinem Empfinden eine schwindende Erscheinung in der Grundschule. Immer stärker gewinnen Rollen- und Theaterspiele an Bedeutung. Vorträge werden in Gruppen gehalten. Es ist eine steile These, aber mir erscheinen hier Vergemeinschaftungstendenzen am Werk. Der junge Mensch soll sich nicht mehr aus der Gruppe heraustrauen und für sich allein stehen. Keine Einzelleistungen werden mehr herausgehoben. Lieber werden Gruppennoten verteilt, bei denen sich jeder hinter jedem verstecken kann.

Zusammenfassend ist es durchaus nicht kleinzureden, dass das Auswendiglernen für die Kinder eine Herausforderung darstellt. Wenn wir Kinder jedoch immer vor Herausforderungen in Schutz nehmen und sie nicht behutsam und altersgemäß daran heranführen, ist es kein Wunder, wenn sie später daran scheitern oder sie sich diesen entziehen werden. Die Lösung sollte somit nicht sein, die Leistungsanforderungen zu negieren oder abzuschaffen, sondern die Kinder ansprechend, leistungsorientiert und mit Weitblick darauf vorzubereiten.

Ich würde mir wünschen, dass an Kinder hohe Anforderungen gestellt werden – maßvoll mit Verstand und Herz. Kinder wollen etwas leisten, doch dafür braucht es ein Fundament. Wir sollten ihnen das beste Wissens- und Charakterfundament hierfür bieten. Wenn es nach mir geht, gern mithilfe einiger schöner auswendig gelernter Gedichte.

4 Comments

  1. Toller Artikel. Da ich in meinem Leben schon so viele Gedichte auswendig lernen musste und jetzt doch nicht mehr kann, sammle ich die meiner Kinder in einem Schnellhefter und frage sie immer mal wieder beim Abendessen ab. Ich finde das auch wichtig und toll, zu gegebenem Anlass mal ein passendes Gedicht rauszuhauen und meinem Gegenüber ein Lächeln zu entlocken.

  2. Danke für diesen Artikel – ich, Realschüler, Vater einer pubertierenden zwölf jährigen, eher solide gebildet denn Dichter und Denker, finde hier meine Grundsätze und Normen zu diesem Thema formschön und durchdacht auf den Punkt gebracht. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich gerne daraus rezitieren und mich auch der genannten Argumente bedienen um meiner Tochter den „Sinn“ des Lernens näher zu bringen.

  3. „Es besticht durch die Auseinandersetzung mit den Leistungen der eigenen Kultur und dem damit verbundenen Wissen. Das Memorieren ermöglicht eine tiefe, zurückgezogene Auseinandersetzung mit der Lyrik.“ Ist nicht das Hauptargument der Gegenseite, dass das Memorieren eben nicht eine tiefe Auseinandersetzung bewirkt? Ich hab alle Gedichte, die auswendig lernen musste zumindest mit größtmöglicher Oberflächlichkeit behandelt und es gibt zu genüge andere Möglichkeiten mir auf die Leistungen fremder und toter Menschen einen runter zu holen:). Und ja, ich fühl den Stolz auf das DichterDenkertum auch ein bisschen, aber nicht im Ansatz genug, um Gedichte zu memorieren. Gedichte an sich sind finde ich trotzdem eine feine Sache;)
    „Für mich stehen auch lebenspraktisch bedeutsame Erfahrungen im Vordergrund, abgesehen davon, dass es besonders auf das andere Geschlecht ordentlich Eindruck machen kann, wenn der Gegenüber plötzlich ein zeitloses Stück deutscher Literatur vorträgt“ Aus der Kategorie „Dinge die niemals passieren“.
    Ich kann die Ablehnung so mancher progressiven Entwicklungen ja verstehen, aber das ist keine Kritik, sondern zynischer Trotz, der übers Ziel hinausgeht. Wenn es der Autorin darum geht, dass mehr deutsche Kultur gelehrt werden soll, dann kann sie ja einen entsprechenden Artikel schreiben.

  4. Ist nicht das Hauptargument der Gegenseite, dass das Memorieren eben nicht eine tiefe Auseinandersetzung bewirkt? Ich hab alle Gedichte, die auswendig lernen musste zumindest mit größtmöglicher Oberflächlichkeit behandelt und es gibt zu genüge andere Möglichkeiten mir auf die Leistungen fremder und toter Menschen einen runter zu holen:). Und ja, ich fühl den Stolz auf das DichterDenkertum auch ein bisschen, aber nicht im Ansatz genug, um Gedichte zu memorieren. Gedichte an sich sind finde ich trotzdem eine feine Sache;)
    „auf das andere Geschlecht ordentlich Eindruck machen kann, wenn der Gegenüber plötzlich ein zeitloses Stück deutscher Literatur vorträgt“ Aus der Kategorie „Dinge die niemals passieren“.
    Ich kann die Ablehnung so mancher progressiven Entwicklungen ja verstehen, aber das ist keine Kritik, sondern zynischer Trotz, der übers Ziel hinausgeht. Wenn es der Autorin darum geht, dass mehr deutsche Kultur gelehrt werden soll, dann kann sie ja einen entsprechenden Artikel schreiben.

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