Reden wir über Kapitalismus – Klassische Preistheorie

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Für die Marktakteure ist der Preis eine Information – aber eine Information über was? Wir haben in der letzten Kolumne die Entwicklung der Werttheorie von Aristoteles bis Adam Smith grob nachgezeichnet. Das ist eine Zeitspanne von rund 1.000 Jahren, und die Betonung liegt auf „grob“, denn wir können im Rahmen einer Kolumne unmöglich jeden ökonomischen Denker und jede theoretische Verästelung aufgreifen. Deutlich geworden ist aber Folgendes: Mit der Unterscheidung zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert eines Gutes hat Aristoteles in der Antike die Grundlage für die normative Einordnung des Preises gelegt.

Dieser ist für die antiken und scholastischen Theoretiker nicht einfach nur – im Verhältnis zum Preis anderer Waren – niedrig oder hoch, sondern eben gerecht oder ungerecht. Diese Auffassung muss im Kontext ihrer Zeit begriffen werden: Sowohl in der Antike als auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit fußten der innere Friede und die Stabilität einer Gesellschaft auf den Preisen für Lebensmittel. Ein steigender Brotpreis aufgrund von Missernten, Epidemien, Kriegen und anderen Katastrophen war ein existenzielles und stetig wiederkehrendes Problem. Umso beeindruckender ist daher die Tatsache, dass bereits im ausgehenden Mittelalter einige Theoretiker Abstand von der moralischen Aufladung des Preises nahmen und diesen als wertneutrale Funktion, eben als Indikator für die Knappheit der entsprechenden Ware begriffen.

Wir kamen beim letzten Mal bis zum Schotten Adam Smith, und genau dort wollen wir heute den Faden wieder aufnehmen. Smith griff einerseits die scholastische Annahme auf, dass der Aufwand (Arbeitszeit, Materialkosten, Lohn und so weiter) zur Erzeugung eines Gutes dessen natürlichen Preis bestimme. Andererseits lasse sich aber auch beobachten, dass neben diesem natürlichen Preis ein Marktpreis existiere, der sich als Funktion aus Angebot und Nachfrage bilde und damit stetig schwanke – der Marktpreis könne mal unter, mal über, mal gleichauf mit dem natürlichen Preis liegen. Langfristig nähern sich beide Preise an, was auf die Konkurrenzsituation am Markt zurückzuführen sei.

Das Über- oder Unterangebot führt somit zu fallenden oder steigenden Marktpreisen – der Preis ist also nicht länger ein Indikator für die Moral des Anbieters, sondern für die Knappheit des Gutes. Und dementsprechend ist nicht länger der von Aristoteles beschriebene Gebrauchswert die moralische Richtschnur für das Handeln der Marktakteure, sondern der von Smith beobachtete, schwankende Marktpreis. Die Marktakteure unterwerfen sich nicht den Vorgaben eines iusto pretio oder dem Nutzen eines Gutes für die Allgemeinheit, sondern handeln aus Eigeninteresse.

„[…] und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung.“

Adam Smith: Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Wohlstands der Nationen

Aber die Geschichte war hier noch lange nicht zu Ende. Smith legte mit seinem Opus magnum „Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Wohlstands der Nationen“ den Grundstein für die klassische politische Ökonomie (oder kurz: Klassik), zu der auch David Ricardo und Karl Marx gezählt werden können. Thomas Robert Malthus steuerte der Klassik mit seiner Theorie des exponentiellen Bevölkerungswachstums bei gleichzeitiger linearer Entwicklung der Nahrungsgrundlage eine wichtige theoretische Grundlage bei. Die Preistheorie blieb in der Klassik indes unvollständig.

So bemerkenswert die ausformulierten Beobachtungen von Smith sein mögen, sie beinhalten einige abstrakt-mathematische Probleme, denen sich im frühen 19. Jahrhundert zunächst der Engländer David Ricardo widmete. Dabei ging es vor allem um die Einordnung relativer Preise – also die Definition des Wertes eines Gutes gemessen am Wert eines anderen Gutes. Preise sind in einer komplexen Wechselwirkung miteinander verbunden, die sich mathematisch nicht ohne Weiteres auflösen lässt. Zur Behebung dieses Problems entwickelte Ricardo raffinierte Modelle – er gilt als der Schöpfer der modellorientierten Ökonomie –, musste dabei allerdings starke Vereinfachungen vornehmen. Marx stützte sich sowohl auf Smith als auch auf Ricardo, entfernt sich allerdings aufgrund seiner ideologischen Verschrobenheit von der ganz grundsätzlichen Frage, was denn Preise nun tatsächlich sind. Seine Arbeitswertlehre kreist wieder voll und ganz um die Vorstellung, dass die enthaltene Arbeit, in Form der aufgewendeten Arbeitszeit des Produzenten, den Wert eines Gutes bestimmen. Schließlich verhedderte er sich in den abstrakt-mathematischen Widersprüchen seines Modells. Erst im 20. Jahrhundert gelang es dem Italiener Piero Sraffa, das abstrakte Paradoxon der Preisbeziehung zu lösen – er konnte dabei Smiths These der langfristigen Annäherung der Marktpreise an die Produktionspreise mathematisch untermauern. In der Zwischenzeit hatte sich allerdings eine neue ökonomische Denkrichtung etabliert – die Neoklassik.  

2 Comments

  1. Im Grunde ist’s doch recht einfach: Käufer legt einen Preis fest und Verkäufer kauft es oder nicht. Dann hat der Verkäufer die Möglichkeit auf einen anderen Käufer zu diesem Preis, Preisminderung oder Qualitätsverbesserung. Der Käufer hat die Möglichkeit evtl bei einem Anderen billiger zu kaufen oder auf die Ware zu verzichten.

    Ganz einfach. Und so nimmt der freie Markt von alleine seinen Lauf.
    Problematisch wird’s erst wenn der Staat Monopole errichtet und es keine freie Preisbildung mehr gibt.

    • Soll natürlich heißen: Verkäufer legt einen Preis fest und Käufer kauft es oder nicht.

      Es ist doch zu warm zum denken… Man möge mir verzeihen

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