Reden wir über Kapitalismus – Finger weg von meinem Eigentum!

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Letzte Woche habe ich mich darüber mokiert, dass sich viele Rechte bei der Einordnung des Kapitalismus linker Deutungsmuster bedienen, weil sie 1.) der propagandistischen Strahlkraft der marxistischen Ideologie verfallen und 2.) über keine fundierten ökonomischen Kenntnisse verfügen und daher die Ökonomie als solche und speziell den Kapitalismus nicht als wertfreie Funktion des Zusammenlebens wahrnehmen, sondern als eine von vielen politischen Ideologien.

Natürlich kann man als Rechter Marx lesen, aber man kann Marx nicht „von rechts“ lesen, denn Karl Marx und dessen Intimus Friedrich Engels begründeten mit ihrem 1848 veröffentlichten „Kommunistischen Manifest“ den modernen Sozialismus und hoben damit eine Ideologie aus der Taufe, die, samt ihrer Wurmfortsätze, dem rechten Denken diametral gegenübersteht. Marx und Engels bleiben auch nach 170 Jahren die zentralen Denker und Leitfiguren der Linken. Frage in die Runde: Gibt es den einen oder die zwei Autoren, auf die sich rechtes Denken zurückführen lässt?

Nein. Gibt es nicht. Hier zeigt sich auf der Metaebene bereits der entscheidende Unterschied zwischen der dezentralen, organischen, rechten Idee und der zentralistischen, synthetischen, linken Idee. Oder um es metaphorisch zu beschreiben: Hier steht ein Baum, dort ein Betonkubus. Dieser elementare Gegensatz spiegelt sich eben auch in der Einstellung zu allem Ökonomischen wider. Die drei Bedingungen des Kapitalismus sind:            

1. Privateigentum.

2. Produktion durch private Initiative.

3. Freie Preisbildung an Märkten.

Diese drei Bedingungen setzen ein Individuum voraus – also einen Menschen, der in der Lage ist, für sich und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Diese Bedingungen führen zwangsläufig zu einer Organisation und Hierarchisierung, wenn die Individuen miteinander in Kontakt treten. Was der Unterschied zwischen „meinem“ und „deinem“ ist, wie das Zerlegen der Beute organisiert wird, wie viele Pfeilspitzen der Bernstein wert ist, muss kommuniziert und festgelegt werden.

Mit diesen Beispielen bewegen wir uns bewusst im Archaischen, im „Vorzeitlichen“. Hier gab es noch keine Schrift, die Selbstzeugnisse beschränkten sich auf den ersten Blick auf Höhlenmalereien, und diese bleiben stumm, wenn nach Zehntausenden Jahren irgendwelche Anthropologen die „Urgesellschaft“ so oder so deuten wollen. Machen wir uns an dieser Stelle klar: Der Kapitalismus ist im Gegensatz zum Sozialismus keine in sich geschlossene Ideologie. Er steht oder fällt nicht mit dem Nachweis darüber, dass Eingeborene in Papua-Neuguinea kein Geld kennen.

Anders beim Sozialismus: Mit der „Urgesellschaft“ und dem sie umgebenden Nebel beginnt die große Rabulistik. Schon im „Manifest der Kommunistischen Partei“ lassen uns die erfahrenen Archäologen und Anthropologen Marx und Engels bereits in der ersten Fußnote wissen, dass die charakteristische Lebensform der „urwüchsigen kommunistischen Gesellschaft“ die der „Dorfgemeinden mit gemeinsamem Grundbesitz“ gewesen sei.

„Mit der Auflösung dieser ursprünglichen Gemeinwesen beginnt die Spaltung der Gesellschaft in besondere und schließlich einander entgegengesetzte Klassen.“

Marx/Engels: Das Kommunistische Manifest, Hamburg 1946, S. 33-34.

Wer so etwas schreibt, verlässt sich darauf, dass seine Leser keine Nachfragen stellen – weil sie es nicht interessiert oder weil sie es nicht dürfen. Jedenfalls führte Engels, von beiden sicherlich der begabtere Schriftsteller, in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ die Idee kommunistisch organisierter Urgesellschaften ohne Privateigentum weiter aus. Dabei stützte er sich auf die Thesen des Anthropologen Lewis Henry Morgan, der wiederum anhand seiner Beobachtungen amerikanischer Ureinwohner auf das Zusammenleben in der grauen Vorzeit schloss.

„Die Bevölkerung ist äußerst dünn: verdichtet nur am Wohnort des Stamms, um den in weitem Kreise zunächst das Jagdgebiet liegt, dann der neutrale Schutzwald, der ihn von andern Stämmen trennt. Die Teilung der Arbeit ist rein naturwüchsig; sie besteht nur zwischen den beiden Geschlechtern. Der Mann führt den Krieg, geht jagen und fischen, beschafft den Rohstoff der Nahrung und die dazu nötigen Werkzeuge. Die Frau besorgt das Haus und die Zubereitung der Nahrung und Kleidung, kocht, webt, näht. Jedes von beiden ist Herr auf seinem Gebiet: der Mann im Walde, die Frau im Hause. Jedes ist Eigentümer der von ihm verfertigten und gebrauchten Werkzeuge: der Mann der Waffen, des Jagd- und Fischzeugs, die Frau des Hausrats. Die Haushaltung ist kommunistisch für mehrere, oft viele Familien. Was gemeinsam gemacht und genutzt wird, ist gemeinsames Eigentum: das Haus, der Garten, das Langboot. Hier also, und nur hier noch, gilt das von Juristen und Ökonomen der zivilisierten Gesellschaft angedichtete “selbstbearbeitete Eigentum”, der letzte verlogne Rechtsvorwand, auf den das heutige kapitalistische Eigentum sich noch stützt.“

Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 2. Aufl., Stuttgart 1886, S. 122-123.

Das „selbstbearbeitete“ oder selbsterarbeitete Eigentum ist eben kein Vorwand, schon gar kein letzter verlogener Vorwand, auf den sich irgendein Jurist oder Ökonom stützen müsste – Eigentum, von der Idee bis zur Tatsache, das zeigt ja Engels unfreiwillig in seiner Rekonstruktion kommunistischer Urgesellschaften, lässt sich aus dem menschlichen Zusammenleben eben nicht wegdenken. Ob die Haushaltung an und für sich so kommunistisch war, wie Morgan am Beispiel amerikanischer Eingeborener zu beobachten glaubte und Engels entsprechend begeistert rezipierte, darf angezweifelt werden. Wenn schon eine geschlechtliche Arbeitsteilung vorherrschte – der Arbeitsteilung werden wir uns demnächst widmen – dann kann von dieser ausgehend auch auf eine hierarchische Organisation der Haushaltung ausgegangen werden.

Nicht nur Werkzeuge haben einen Wert, sondern auch Fähigkeiten. Der Preis, sowohl für das eine als auch für das andere, hängt von einer Funktion aus Angebot und Nachfrage ab. Grundsätzlich gilt: Je knapper ein Werkzeug/eine Fähigkeit, desto höher der Preis und dementsprechend höher der Status innerhalb des sozio-ökonomischen Gefüges. In einer Gemeinschaft führt das ganz automatisch zu einer Ausdifferenzierung, zu Organisierung der wenigen „da Oben“ und den vielen „da Unten“. Engels suggeriert allerdings für einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren eine faktische Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die er glaubte, von den selektiven Beobachtungen amerikanischer Eingeborener durch Morgan ableiten zu können. Das ist einfach hanebüchen, aber charakteristisch für sozialistische Intellektuelle.

Dementsprechend ist es bei Engels dann mit dem “Urkommunismus” und der “Gleichberechtigung” passé, weil durch die Sesshaftwerdung des Menschen und die Kultivierung des Umlands der Mann gegenüber der Frau die bessere Verhandlungsposition erlangt hätte:

“Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Manne, eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem, gesellschaftlichem Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maß in Anspruch nimmt. Und dies ist erst möglich geworden durch die moderne große Industrie, die nicht nur Frauenarbeit auf großer Stufenleiter zuläßt, sondern förmlich nach ihr verlangt, und die auch die private Hausarbeit mehr und mehr in eine öffentliche Industrie aufzulösen strebt.”

Engels: Ursprung (1886), S. 126.

Dieser Absatz ist aus zwei Gründen aufschlussreich: Einmal leitet Engels das Entstehen der – wir würden sagen: traditionellen Familie – aus der Transformation der von ihm konstruierten kommunistischen Urgesellschaft hin zur Klassengesellschaft ab. Diese Behauptung, die uns Engels als glasklare Gewissheit verkauft, steht exemplarisch für das minderwertige, weil schablonenhafte Denken im Materialismus. Gleichberechtigung, dass bedeutet für Engels, dass Männlein und Weiblein am Fließband einer “öffentlichen Industrie” arbeiten und “gesellschaftlich produktive Arbeit” zu verrichten.
Vor allem aber haben wir hier die pseudohistorische Herleitung für das, was uns Karl Marx in seiner Bibel über aberhunderte Seiten zu verklickern versucht: Das Eigentum an den Produktionsmitteln ist eine Macht, mit der die besitzende Klasse die besitzlose Klasse knechtet. Dieses Denken in Extremen, diese Reduzierung menschlicher Interaktionen, Organisationsformen und der Kultur als Ganzes auf ein schnödes Herrschen und beherrscht werden, ist einfach nur destruktiv. Es verkennt nicht nur die Komplexität der Austauschverhältnisse zwischen “Oben” und “Unten”, sondern auch den steten Wechsel der Machtverhältnisse, den Fluss der Herrschaft. Der Sozialismus skandalisiert Gegensätze, versteht sie aber nicht. Er entschuldigt die Faulen, aber er bedankt sich nicht bei den Fleißigen. Er ist nicht in der Lage, die schöpferische Kraft zu begreifen, die das Individuum auf Grundlage seines Eigentums zu entfesseln vermag.

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