Mathis Gothart Grünewald, 1523/24

Predigt zum Karfreitag – Jesus? Der ist für mich gestorben!

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Den Satz aus der Überschrift kann ich wohl gemeinsam mit Florian Müller, Peter Kuntze und Max Reinhardt unterschreiben, lediglich die Konnotation dürfte abweichen. Mit dem Christentum und seiner zentralen Gestalt können viele Leute heutzutage, wie auch in den letzten 2000 Jahren nichts anfangen. Die Gründe dafür sind allerdings höchst unterschiedlich. Während für die einen das Christentum eine zerstörerische und gefährliche Ideologie ist, ist es für die nächsten zu schwach und steht somit der Umsetzung von politisch notwendigen Grausamkeiten im Weg.

Dieser Widerspruch fiel bereits dem Briten G.K. Chesterton auf, der in seinem Buch „Orthodoxie“ schrieb: „Was mochte das für ein Christentum sein, dass unablässig Kriege verbietet und Kriege zeugt (…),es lege der Sexualität zu viele Fesseln an (…) es lege ihr zu wenig an (…) man tadelte es gleichzeitig weil es zu farblos und zu farbenprächtig ist.“

Chesterton, der seinerzeit irgendwann vom Agnostiker zum Christen wurde, erklärte das mit der besonderen Art des Christentums, Widersprüche zu vereinen ohne sie aufzulösen. Einen solchen Widerspruch haben wir beim Kreuzestod Jesu, dessen wir an Karfreitag gedenken in Reinform. Jesus stirbt als Unsterblicher, er wird zugleich erniedrigt und erhöht, er ist das Opfer und der Priester, es finden Vergeltung und Vergebung im gleichen Augenblick statt. Klingt unlogisch?

Nach Chesterton gehören Geheimnisse zum Christentum und zur Erklärung der Welt dazu. Es gibt Dinge die selbst nicht erklärbar sind, aber in deren Licht alles andere Sinn macht. Angewandt auf den Kreuzestod heisst das: Es gibt einen Ort wo unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit und unsere Hoffnung auf Versöhnung zusammenkommen können. Wo die unausweichliche Realität des Todes und die Hoffnung auf ein ewiges Leben zueinander finden. Nicht indem faule Kompromisse gemacht werden, sondern in dem beides ganz zur Geltung kommt.

Da mag der eine, aus Angst vor der Brutalität des Kreuzes, dass seinen humanistischen Ansichten zu hart ist, mit den Worten des Apostels Petrus, der Jesus von seinem weg in den Kreuzestod abhalten will sagen: „Gott bewahre dich Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“(Mt 16,22).

Der etwas weniger sentimentale Nietzscheianer mag mit den Spöttern unter dem Kreuz rufen: „Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben“(Mt 28,42).

Es mag die Schwachheit und die zu große Stärke Gottes, die Sichtbarkeit und die Verborgenheit, die Zugewandheit und Abgewandheit am christlichen Gott kritisiert werden und doch finden dort immer wieder Menschen einen Halt, der über ein rational stimmiges, metaphysisches Gebilde weit hinausgeht. Das Christentum scheint, bei allen logischen Diskussionspunkten, die wichtigen Fragen des Menschen anzusprechen und auf seine Sehnsüchte einzugehen.

Es mag etwas schräg sein. Und ja es mag seltsam erscheinen. Die Botschaft, dass der Tod eines Israeliten vor 2000 Jahren an einem antikes Folterinstrument der einzige Weg zum Heil ist, mag paradox und skurril sein, dennoch ist er wahr. Im 1.Korintherbrief 1,18 heisst es „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft“.

Das Wort vom Kreuz bleibt genauso kantig und eckig wie das Kreuz selber. Errettung gibt es nur durch den Glauben an Jesus und die Erkenntnis der Sünde. Jesus ist eben kein lustiges Add-On, sondern ein Reboot mit neuem Betriebssystem. Karfreitag ist ein guter Tag, das herauszufinden.

Amen.

3 Comments

  1. “[…] es lege der Sexualität zu viele Fesseln an […]”

    Das habe ich nie verstanden, und obwohl ich kein großer Verehrer Chestertons bin, hat er das zumindest ansatzweise verstanden, wie man in “The Common Man” nachlesen kann.

    Es ist für mich eher das Ärgernis, daß wir wegen der Brunst anderer durch die _AUSSCHEIDUNGSORGANE_ in die Welt geschneuzt werden — und Gott da nichts gegen unternimmt.

    Ich kümmere mich auch nicht um Vorwürfe wie “Puritaner” zu sein, denn hierum geht es gar nicht. Am besten hat das Problem aus heutiger Sicht der Katholik Andy Nowicki, der selbst zwei Kinder hat, in seinen “Confessions of a Would-Be Wanker” und “Notes Before Death” ausgesprochen. Auch Nicolás Gómez Dávila war Anti-Sex (“Das Problem ist nicht die sexuelle Unterdrückung, noch die sexuelle Befreiung, sondern der Sexus.”)

    Daneben gab es Atheisten wie Agnostiker, die eine solche Tiefe erkennen ließen, z. B. Nietzsche (“gierig-scheußliche Geschlechtstrieb”) oder Schopenhauer (“Metaphysik der Geschlechtsliebe”, Zusätze zum vierten Buch des I. Bds. seiner Welt als Wille u. Vorstellung) und Otto Weininger (“Geschlecht und Charakter”).

    Eher müßten die Atheisten darlegen, wie a) Sinn ohne Gott möglich sein soll und b) woher dann Moral kommt.

    Das ist ja auch das Lachhafte am “Deutschen Ethikrat”, über den sich auch Harald Seubert in der letzten TUMULT ein wenig lustig machte (wenn auch nur in Grenzen; die Günter Maschkes oder Don Colachos sind leider eher rar gesät).

    Ohne Gott gibt es ja keinen objektiven Gesetzgeber, zumal der Tod damit auch seine Bedeutung verliert. Denn selbst wenn der Atheist trauern mag, es ergibt eigentlich keinen Sinn, legt man seinen Physikalismus an. Daher müßte neben einem Recht auf Kindstötung, die man euphemistische “Abtreibung” oder gar “Schwangerschaftsabbruch”* nennt — so, als unterbreche man kurz einen “Download” — auch der Selbstmord, euphemistisch “Freitod”, erlaubt sein.

    Was den Sinn betrifft, so kann man sich halt töten, wenn nach dem Tod nichts auf einen wartet. War wohl auch der Grund, weshalb Reinhold Schneider durchhielt; Kierkegaard hatte es ja auch kaum ertragen auf Erden. Europa war die Christenheit (s. auch Bellocs “Europe is the faith”) und es gab nie vorher einen komplett säkularen Kulturkreis. Selbst die Chinesen, Römer, Griechen nahmen Überirdisches an, ja Platon wußte ja ebenfalls, daß Moral ohne Transzendenz nicht zu denken ist.

    Dennoch Klasse, daß hier auch der Glaube vertreten wird, denn die Kirchen sind leider oft genug politisch und links (“cuckt”), das ist oft nicht zu ertragen. So, als müße man Buße tun, daß man AfD wählt oder Krautzone liest. Schuld ist daran aber nicht Christus, sondern unser Herz, welches von Jugend auf böse ist.

    * Natürlich muß neben einem Verbot der Abtreibung auch das Zuchthaus für die Lustmolche zurück, die es einfach nicht lassen können, wie weiße Afrikaner zu leben. “Affäre” nennt man euphemistisch die Unzucht oder den Ehebruch.
    Daher also Ehe und Treue bis in den Tod, oder völlige Enthaltsamkeit. Darauf hat auch der kürzliche verstorbene zehnfache Vater und Christ Jürgen Liminski hingewiesen: Daß sogenannte Alleinerziehende oder auch Stieffamilien sich meist negativ auf die Entwicklung des Kindes, bes. von Jungen, sollten sie allein bei Müttern aufwachsen, auswirkt. Selbst der Agnostiker Stefan Molyneux sprach das häufig an, da ziehe ich meinen Hut, daß er kein hängenswürdiger Casanova ist — wie z. B. Arne Hoffmann.

    Die heutigen Zustände sind nicht bloß Chaos, sondern dieser Saustall ist deprimierend ohne Ende. Siehe auch J. D. Unwins “Sex and Culture” von 1934, gelobt von Aldous Huxley, der hierin darlegte, daß es nie in fünftausend Jahren Geschichte Hochkultur neben sexueller Promiskuität gab; sie war immer Symptom des Niedergangs. In “Libido Dominandi” hat E. Michael Jones die Ursachen für die heutige Verlotterung nachzuzeichnen versucht.

  2. Addendum zur Geschlechtlichkeit: Dieser Widerspruch ist jedoch so hart, daß er mich beinahe zur Verzweiflung bringt. Denn was uns anzieht, sind ja eigentlich fast immer plumpe Äußerlichkeiten, die man nicht in der Hand hat. Denn auch Frauen freuen sich über einen Cary Grant, während ich als Quasimodo schon Millionär sein muß (und dann istśs doch bloß Hurerei).

  3. “Marxismus ist Christentum ohne Gott”. Habe mich schon länger dem Buddhismzs zugewandt, da er im Gegensatz zum Schuldkult predigenden Christentum lehrt, dass man nichts bereuen soll, da man es sowieso nicht mehr ändern kann. Ausserdem hat der “echte” Buddhismus (nicht den die die westlich Linksgrünen aus ihm machen wollen), sehr kritische Haltungen etwa zu Entwicklungshilfe und anderen Themen. Kann hier nur das Buch von Verena Reichle “Grundgedanken des Buddhismus” empfehlen.

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