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Wie Jutta Ditfurth mir half, meinen Twitter-Account abzutreiben

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Es gab eine Zeit, da besuchte ich Twitter einfach nur zu meiner Belustigung. Warum auch nicht? Jeder kann Twitter besuchen und sich dort einige Stunden vergnügen. Problematisch wurde die ganze Geschichte erst, als aus diesen Besuchen zum Spaß ein Twitter-Account wurde. Obwohl ich es nicht geplant hatte (ich war während der Erstellung ein wenig angeheitert), hatte mich Twitter nun in seinen Bann gezogen. Die anfängliche Dopaminausschüttung, immer wenn man einen Like oder einen Follower dazubekam, war auch wirklich schön. Die Kommentare von Gleichgesinnten trugen mit Sicherheit auch dazu bei, dass ich mich mit der Zeit mit dem Gedanken anfreundete, dem Twitter-Account beim Wachsen zuzusehen.

Als ich allerdings ein paar Tage später aufwachte, war der anfängliche Reiz verloren. Ich starrte direkt in das ungeschminkte Gesicht von Twitter. Im Endeffekt war ich dort in einer Blase gefangen – einer Wohlfühlblase, sicherlich, aber dennoch einer, die mir mehr und mehr auf die Nerven ging. 280 Zeichen sind einfach zu wenig für ein gutes Gespräch, von dem im Nachhinein auf Twitter gar keins möglich war. Die Blase, in der ich verkehrte, war wie die meisten zweifelsohne eine, die sich gerne aufregte. Anfangs teilte ich die Lust, Konfrontation mit dem politischen Gegner zu suchen und mich über die vielen Fehltritte der anderen Blasen lustig zu machen. Mit der Zeit allerdings litt meine Beziehung zu Twitter unter der ständigen Polarisierung, die letztendlich dazu führte, dass ich glaubte, plump formulierte und möglichst extreme Ausführungen seien das, worauf die Meinung von politischen Entscheidungsträgern und „Influencern“ basiert. Apropos „basiert“: Auch mit diesem Begriff wurde Schindluder getrieben, so dass er von einem anfänglich lustigen Meme zum Katalysator für ungeheuerliches Kreiswichsen (selbstverständlich ohne Verhütung) verkam.

Ich erinnere mich noch genau, an welcher Stelle mir schließlich klar wurde, dass das zwischen Twitter und mir auf keinen Fall eine Zukunft haben würde. Ausschlaggebend war ein Tweet von Jutta Ditfurth, in dem sie verkündete, dass ihre zweite von drei Abtreibungen die schönste war.

Bildquelle: Twitter, Screenshot

Nun war es nicht einmal diese Aussage, die mich dazu veranlasste, Twitter für immer zu verlassen. Ich wusste schon davor, dass die Ökosozialistin (Bezeichnung von Wikipedia) Jutta Ditfurth samt ihren Anhängern einen an der Klatsche hat. Man kann sich fast sicher sein, dass Frau Ditfurth ihre Fehlgeburt nicht unter der Hilfe einer alten Antifaschistin in den italienischen Bergen bekam, sondern in einem recht bekannten Biergarten in München bei einem Weißbier.

Den Tweet bekam ich sowieso nur mit, weil ich mich in einer eher rechten Blase aufhielt, die sich natürlich gehörig darüber echauffierte. Anfangs teilte ich die Empörung, welche die Ausführungen von Frau Ditfurth zweifelsohne in mir auslösten. Was mich schließlich an all den Echokammern und dem Konzept von Twitter zweifeln ließ, war die Reaktion von „meiner Seite“. Einige Konservative meinten, nun das andere Extrem vertreten zu müssen, so dass ein Recht auf Abtreibung staatlich verboten gehöre. Die Begründung dieser oppositionellen „Großgruppe“ ließ sich grob in drei Kategorien unterteilen:

Die einen waren Huldiger des Schuldkults, den die meisten dort zwar anprangerten, der sie aber schließlich doch eingeholt hatte – die Eugenik des Dritten Reichs hatte sie dazu veranlasst, niemals wieder auch nur den Diskurs über so etwas wie das Vernichten von irgendeinem (potenziellen?) menschlichen Leben zuzulassen.

Oft schien es mir auch der Fall zu sein, dass die entsprechenden Personen sich zu lange in Kreisen der amerikanischen Rechten aufhielten, deren „Pro-life“-Bewegung wie jeder amerikanische Diskurs mittlerweile auch hier Einzug gehalten hat. Die meisten anderen meiner Blase, die Frauen nun generell die Abtreibungen verbieten wollten, waren im Gegensatz zu den Letztgenannten schlicht fundamentale Christen.

Nicht, dass ich gegen eine dieser Gruppen etwas einzuwenden hätte, ich verstehe die Motive hinter ihren Argumenten. Richtig daheim fühle ich mich dennoch in keinem dieser Lager, immerhin sind all jene aus den gleichen Gründen auch gegen die Sterbehilfe. Egoismus hin oder her, diese Macht kann mir der Staat wenigstens nur begrenzt nehmen.

Schließlich musste also auch ich resigniert feststellen, dass so etwas wie ein Diskurs überhaupt nicht zustande kam. Mit Twitter war es nun vielmehr trister Alltag, dass sich an einigen wenigen Schreihälsen aufgehängt wurde, die noch bekannter wurden, je lauter sie schrien und je mehr man bei ihren Ausführungen den Kopf schütteln musste. Das war bei Jutta der Fall, aber auch bei vielen ihrer politischen Gegner, zu denen ich auch mich selbst zähle.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass es die Möglichkeit gab, meinen Twitter-Account zu löschen, auch wenn ich die Website einfach hätte verlassen und nie wieder aufrufen können. Ich wusste allerdings, dass es für meinen Twitter-Account keine wirkliche Zukunft geben konnte. Erstens konnte ich mir in meinem jetzigen Lebensabschnitt einfach nicht vorstellen, mich alle fünf Minuten um das Geschrei dort kümmern zu müssen. Zweitens wollte ich nicht so lange warten, bis der Account so groß war, dass ich mich entweder daran gewöhnt oder es einfach kein Zurück mehr gegeben hätte.

Wenn ich die richtige Plattform für mich gefunden habe, werde ich mir erneut einen Account anlegen und auf Gedeih und Verderb bei ihm bleiben. Mit Sicherheit werde ich aber nicht so blöd sein, mir in Zukunft noch weitere Twitter-Accounts zuzulegen, von denen ich später sagen werde, den zweiten zu löschen habe mir besonders viel Spaß gemacht. An dieser Stelle wird es zynisch.

1 Comment

  1. Twitter ist ohnehin überflüssig. Bin dort schon lange weg; die Roten haben mich damals gesperrt, weil ihnen meine Meinung nicht passte. Na ja, das kenne ich ja schon…

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