Hexenjagd auf „Hogwarts Legacy“

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Als alle „Harry Potter“-Bücher veröffentlicht und gelesen waren, endete für mich der Hype um die Zauberschule in Hogwarts. Ich las die Bücher in meiner Jugend gerne und sah sogar wohlwollend über etliche Logikfehler hinweg, mit denen die meisten Fantasyromane früher oder später zu kämpfen haben. Was mir allerdings mit zunehmendem Alter immer mehr auf die Nerven ging, waren die androgynen Gestalten, die ihre Identität zum politischen Kampf erklärt hatten und deren Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sich nach den berühmten Kinobesuchen scheinbar vervielfacht hatte. Diese Wesen fühlten sich von Hogwarts geradezu magisch angezogen, lässt sich alles in dieser Welt doch klar in Gut und Böse einteilen. Etliche von ihnen ließen sich Tattoos stechen, die eines der vier Hauswappen zeigten, aber man konnte sie auch an ihrem unglaublich nervigen, hysterischen und abgedrehten Auftreten erkennen.

Nun hätte man meinen können, dass mit dem Ende der „Harry Potter“-Verfilmungen auch dieser Typus Mensch wieder in den Hintergrund treten würde. Immerhin: Das Hauswappen wurde durch das ebenso nichtssagende Sternzeichen abgelöst. Doch die Geldkuh wird trotz ihres eigentlichen Ruhestands weiter gemolken, ein Teil der Weltflüchter ist geblieben, ein anderer Teil ist zu anderen Welten übergegangen, in denen die eigenen Unzulänglichkeiten gefeiert oder totgeschwiegen werden. Die Safe-Space-Welt von „Harry Potter“ hat viele ihrer Schneeflöckchen an linksliberale Ideologiekonstrukte verloren, in denen sie sich allerdings mindestens genau so sehr vor der gemeinen Welt sicher fühlen dürfen.

Doch was, wenn sich der alte Safe Space plötzlich als invasiv und böse entpuppt? Denn die Revolution hat mal wieder ihre Kinder gefressen; die Autorin der „Harry Potter“-Bücher, J. K. Rowling, Heldin der Kindheit vieler der Weltflüchtlinge – Entschuldigung! Weltgeflüchteten, ist mittlerweile zum Hassobjekt (oder Hasssubjekt?) geworden. Will man den Grund wissen, muss man lange recherchieren und erfährt schließlich, dass Rowling es problematisch findet, wenn Transfrauen ins Frauengefängnis kommen. Außerdem hält sie das Geschlecht für nichts rein Konstruiertes und verweist auf den Niedergang der Frauenrechte, wenn „Frau“ sein etwas ist, das man wie eine Jacke an- und ausziehen kann. Damit spricht sie Transmenschen quasi das Existenzrecht ab und gibt sie zum Abschuss frei: Ihr wird vorgeworfen, dass dieser Hass „[is] literally killing trans people“. Da kann sie sich noch so rechtfertigen und schreiben „I want trans women to be safe“ – die Hexenjagd ist offiziell eröffnet, und, tja, mit Hexen kennt sich Frau Rowling wahrscheinlich besser aus als die allermeisten.

Diese unglaublich skandalöse Transphobie ist es jedenfalls, welche die nah am Wasser gebauten Berufsempörten wünschen lässt, sie hätten in jungen Jahren ihren Körper nicht unwiderruflich mit den besagten Tattoos verunstaltet. Vielleicht sollte es eine Beratungsstelle geben, die generell eher von solchen bleibenden Eingriffen abrät, vor allem wenn man minderjährig ist – aber was weiß ich schon.



Zurück zum Thema: In der letzten Woche wurde das neue Computerspiel „Hogwarts Legacy“ veröffentlicht, was die Aufmerksamkeitsdefizit-Meute dazu veranlasst hat, mal wieder auf die Barrikaden zu gehen. Auf Twitter (der Website von Elon Musk, der sich öfters mal über die ganze Transgeschichte lustig macht) meinten Tausende Nutzer, dass man dieses Computerspiel, das bereits wenige Tage nach seinem Start einige Verkaufsrekorde gebrochen hat, weder spielen noch kaufen oder streamen sollte. „Hogwarts Legacy“ ist trotzdem ein Erfolg, auch wenn unter dem Druck des wütenden Mobs viele Streamer, unter ihnen der erfolgreichste in Deutschland namens „Gronkh“, eingeknickt sind. Gronkhs erster Reflex war, zu fragen, ob er ein schlechter Mensch sei, wenn ihm J. K. Rowling egal ist, aber die Antwort darauf hätte er natürlich kennen können. Es wurde sogar eine Website ins Leben gerufen, um Protokoll über die Geldgeber der transfeindlichen Rowling zu führen.

Jeder Witz braucht eine Pointe: Um die Absurdität abzurunden, beteuern die Spielemacher von „Hogwarts Legacy“ sogar, dass Rowling keinen Einfluss auf das Spiel gehabt habe und dass man im Spiel sogar eine Transgender-Hexe finden könne. Selbstverständlich hat dieses Entgegenkommen nicht gereicht, denn besagter Charakter heißt „Sirona Ryan“, fängt also mit „Sir“ an und hört mit „Ryan“ auf, was den gekränkten Heulsusen natürlich zu stereotypisch männlich und deshalb für eine linksliberale Utopie zu unrealistisch ist. Das neue „Harry Potter“-Spiel unterhält also sogar auf zwei Ebenen, weil es ein gutes Spiel ist und weil es Schneeflöckchen zum Schmelzen bringt, die sich vor dem Hype um das Spiel noch nie über Deals von J. K. Rowling mit Universal, Lego, Nintendo oder etlichen Spielzeugfirmen beschwert haben.

Natürlich gibt es zu der ganzen Sache noch viel mehr zu erzählen, das einen den Kopf noch energischer schütteln lässt. Manchmal möchte man aber auch nicht zu tief drinstecken und Absurditäten absurd sein lassen. Was mich diese ganze „Kontroverse“ aber wieder einmal gelehrt hat, ist, dass die Realität manchmal bessere Geschichten schreibt als die begabtesten Autor:*+innen*. Nicht nur deshalb steht auf jeden Fall fest: Den deutschen Buchpreis kann J. K. Rowling vergessen!

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