Wer sind die „Linken“ und ihre Philosophen?

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Nicht erst seit Sahra Wagenknecht auf der Titelseite des „Compact“-Magazins zu sehen war, sind die Grenzen zwischen altlinks und neurechts, „links gelesenen“ liberalen und konservativen Kräften verschwommen. „Rechte“ Grüne wie Boris Palmer oder „rechte“ Sozialdemokraten wie Thilo Sarrazin sorgen vollends für Verwirrung im politischen Kompass. Die „Mutter aller Probleme“ (Horst Seehofer über die Migration) hat sich für viele zur Gretchenfrage der politischen Ausrichtung entwickelt, aber diese Methode würde selbst einem Karl Liebknecht das Linkssein absprechen. Wie erkennt man also Linke, und was haben die Philosophen damit zu tun?

Die Einteilung der politischen Landschaft in links (der Dritte Stand) und rechts (der Adel) stammt aus dem vorrevolutionären Frankreich – der König saß in der Mitte. Seitdem erkennt man Linke daran, dass sie die gesamte Gesellschaft zu einer großen Unterschicht machen wollen, da all ihr Handeln von einem unbändigen Gleichheitswahn getrieben wird; mit Karl Marx, der nur einige Jahre nach der Revolution zur Welt kam, hatte die Bewegung endlich einen Propheten. Bis heute wird nicht nur Marx’ Denken darüber, wie man eine gleiche Gesellschaft erzeugen kann, sondern auch seine anderen Ideen stets neu interpretiert: Die (natürlich homogene) Bourgeoisie ist heutzutage eben die (natürlich genauso homogene) blasierte weiße Gesellschaft, die allein durch ihre Existenz Strukturen aufrechterhält, die eine Emanzipation der „bunten“ Gesellschaft (eine erbärmliche Parodie auf die Arbeiterklasse) verunmöglicht.

Aus Bourgeoisie gegen Arbeiterklasse wird weiß gegen bunt, weil sich das Denken der Linken an die neuen Gegebenheiten anpasst – es reproduziert sich. Auch andere Gedanken von Marx wie den historischen Materialismus findet man auch heute noch in der Linken vor, da sie sich als wirksame Mittel für das Endziel der Linken erwiesen haben: Am Ende der Geschichte soll eine Gesellschaft stehen, in der jeder wirklich gleich ist und keiner mehr über sich hinauswachsen darf. In einer Welt, in der alle gleich sind, werden selbst die Sünden dieser letzten Menschen verteilt; im Sinne der Klimagerechtigkeit wird nicht mehr nur ökonomische und strukturelle, sondern auch ökologische Gleichheit aller Menschen gefordert.

Diesmal klappt es ganz bestimmt mit der linken Utopie, wenn alles historisch Gewachsene, das Menschen voneinander unterscheidet, endlich vernichtet ist! Störenfriede, die den Weg zur totalen Gleichmachung in Zweifel ziehen, werden ohne Weiteres dem rechten Lager zugeordnet; von Friedrich Nietzsche über Ernst Jünger zu eben jenem Sarrazin und wie sie sonst noch alle heißen.

Deshalb arbeiten die Linken mit der Dekonstruktion, die als Akt der Befreiung von Strukturen fungieren soll. Diese „Strukturen“, die auf einer angeblichen Versklavung der Dritten Welt/des globalen Südens/der Entwicklungsländer und natürlich aller irgendwie unterdrückten Menschen, auch innerhalb der eigenen Grenzen, fußen, sorgen schließlich für Ungleichheit. Die Linken müssen auf dem Weg zur totalen Gleichheit immer neue Opfergruppen erschließen, um das Narrativ einer unfairen Gesellschaft, die man angleichen muss, aufrechtzuerhalten. Sie bewerkstelligen das, indem sie Gruppen „sichtbar machen“, bevor sie diese gleichschalten. Rangunterschiede und Autorität sind dabei natürlich fehl am Platz und werden extrem kritisch betrachtet; selbst die Kindererziehung bleibt von diesem Denken nicht verschont.



Warum es so wenige Denker gibt, die sich explizit als „rechts“ bezeichnen? Ganz einfach, weil sie natürlich Gewachsenes mit anmutiger Schönheit wie Geschlechter, Nationen, Ideen und Sprachen, Architektur und alle anderen Formen der anspruchsvollen Kunst nicht gänzlich in Flammen sehen wollen. Allein deshalb sind sie keine Linken und werden von außen als „reaktionär“ – nicht revolutionswillig, also rechts – abgestempelt. Etwas, das die Ungleichheit der Menschen auch nur im Sinne der Kreativität, der Schönheit oder der Fähigkeiten erahnen lässt, ist für die Linken Hochverrat.

Bereits jetzt lässt sich feststellen, dass die Frage nach dem Linkssein nicht nur eine politische, sondern vor allem eine philosophische und weltanschauliche Frage ist. Und sie bleibt aktuell, denn linke Philosophen lieben es, ihre immer gleichen (beinahe ewiggestrigen) Werte neu zu verpacken, um ihrem Ziel ein Stückchen näher zu kommen und den Anschein einer fortschrittlichen Gesellschaft auf dem Weg zur emanzipierten Utopie zu wahren.

Die Kontrolle der Sprache ist dabei das wichtigste Mittel der Linken; durch sie können Sachverhalte so hingetrickst werden, dass sie angeblich recht behalten – das momentane Jahr wird zum Weg in die „richtige“ Richtung, der Flüchtling zum Geflüchteten und die Gäste zu den Gäst*innen. Wer was anderes sagt, ist ein Faschist, ein Rassist, ein Sexist und so weiter und so fort. Ein anderes Beispiel: Linke sagen, man könne keine Grenzen schützen (in Wirklichkeit wollen sie unsere Gesellschaft natürlich noch „bunter“ machen). Doch bis 1989 verhalf ihnen ihr „antifaschistischer Schutzwall“ noch, die ganzen Faschisten aus dem Westen fernzuhalten. In Wirklichkeit fungierte er natürlich eher als Mittel, die Bewohner der DDR nicht zum angeblichen Faschismus überlaufen zu lassen. Die Linken blieben sich treu mit ihrem Motto: Wer nicht an die linke Utopie glaubt, ist eben rechts! Wie die Geschichte verlief, wissen wir ja. Aber ein faktisches Scheitern linker Staaten ändert eben nichts am philosophischen Konstrukt der Linken, weshalb ihre Philosophen und Politiker auch nicht einfach nach jedem Scheitern ihrer Ideologie an der Realität verschwinden.

Nun, so erkennt man also Linke. Natürlich könnte man diese nun getätigte Kategorisierung auf verschiedene Philosophen anwenden, um zu sehen, ob sie links sind. Oder man spart sich diesen komplexen Weg und fragt sie einfach. Genauso wie sich die Adjutanten des durchaus heterogenen links-grünen Lagers wie auch die des ebenso heterogenen rechts-konservativen Lagers auf Nachfrage schlicht als Linke oder Rechte zu erkennen geben, machen das übrigens auch die Philosophen. Sowohl implizit als auch explizit politische Philosophen ordnen sich in den allermeisten Fällen einem Lager zu. Nehmen wir sie beim Wort!

Nun, da wir die Intentionen der Linken verstehen, können wir uns ihren Ideengebern widmen. Linke Philosophen sollten in erster Linie als eben solche betrachtet werden, damit man die Intentionen hinter ihren Wortkonstruktionen versteht. Gemeint sind Eric Hobsbawm, John Kenneth Galbraith, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Louis Althusser, Jacques Lacan, Jürgen Habermas, Slavoj Žižek und viele, viele mehr. Zeit, diese Denker in diesem Lichte neu aufzurollen – mehr davon beim nächsten Mal.

1 Comment

  1. “Seitdem erkennt man Linke daran, dass sie die gesamte Gesellschaft zu einer großen Unterschicht machen wollen” – schöner kann man es nicht auf den Punkt bringen.

    Wobei, nicht die *ganze* gesamte Gesellschaft – ein kleiner Teil ist immer gleicher als gleich, und komischerweise sind das genau die gleichen welche besonders lautstark diese unmenschliche Utopie voranbringen wollen.

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